Koray Yılmaz-Günay & Salih Alexander Wolter: Pink Washing Germany? Der deutsche Homonationalismus und die «jüdische Karte»

Zuletzt aktualisiert am 4. November 2016 (Nachtrag zur wissenschaftlichen Rezeption erweitert)

Ein Band, in dem «die Beschreibung gesellschaftlicher Verhältnisse stets um die Handlungsebene zur emanzipatorischen Entwicklung von Politik ergänzt» wird. Heinz-Jürgen Voß auf kritisch-lesen.de (externer Link)

«Bei der Auslagerung von Homophobie wie von Antisemitismus zu Menschen, die als migrantisch und/oder muslimisch identifiziert werden, spielen schwule Meinungsbildner seit den 1990er Jahren eine wichtige Rolle. Der Zentralrat der Juden in Deutschland wird nicht müde, auf die Gefahren des antimuslimischen Rassismus und auf gemeinsame Interessen hinzuweisen, wie etwa in den Debatten um das Kopftuch oder die Beschneidung von Jungen. Demgegenüber bedient sich die ‹Community› einer Rhetorik gemeinsamen Leids mit ‹den› Jüd_innen, um eine strukturell rassistische und antisemitische Dominanzgesellschaft in ihren Grundfesten zu bestätigen. Indem sich der deutsche Homonationalismus positiv auf das ‹geläuterte Deutschland› bezieht, bewirkt er – gewollt oder ungewollt – vor allem eine Deutschwaschung der schwulen Szenen.» Koray Yılmaz-Günay/Salih Alexander Wolter (Wer MACHT Demo_kratie?, S. 73)

Im Juni 2013 veröffentlichte die Edition Assemblage in Münster den Sammelband Wer MACHT Demo__kratie? Kritische Beiträge zu Migration und Machtverhältnissen, hg. von Duygu Gürsel,  Zülfukar Çetin & Allmende e. V. (256 Seiten, broschiert,  16.80 €, ISBN 978-3-942885-34-8).  Er enthält Beiträge von Martina Benz, Houria Bouteldja, Zülfukar Çetin, Safter Çınar, Juan Pablo Díaz & Pablo Hermann & OKK (Organ Kritischer Kunst), Gaston Ebua, Urmila Goel, Ramon Grosfoguel, Duygu Gürsel, Cağrı Kahveci, Christiane Mende, Stephen Sulimma, Vassilis Tsianos, Ulu Turgay, Women in Exile sowie Koray Yılmaz-Günay & Salih Alexander Wolter.

Der Essay Pink Washing Germany? Der deutsche Homonationalismus und die «jüdische Karte» von Yılmaz-Günay/Wolter ist auch online zu lesen (PDF mit dem vollständigen Text). Eine gekürzte Fassung erschien vorab in ZAG Antirassistische Zeitschrift, Heft 63 (externer Link zum Beitrag). Am 17. August 2013 fand beim Berliner Festival gegen Rassismus ein gut besuchter Workshop zum Buch mit Herausgeber Zülfukar Çetin und den Autoren Safter Çınar, Turgay Ulu und Salih Alexander Wolter statt. Die erste Würdigung des Sammelbands, dem es in besonderer Weise gelingt,  «Aktivismus und theoretische Reflexion miteinander zu verbinden», gab es auf dem Mädchenblog (externer Link zur Rezension). Für kritisch-lesen.de besprach Heinz-Jürgen Voß das Buch und ging dabei ausführlich auf die Beiträge von Vassilis Tsianos und Yılmaz-Günay/Wolter ein, die jeweils die Beteiligung von weißen «Mittelschichts-Schwulen an rassistisch und klassistisch ausgrenzender Politik» analysieren (s. Link am Anfang dieses Artikels).

