Erinnerung an küçük iskender

«wie auch immer… / erscheine mir schön in meiner Nacht der Trennung / denn meine Waffe ist nur gegen das plumpe Leben gerichtet»

küçük iskender (2011, S. 67).

Wäre der 1964 geborene schwule Istanbuler Poet küçük iskender – sein Autorenname bedeutet «kleiner Alexander» , und er schrieb ihn in Minuskeln – schon mit 27 gestorben, hätte das «irgendwie passend» erscheinen können. Die gut sortierte globale Popkulturindustrie, die er als eine Erfahrungsebene seiner – meiner – Generation in die türkische «E-Literatur» einbrachte, hat auch für die Nachfrage nach «Fällen» wie ihm ein Angebot zugeschnitten, und es ist nicht das schlechteste. Hätte er es angenommen, würde er, der Rock’ n’ Roller unter den Lyrikern, die unaufhörlich von Liebe und Tod singen, heute wie Kurt Cobain und Amy Winehouse zum legendären «Klub 27» genialer Künstler_innen zählen, die in ihrer exzessiven Kreativität so wenig Rücksicht auf ihren Körper nahmen wie er auf seinen. Allerdings wird dafür im Gegenzug eben erwartet, die zu Markt getragenen Ausschweifungen – Alkohol und andere Drogen oder gar ein Leben als sex radical – in angemessener Kürze der Zeit zu einem tragischen Ende zu führen, damit es umgehend kommodifiziert werden kann. Doch küçük iskender war von Herzen Anarchist und missachtete auch solche Gesetze: Er wurde sogar noch ein klein wenig mehr als doppelt so alt wie für diese Sorte Legendenbildung vorgesehen und starb gerade deshalb viel zu jung. Am 3. Juli 2019 erlag er nach monatelangem Aufenthalt in der Intensivstation eines Krankenhauses seiner Geburtsstadt einem Krebsleiden.

«Live» bin ich ihm am 10. November 2003 begegnet, in einem Jugend- und Kulturzentrum in der Potsdamer/Ecke Pallasstraße in Berlin-Schöneberg, an einem Montagabend. Die Veranstaltung mit küçük iskender war eine Art Nachklang zum großen Kongress, mit dem sich GLADT am Wochenende zuvor erstmals einer breiten Öffentlichkeit vorgestellt hatte. Ich war neugierig auf ihn, hatte vom «verwegenen» Image des berühmten Dichters gehört, von dem am Rand des Saals mindestens ein Dutzend verschiedene Bände zum Verkauf auslagen, aber ich konnte ja noch kaum Türkisch, freute mich schon, wenn ich aus seinem Vortrag immer mal wieder mir geläufige kulturelle Referenzen, von David Bowie bis Julia Kristeva, heraushörte und genoss ansonsten seine physische «Performance» . Ja, er gab – ein Widerspruch in sich – genau den auf alle Konventionen pfeifenden Literaten, den das sprachkundigere Publikum von ihm erwartete. Doch während er im Lauf der Lesung ein Sixpack Beck’s leerte und eine Zigarette nach der anderen rauchte, schien ihm sein «Gig» selbst so viel Spaß zu bereiten, dass nichts daran aufgesetzt wirkte. Als er es schließlich in mehreren Anläufen nicht vermochte, das Wort «Türkiye» auszusprechen, ohne loszuprusten, war es auch um mich geschehen – und ich wünschte mir, ich könnte «Deutschland» genauso weglachen. So heiter eingestimmt, wurde danach sogar ein gemeinsamer Ausflug in die «Dunkelkammern» des Schöneberger Homokiezes zum Vergnügen.