Nachtrag zur Rezeption von Pink Washing Germany? Der deutsche Homonationalismus und die «jüdische Karte»: Der Text wird u. a. in folgenden wissenschaftlichen Buchveröffentlichungen zitiert: Zülfukar Çetin & Savaş Taş: Kontinuitäten einer Kooperation: Antimuslimischer Rassismus in Zivilgesellschaft, Wissenschaft und Staat, in: Farid Hafez (Hg.): Jahrbuch für Islamophobieforschung 2014, Wien 2014: New Academic Press, S. 19-41; Heinz-Jürgen Voß: Homosexualität in den Naturwissenschaften, in: Florian Mildenberger u. a. (Hg.): Was ist Homosexualität? Forschungsgeschichte, gesellschaftliche Entwicklung und Perspektiven, Hamburg 2014: Männerschwarm Verlag, S. 345-373; Heinz-Jürgen Voß: Zwischen Wissenschaft und Bewegung. Hirschfeld zu geschlechtlichen Zwischenstufen – und das Abbrechen mit der Nazi-Zeit, in: Rüdiger Lautmann (Hg.): Capricen. Momente schwuler Geschichte, Hamburg 2014: Männerschwarm Verlag, S. 87-108; Friederike Schmidt & Anne-Christin Schondelmayer: Sexuelle und geschlechtliche Vielfalt – (k)ein pädagogisches Thema?, in: dies. & Ute B. Schröder (Hg.): Selbstbestimmung und Anerkennung sexueller und geschlechtlicher Vielfalt. Lebenswirklichkeiten, Forschungsergebnisse und Bildungsbausteine, Wiesbaden 2015 (das Buch lag bereits im Herbst 2014 vor): Springer VS, S. 223-240); Zülfukar Çetin: Der Schwulenkiez. Homonationalismus und Dominanzgesellschaft, in: Iman Attia u. a. (Hg.): Dominanzkultur reloaded. Neue Texte zu gesellschaftlichen Machtverhältnissen und ihren Wechselwirkungen, Bielefeld 2015: Transcript Verlag, S. 35-46); Jin Haritaworn: Queer Lovers and Hateful Others: Regenerating Violent Times and Places, London 2015: Pluto Press (Vertrieb in den USA durch die University of Chicago Press); Zülfukar Çetin & Heinz-Jürgen Voß: Schwule Sichtbarkeit – schwule Identität. Kritische Perspektiven, Gießen 2016: Psychosozial-Verlag.

Ist Krieg oder was? Queer Nation Building in Berlin-Schöneberg

Zuletzt am 4. November 2016 aktualisiert (Notiz zur Rezeption des Textes erweitert)

Der folgende Essay wurde eigens für Karriere eines konstruierten Gegensatzes: zehn Jahre «Muslime versus Schwule» – Sexualpolitiken seit dem 11. September 2001, hg. von Koray Yılmaz-Günay, verfasst. Bei der Edition Assemblage erschien im Dezember 20114 eine Neuausgabe des Bandes (216 Seiten, broschiert, 18,00 €, ISBN 978-3-942885-53-9).

Salih Alexander Wolter:
Ist Krieg oder was? Queer Nation Building in Berlin-Schöneberg

«Auch der Begriff der Nation […] bleibt mir fremd. Vielleicht, weil ich in einer Stadt aufgewachsen bin, die zu keinem Land gehört hat.»
Michael Wildenhain
1

«Ein Mummenschanz der Perversionen»

In unserem Namen ist die im Januar 2006 erschienene Broschüre der Berliner «Initiative Queer Nations» überschrieben. Diese wolle, heißt es im Grußwort des Regierenden Bürgermeisters von Berlin, «an die Tradition Magnus Hirschfelds anknüpfen» und in der Stadt eine Einrichtung zur wissenschaftlichen Erforschung von «Geschichte und Gesellschaftlichkeit der Homosexualitäten und der Diskriminierung Homosexueller» schaffen. Dass hier die eine oder andere «schmerzliche Erinnerungslücke» zu schließen wäre, wie von Klaus Wowereit beklagt,2 erweist sich auf den ersten Blick.

«Berlin als die Hauptstadt unseres Landes», schwärmt der Werbetext, für den der taz-Journalist Jan Feddersen, Mitbegründer und Vorstandsmitglied des Vereins, als Redakteur verantwortlich zeichnet, «ist näher denn je an den Lebensgefühlen, die Briten wie Christopher Isherwood Ende der Zwanzigerjahre in ihre Heimat berichteten: liberal, tolerant, im preußischen Sinne bestens geeignet, jeden und jede nachseiner und ihrer Fasson glücklich werden zu lassen.»3 Tatsächlich schreibt Isherwood in seinen Memoiren, er habe gewollt, dass die Leser_innen seiner Bücher «in Berlins grauen Straßen und heruntergekommenen Massen, in Armut, Stumpfsinn und Langeweile des überdimensionalen preußischen Provinznests, das zu Deutschlands scheinbarer Hauptstadt geworden war, Spannendes entdeckten». Dass Nachgeborene ihn um seine Zeit dort beneideten, erschien ihm deshalb «schmeichelhaft, aber auch ironisch».4

Er selbst drängte damals seine Zimmerwirtin in der Schöneberger Nollendorfstraße dazu, kommunistisch zu wählen,5 und empfand «eine herrliche Freiheit» nur in der Gesellschaft burschikoser junger Arbeiter– «und fast alle waren sie arbeitslos» – in einfachen Kreuzberger Kneipen6 . An den Westen der Stadt erinnert er sich dagegen so: «Kreischende Jungs in Frauenkleidern und Mädchen mit Monokel, Smoking und Kurzhaarfrisuren wie in Eton spielten dem schaudernden Betrachter hier Jubel, Trubel, Heiterkeit eines Sodom und Gomorrha vor, womit sie ihnen [sic] die Bestätigung gaben, dass Berlin immer noch die dekadenteste Stadt in Europa sei.» Für Isherwood ist das nur ein «Reklamespruch» im Wettbewerb der Metropolen gewesen, denn was «konnte man da den Berlinbesuchern noch bieten außer einem Mummenschanz der Perversionen?»7

Die Broschüre der «Queer Nations» fährt übrigens unmittelbar fort: «Die alljährliche Parade am Christopher-Street-Day zählt zu den mächtigsten touristischen Magneten Berlins: Kein schlechter Ton vermiest diesen sommerlichen Umzug jener, die noch vor gar nicht so langer Zeit verfolgt und bestraft und im bürgerlichen Sinne kaum mehr gesellschaftsfähig sein konnten.»8

Europäische oder anatolische Seite?

Die B 1, die hier erst Haupt-, dann Potsdamer Straße heißt, sei «der Bosporus von Schöneberg», war kürzlich im Berliner tip zu lesen, der der voranschreitenden Aufwertung des Stadtteils eine Titelgeschichte widmete.9 Das Magazin empfahl Interessierten den Verlauf der Bundesstraße zur groben Orientierung im «neuen Schöneberg», das im Berlin-Vergleich der letzten Jahre überdurchschnittliche Preissteigerungen bei Neuvermietungen von Standardwohnungen aufweist.10 Etwa zweieinhalb Kilometer lang zieht sie sich vom Innsbrucker Platz, wo S-Bahn-Ring und Autobahnauffahrt die südliche Grenze der Innenstadt markieren, bis hinauf zur Kurfürstenstraße, deren Nordseite schon zum Verwaltungsbezirk Mitte gehört, durch das dichtbesiedelte Terrain zwischen Wilmersdorf und Kreuzberg: «Westlich davon liegen die beliebten Wohnlagen, östlich die Problemgebiete.»

Im Schöneberger Norden ist diese soziale Topographie zuweilen noch mehr Anspruch als Wirklichkeit – nicht nur, weil Menschen aus allen Himmelsrichtungen zusammenströmen, wenn in der Kirche am Dennewitzplatz Lebensmittelpakete der Berliner Tafel ausgegeben werden. In den Nachkriegsblocks der Bülow- und Frobenstraße, einem Quartier westlich der Potsdamer, wo sich institutionelle Anleger am Erbe der aufgegebenen städtischen Baupolitik gesundstoßen, beschweren sich auch Alteingesessene über die Prostitution, die sich hier im Gefolge der EU-Erweiterung ausgebreitet habe. Dabei war die Gegend in der zentralen Randlage der Hauptstadt bereits zu Kaisers Zeiten einschlägig bekannt und bot später literarischen Gestaltungen der westberliner Tristesse das passende Lokalkolorit, vom Weltbestseller der Christiane F. bis zu Pieke Biermanns Huren-Krimi Potsdamer Ableben. Die Journalisten Benny Härlin und Michael Sontheimer beschrieben 1983 für die Kulturzeitschrift Transatlantik den Drogenstrich und die zahlreichen Billigpuffs und zitierten einen Kenner, der meinte, «wenn Sie mal vierhundert Meter links und rechts von der Bülowstraße einfach alle Leute einsammeln würden, da hätten sie gut und gern 10 000 Jahre Knast zusammen».11 Doch der Versuch, sich das eigene Milieu respektabel zu reden, ist nicht neu – die halbe Stadt hat sich so durch die Mauerjahre gemogelt.