Seit 2011 gibt es von küçük iskender zumindest einen schmalen Auswahlband auf Deutsch. Blättert man ihn auf der Suche nach Antworten auf die Frage durch, was diesen Poeten in der Türkei so immens populär machte – einige seiner 26 Gedichtbände erlebten dort bis heute, für zeitgenössische Lyrik in Deutschland undenkbar, sechs oder sogar sieben Auflagen, und selbst wenn er in entlegenen Provinzstädten auftrat, gab es regelmäßig lange Warteschlangen –, bleibt man ratlos, wenn man den in unseren Breiten leider eingeübten Abstand zwischen «Alltagsverstand» und «hoher Literatur» zugrunde legt. Seine Gedichte, wiewohl in der Tradition der türkischen Moderne «geerdet» ,  sind voller Reminiszenzen an den französischen Symbolismus, die US-amerikanische Beat Generation und den Rock’ n Roll, an «postmoderne» Philosophie und «ungeschützten» schwulen Sex im Zeitalter von HIV und AIDS. «Typische» Verse lauten etwa: «dann kommt Lou Reed/ und wir frühstücken zusammen/ Schafskäse, Oliven, schwarze Feigenmarmelade/ und etwas Blut, zwischen zwei Scheiben Brot» (küçük iskender, 2011, S. 76) oder «ein gescheiterter Rebell von dreiunddreißig/ in seinem Arsch siebenundsiebzig Peniswunden/ diese Karte schicke ich dir/ höchstwahrscheinlich/ aus Paris» (ebd., S. 34). Hierzulande würde sich bestenfalls die akademische literarische Hermeneutik an die «Entschlüsselung» solcher Zeilen wagen, in der Türkei aber unternahm eine unerschrockene junge Generation von Leser_innen unterschiedlichster Herkunft diese Aufgabe und übte sich dabei im freien Denken.

Das Erstaunliche an der politischen Wirksamkeit von küçük iskenders Gedichten ist – von hier aus gesehen –, dass er sich nirgendwo in seinem Schreiben an das «Volkstümliche» anbiederte oder gar irgendeine Form von «Parteilyrik» ablieferte. Im Gegenteil, wenn sich in seinen Lesungen «die alleranarchistischsten Kids und die am meisten ‹bedeckten oder bekopftuchten Mädchen›» zusammenfinden konnten, ohne sich zu zerstreiten (Stockford, 2015) – aber vielleicht, um später gemeinsam den so hoffnungsvoll stimmenden Gezi-Park-Aufstand von 2013 zu machen –, lag es einerseits an dem Respekt,  den man ihm allgemein als «offen» lebendem Schwulen entgegenbrachte (ebd.).  Andererseits schätzte man, dass er niemals die  Poetik kompromittierte, die er in seinen Notizen für Rimbaud formuliert hatte, wobei das «Schiff» natürlich für den genialischen jungen Dichter und seine Dichtung steht:

«Gibt es  etwas  Schrecklicheres, als dass ein Schiff nach einem Anlegehafen suchen muss? Was die Beziehung zwischen Schiff und Hafen definiert, dürfte in diesem Fall das Bedürfnis nach Zuflucht und Schutz sein – und zugleich die Unfähigkeit, den Wunsch nach einer systemkonformen Selbsterneuerung aus seinen Gedanken zu verbannen! […] Der Versuch, sein Gedicht in einem Hafen unterzubringen, kann den Dichter nur zu einem Falschmünzer werden lassen, zu nichts anderem!» (küçük iskender, 2011, S.90.)

Er wog die abgenutzte Rede von der «Haltung des Dichters». Gemeint sei damit meistens «das respektvolle Porträt eines Menschen, der, aus politischer Identität geformt, bereit ist, die Opferrolle am Altar einer freien Welt zu spielen» . Dem setzte er sein ganz anderes Verständnis von «Haltung» entgegen: «[…] nicht Standfestigkeit unter Beweis zu stellen, die doch schnell erlahmen kann, sondern den Mut, gemeinsam [mit anderen] und für sich selbst […] auf den Beinen zu stehen, […] fern von jedem Despotismus, die Dimensionen ständig ausdehnend. […] Solange wir der Bedeutung der Worte und deren Ableitungen aufmerksam folgen, werden wir unsere Kraft aus einer geheimen Machtquelle schöpfen.» (Ebd., S. 90f.)

Und daraus zog er eine radikale Schlussfolgerung zum Verhältnis von Leben und Literatur,  der ich mich anschließen möchte: Denen, «die das Lächeln aus unserem Gesicht, die Frechheit aus unserem Herzen und die Aufrichtigkeit aus unserem Gehirn ausreißen wollen, sollen wir nicht nur das Wort, sondern auch die Körpersprache entgegensetzen. Schlagen wir sie!» (Ebd., S. 91.)

Quellen: küçük iskender: Weisheit der Sinne. Notizen für Rimbaud. Türkische Gedichte und Essays. Frankfurt a. M. 2011: Literaturca Verlag • Stockford, Caroline: To Make a Sound. Caroline Stockford interviews küçük iskender. Online: https://yrakha.com/2019/09/23/to-make-a-sound-caroline-stockford-interviews-kucuk-iskender-derman-iskender-over/

Dieser Text erschien zuerst in der Zeitschrift Rosige Zeiten, Ausgabe 185 (März/April 2020), S. 4/5.

Freitext 20: überschreiten …

In der neuen Ausgabe des Kultur- und Gesellschaftsmagazins Freitext finden sich wieder literarische Übersetzungen von Koray Yılmaz-Günay (externer Link). Die Kurzgeschichten aus dem Türkischen sind von Arzu Alkan Ateş (Das Spiel), Ahmet Büke (Sie lebten von Hund in Knochenbrühe und von Träumen), Yavuz Ekinci (Nennt mich İsmail) und Aykut Ertuğrul (Das Keyfekader-Café). Salih Alexander Wolter hat drübergelesen. Das Magazin aus Berlin-Schöneberg macht es sich seit jetzt zehn Jahren zur Aufgabe, mit Aufsätzen, Gedichten, Theaterstücken und Romanauszügen, mit Bildern und Gesprächen eine transkulturelle Perspektive auf die Kulturproduktion in Deutschland zu etablieren. Im Jubiläumsheft finden sich Herausgeber Deniz Utlu, die Redaktionsmitglieder Marianna Salzmann und Mutlu Ergün (a.k.a. Sesperado Lyrical Guerilla Berlin) sowie als Gastautor_innen Jin Haritaworn, Zülfukar Çetin u. v. a.

«Wir sind n Liebespaar. Okay?» Für Perihan Mağdens «Ali und Ramazan»

Aktualisiert am 12. Juli 2014

Salih Alexander Wolter:
«Wir sind n Liebespaar. Okay?» Für Perihan Mağdens Ali und Ramazan

thumb-AliundRamazanDer packendste ‹schwule› Roman seit langem ist von einer Frau und kommt aus der Türkei: Ali und Ramazan von Perihan Mağden, einer prominenten gesellschaftskritischen Schriftstellerin und Zeitungskolumnistin, war dort 2010 ‹Buch des Jahres› und stand monatelang auf der Bestsellerliste. Hierzulande hat diese Geschichte bei einigen Rezensenten aus der ‹Community› Anstoß erregt. Aus stilistischen Gründen, wie sie sagen. ‹Kitsch› lautet der Vorwurf, der sich ästhetisch gibt und doch nur schlecht kaschieren kann, dass es die politischen Implikationen sind, die hier nicht gefallen. Als ‹Beleg› schreiben sie einer vom anderen diese unschuldige Stelle ab: «Ali und Ramazan vereinigen sich erstmals in jener Nacht, auf dem Bettsofa des Herrn Direktor, und das wieder und wieder, bis zum nächsten Morgen. Sie werden eins. Werden zu Ali und Ramazan. Bis in alle Ewigkeit. Bis zum Ende ihrer viel zu kurzen Ewigkeit.»

Sie sind zwei Jungen in einem İstanbuler Waisenhaus. Ali hat es nach einer Familientragödie, deren Einzelheiten im Unklaren bleiben, aus der Provinz Hatay im äußersten Süden der Türkei hierher verschlagen. Er gehört zur arabischen Minderheit der Nusayris, weshalb ihn Ramazan «mein Fellache» nennt, und sein prügelnder Vater war ein versoffener Fischer. (Das Abschreiben verrät sich unter anderem darin, dass daraus gleich bei mehreren schwulen Bloggern «Ali, der Kurde aus einem Bergdorf» wird! Aber klar, passt schon, von Kurden und dass es da irgendein Problem gibt, haben wir mal was gehört…) Der wunderschöne Ramazan wurde als Säugling im Innenhof einer Moschee ausgesetzt und vom Imam und seiner Frau nach dem Morgengebet der staatlichen Obhut übergeben. Womit dann auch die Religion ihre Rolle in diesem Buch gespielt hat. Das Berliner Homo-Magazin Siegessäule hebt dies in seiner Besprechung – eine löbliche Ausnahme – hervor: «Und nicht einmal fällt das Wort Islam.» Stattdessen erlebt das Kind von früh an, was bei uns vorzugsweise aus kirchlichen Einrichtungen bekannt geworden ist: fortgesetzten sexuellen Missbrauch, in diesem Fall durch den «Herrn Direktor». Ali und Ramazan freunden sich an, verlieben sich ineinander, und es geschieht: siehe oben. Ich möchte lieber nicht wissen, was nach dem literarischen Geschmack des schwulen Mainstreams bei zwei Jugendlichen passieren sollte, die es zum ersten Mal miteinander treiben und herausfinden, dass es gut ist, das Beste, was sie bisher erlebt haben – für Ali und Ramazan bewirkt es genau das, was Perihan Mağden beschreibt. Die beiden sind fortan unzertrennlich. Um noch einmal die Siegessäule zu zitieren: «Für so eine Liebe würde man auch Dreck schlucken.» Und den werden sie bekommen, reichlich.