Jüngeren Datums ist hingegen in Schöneberg die Frage: «Europäische oder anatolische Seite?» Sie impliziert die Lösung eines Problems, das nach 1989/90 gerade in dieser Hälfte Berlins dringend wurde, wo die sich abzeichnende Realität des «wirtschaftsgeographischen Begriffs ‹Deutschland›» (Georg Fülberth)12 den Verlust des in der jahrzehntelangen Systemauseinandersetzung inszenierten «Wir» umso spürbarer machte: Wie lässt sich die weitere Zugehörigkeit zu einer «Wertegemeinschaft» begründen, «die trotz des Endes des West-Ost-Konflikts mit ‹der Westen› umschrieben wird»? Die Antwort – «Es mussten neue Blöcke her, die in überzeugender Weise gegeneinander stehen»13 – verbindet sich, wie Koray Yılmaz-Günay gezeigt hat, mit dem gesellschaftlichen Aufstieg eines bestimmten Teils der bundesdeutschen Schwulenszene. Für diesen ist «Schöneberg» ebenso sehr Chiffre wie begehrter Lebensort – wobei alles, was damit heute assoziiert wird, im «Westen» liegt.

Hier zog vor dem Rathaus, in dem während des Kalten Kriegs der Durchhaltewillen verwaltet wurde, eine grüne Bezirksbürgermeisterin 1996 erstmals im Vorfeld des Christopher Street Days die Regenbogenfahne auf, und seit dem 1. August 2001 können drinnen Eingetragene Lebenspartnerschaften stilvoll im Goldenen Saal geschlossen werden. Weiter nördlich bietet, außer «schwulen» Blumenläden, der Kiez um Nollendorfplatz und Motzstraße ein gut sortiertes Nachtleben, samt Bars, in denen Jungs aus Rumänien anschaffen, und Clubs, die sich auf die unterschiedlichsten Fetische spezialisiert haben. Natürlich will man da wohnen, am liebsten in saniertem Jugendstil im Bayerischen Viertel, aber «dabei» ist man auch schon mit einer der Zwei-Zimmer-Hutschachteln, die im Wiederaufbauprogramm der 1950er/1960er Jahre auf den freigebombten Flächen übereinandergestapelt wurden und heute oft für teuer Geld als «Altersabsicherung» weggehen. Auch der «Lesben- und Schwulenverband in Deutschland» (LSVD) residiert hier seit einigen Jahren – in einer repräsentativen Altbau-Zimmerflucht, für die der Bezirk die Miete zahlt. Von da wäre es ein bequemer Spaziergang, gen Osten die Bülowstraße entlang, zum «Bosporus». Doch einflussreiche schwule Publizisten wurden nach dem 11. September 2001 nicht müde, die Gefahren dieser Nähe zu beschwören.

Aufbruch im «Problemgebiet»

Dabei kam die zweite deutsche Schwulenbewegung von der «anderen» Seite. Im Osten Schönebergs, in der Kulmer Straße, eröffnete 1977 die sozialistische Homosexuelle Aktion Westberlin – gegründet vor vierzig Jahren, im August 1971 – das Schwulenzentrum, bald einfach als SchwuZ bekannt. Es befand sich in einer Fabriketage – man nannte so was noch nicht «Loft» – im Hinterhaus einer Mietskaserne im «Sanierungsgebiet», das zum Abriss für die «autogerechte Stadt» vorgesehen war. Deshalb wurden hier bevorzugt «Gastarbeiterfamilien» angesiedelt, denen Menschen folgten, die dem Bürgerkrieg im Libanon oder der Militärdiktatur in der Türkei entkommen waren.

Damals ein Heranwachsender, erinnere ich mich, dass sich die Männer, die das SchwuZ in den späten 1970er und frühen 1980er Jahren aufsuchten, erkennbar nicht bemühten, bürgerlichen Normen zu entsprechen. Meist Studenten, die es um nichts in den Muff der westdeutschen Provinz zurückzog, vom drohenden Zwangsdienst zu schweigen, führten sie im «Tante-Magnesia-Raum» – eine Hommage an Magnus Hirschfeld, den Mentor der ersten Schwulenbewegung im Berlin Kaiser Wilhelms und der Weimarer Republik – leidenschaftliche Diskussionen über die Beiträge für ein radikales Blatt namens Schwuchtel und feierten an den Wochenenden ausgelassene Partys. Aber Konflikte mit der Nachbarschaft gab es allenfalls wegen der Lautstärke, wenn am frühen Sonntagmorgen «Brühwarm» über den Hof schallte: «Wann, wann, wann fangen wir endlich an, warm zu leben?»