Wir wissen, dass ihre Geschichte schlecht ausgeht, denn sie wird uns vom Ende her erzählt: Meldungen, die im Dezember 1992 im Massenblatt Hürriyet erschienen, auf Seite drei, dort, wo sich die Räuberpistolen finden und das Schlüpfrige. Da ist einmal vom tödlichen Sturz eines Strichers die Rede, der sich, die Taschen voller Geld, aus einer Wohnung im sechsten Stock eines vornehmen Apartmenthauses abseilen wollte, in der er zuvor seinen Freier umgebracht hatte. Dann von einem jungen Mann, einem Lösungsmittel-Schnüffler, der sich im Rohbau eines neuen Kinderheims erhängt hat. «Waren Ali und Ramazan also Schwuchteln? Endet man so als Schwuchtel? Reißt einfach das Kabel, man stürzt ab und ist tot?», fragt die Autorin. «Und wer sind die beiden überhaupt? Welche Bedeutung haben sie?» Es ist eine wahre Geschichte, deren traurige Fakten Perihan Mağden recherchiert hat und für deren innere Authentizität und Schönheit inmitten einer brutalen Wirklichkeit ihre Kunst bürgt. Kitsch wäre etwas ganz anderes: das nämlich, was viele deutsche Kritiker von einem ‹schwulen› Roman aus der Türkei offenbar erwarten, obwohl sie es besser wissen könnten, nachdem inzwischen beispielsweise Bücher von Murathan Mungan und küçük iskender in Übersetzung vorliegen (um nur zwei der bekanntesten ‹einschlägigen› Vertreter der türkischen Gegenwartsliteratur zu nennen). Doch nein, Ali und Ramazan gehen nicht zugrunde, weil ihnen eine dem religiösen Eiferertum verschriebene Gesellschaft aus purer Homophobie ihr Glück nicht gönnte. Sie gönnt es ihnen nicht, das stimmt, aber dem Glück der beiden steht zuallererst eine soziale Ordnung entgegen, in der arme Jungen wie sie keine Chance haben und die durch ein Coming-out nicht aus der Welt geschafft wird. «‹Scht›, macht Ramazan. ‹Nimm dieses Wort nich in den Mund. Wir sind keine Schwuchteln oder so was. Wir sind n Liebespaar. Okay?›»

Mit 18 werden Ali und Ramazan, die nur die Grundschule besucht haben, vom Waisenhaus vor die Tür gesetzt und sollen selbst sehen, wo sie bleiben. Damals hat die ‹marktwirtschaftliche Modernisierung› der Türkei begonnen, reihenweise fallen Jobs für Menschen ohne Ausbildung weg. Die beiden erfahren die Staatsgewalt, einer nach dem anderen beim Zwangsdienst in der Armee, Ramazan auch, als er auf einer Polizeiwache gefoltert wird. Er macht für Geld, was er gelernt hat, von früh an beim Herrn Direktor, und doch nur mit seinem Ali gern tut: Er fickt – damit sie zu einer kleinen Wohnung kommen und sich über Wasser halten können. Ali ist ein kräftiger junger Mann, doch weil ihm die Ehrlichkeit ins Gesicht geschrieben steht, findet er nicht einmal als Markthelfer Anstellung. Er beginnt zu trinken und zu schnüffeln, denn er kommt mit Ramazans Sexarbeit nicht klar. Dessen Kundschaft reicht vom einfachen Lastträger über den braven mittelständischen Familienvater, bei dem das angewärmte Milchfläschchen fürs Baby auf dem Tisch steht, bis zum exaltierten Oberschicht-Schwulen. Je wohlhabender die Freier sind, desto fordernder treten sie dem «Bezahlstecher» gegenüber auf: «‹Hach, unser Schnucki sieht ja nicht nur lecker aus, sondern ist auch ein richtig harter Kerl! Haben wir denn auch einen ordentlichen Bolzen im Paket?›» Umso weniger auch wollen sie Ramazans selbstbestimmte Grenze – er macht es nur aktiv, obwohl er weiß, dass jedes Mal auch dabei seine «Seele gefickt» wird – akzeptieren. Für seinen letzten Kunden, einen Komponisten türkischer Kunstmusik, hält er hin, in der Aussicht auf eine besonders hohe Summe, mit der es dann vielleicht reichen würde, um mit Ali irgendwo anders ein neues Leben anzufangen. So weit ihre «viel zu kurze Ewigkeit».

Was Perihan Mağden, ohne ihre Helden zu idealisieren, eindrucksvoll zeigt und was von ihren schwulen deutschen Kritikern in Wahrheit abgelehnt wird, ist die «Klassenkenntnis», von der Pier Paolo Pasolini in seinen Freibeuterschriften einmal  sagte, dass ohne sie das Klassenbewusstsein unvollständig bleibe. So herum stellte sich das Problem zu seiner Zeit, in den frühen 1970er Jahren – lange bevor der akademische Begriff ‹Intersektionalität› geprägt wurde. Pasolini sah ‹Homosexualität›, sofern damit gleichgeschlechtliches Begehren, schwuler Sex gemeint war, als etwas «klassenunabhängig Universelles» an, etwas, was es in jeder Epoche menschlicher Geschichte und Kultur gegeben hat, und empfahl der politischen Linken, darin das Potential einer Ergänzung der marxistischen Analyse gesellschaftlicher Zusammenhänge zu erkennen. Die Idee, diese aufzugeben und eine ‹schwule Identität› unabhängig von der sozialen Position anzunehmen, lehnte er dagegen ab.

Die engagierte türkische Linke Perihan Mağden stellt ihrem Buch ein Zitat von Raoul Vaneigem voran: «Leute, die über Revolution reden oder über Klassenkampf, ohne sich dabei explizit auf das alltägliche Leben zu beziehen, die nicht verstehen, was subversiv an der Liebe ist und was positiv ist an der Zurückweisung von Beschränkungen, solche Leute haben eine Leiche in ihrem Mund.» Vielleicht kann sich davon hier und heute nicht angesprochen fühlen, wer schon vom Klassenkampf bestimmt nie redet – aber worauf kauen solche Leute eigentlich herum? Dieser Roman jedenfalls ist der Konfektionsware, die unter dem ‹schwulen› Label en gros angeboten wird, himmelhoch überlegen, denn er spricht von dem, was uns zwischen ‹Wir-sind-doch-wie-alle-anderen-auch›-Getue auf der einen und Sozialarbeiter-Gehabe auf der anderen Seite abhandengekommen scheint: von der ganz großen, der einmaligen Liebe zweier junger Männer.

Perihan Mağden: Ali und Ramazan. Roman, aus dem Türkischen von Johannes Neuner, Berlin 2011: Suhrkamp/Reihe Nova, 192 Seiten, broschiert, 13.95 €.

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Hinweis: Dies ist die leicht überarbeitete Fassung eines Beitrags, der unter dem Titel Ali und Ramazan zuerst in der Zeitschrift Rosige Zeiten, Ausgabe 139 (Mai/Juni 2012), S. 42/43, erschienen ist.

Freitext 19: Neue türkische Literatur

Das neue Heft des Kultur- und Gesellschaftsmagazins Freitext (externer Link) wird am Freitag, dem 20. April 2012, im Ballhaus Naunynstraße in Berlin-Kreuzberg gefeiert. Ab 21 Uhr tragen Mutlu Ergün (a.k.a. Sesperado Lyrical Guerilla Berlin), Moona Moon, die Angry Birds u. a. dort ihre «gesammelten Kopfschmerzen» vor. Die Veranstaltung findet im Rahmen der Literaturreihe «Vibrationshintergrund» statt, die von dem Schriftsteller Deniz Utlu kuratiert wird. Utlu, bekannt für seine «Minimals» und als Mitautor des Bestsellers Manifest der Vielen, ist zugleich Herausgeber der zweimal jährlich erscheinenden Zeitschrift, die versucht, «eine transkulturelle Perspektive auf die Kulturproduktion in Deutschland zu etablieren». Die aktuelle Ausgabe bietet u. a. einen Einblick in die Gegenwartsliteratur der Tükei: Die Erzählungen von Karin Karakaşlı, Menekşe Toprak, Serkan Türk und Güray Süngü wurden von Koray Yılmaz-Günay übersetzt. Salih Alexander Wolter hat drübergelesen.