Ist in Schöneberg einfach eine Entwicklung nachgeholt worden, die in den USA bereits Mitte der 1970er Jahre einsetzte? Dort verlor – so Annamarie Jagose in ihrer Einführung in die Queer Theory – das «Befreiungsmodell sowohl für die Schwulen- als auch für die Lesbenbewegung an Bedeutung».14 Sie machten sich nun daran, eine «Community» nach dem ethnischen Modell der amerikanischen Schwarzen aufzubauen, die auf «Gay Pride» basierte15 und anfangs «den kulturellen Unterschied hervorhob»16 . Beabsichtigt war, «die Homo-Identität einer legitimen Minderheit zu etablieren, deren offizielle Anerkennung Lesben und Schwulen die Bürgerrechte einbringen würde».17

Indes warnte etwa der schwule französische Philosoph Michel Foucault, der «im Kampf für die Rechte der Schwulen kein Endziel, sondern nur eine Zwischenetappe» sehen wollte,18 früh vor dem Eincruisen in den gesellschaftlichen Mainstream. Schon im Oktober 1981 schien es ihm «nur ein kleiner Fortschritt», sollten «die Menschen die Ehe kopieren müssen, damit ihre persönliche Beziehung anerkannt wird».19 Vielmehr gehe es darum, das heterosexuelle Modell der monogamen Zweierbeziehung durch «Freundschaft als Lebensweise» abzulösen. Am östlichen Bülowbogen hatten Schwule im gleichen Jahr erst einmal ein leerstehendes Gebäude besetzt, um im «Tuntenhaus» neue Formen des Zusammenlebens auszuprobieren.

«Der Türke war zu schön»

Im alten Schöneberg blieben die Beziehungen zwischen mehrheitsdeutschen Schwulen und «türkischen» oder «arabischen» Männern nicht notwendigerweise beschränkt auf «friedliche Koexistenz» und gelegentliche kurze, wenn auch intensive Begegnungen auf der «Klappe», wie im Homo-Jargon die gebührenfreien öffentlichen Bedürfnisanstalten hießen, die es damals anstelle der vollhygienischen und mit funktionaler Musik bespülten Individual-Bezahlklos der Firma Wall gab. In Lothar Lamberts Film Nachtvorstellungen von 1977 flieht ein junger Kerl vor seiner nervenden Freundin ins Kino, wo zufällig der schwule Streifen Der Türke war zu schön läuft, und beginnt sich in den Protagonisten hineinzuversetzen. «Filmebene, Tagtraum und Wirklichkeit gehen ineinander über», fasst das Nachschlagewerk Out im Kino zusammen, wie er sich nun seinerseits einem Mann zuwendet – der Lambert-Entdeckung Mustafa Iskarani.20 Und der schwule Schriftsteller Hubert Fichte konnte, als er im Frühjahr 1985 die ersten Reaktionen der westberliner Szene auf Aids festhielt, das gerade die Schlagzeilen der Weltpresse zu beherrschen anfing, noch ganz selbstverständlich notieren:

«Die Schwulen mit positiver Lymphreaktion geben ein Fest.
Der Kurde Ahmed.
– Warum sind alle in Deutschland so mürrisch, so traurig?
– Ist Krieg oder was?
Hussein der blonde Libanese.
Familienvater.
Mit jenem unaussprechlichen Mehr an Rundung am Arsch.
Wie er stöhnt und sich ficken lässt, oder fickt.
Was für ein Jammer.»21

Was nicht heißt, dass alles «multikulti» gewesen sei. Zwei andere Westberlin-Filme Lamberts belegen das Gegenteil: In 1 Berlin-Harlem aus dem Jahr 1974 findet ein Ex-GI als Schwarzer hier keine eigene Wohnung, doch dafür Schwule, die ihn gern «als exotisches Sexobjekt […] bei sich aufnehmen». Als er fälschlich der Vergewaltigung angeklagt wird, erwartet auch der Anwalt, der ihn vor Gericht freibekommt, eine sexuelle Gegenleistung.22 Und in Fucking City von 1981 gibt es nicht nur das Ehepaar, das über Kontaktanzeigen «junge Ausländer für Sexspiele» sucht, sondern ebenso den schwulen Fleischer, der nach Feierabend als Ledermann durch den Park streift. Als es ihm schließlich ein «Asylant» richtig angetan hat, soll seine Schwester diesen heiraten, damit er «auch künftig mit ihm seinen Spaß haben kann».23 Lambert zeigte Schwule, die – was den allgegenwärtigen Rassismus anbelangt, aber auch durch die Reproduktion von gesellschaftlichen Ausschlüssen untereinander, zumal in den «Herrenbars» mit Klingelknopf – unter den herrschenden Bedingungen Mittäter sind. Entsprechend wurde von sich allmählich etablierenden Homos früh zum Boykott gegen ihn aufgerufen.24 Aber wie es ein weiterer authentischer Zeitzeuge unter den Homo-Cineasten, Frank Ripploh (Taxi zum Klo, 1980), ausdrückte: «Im Schwulsein liegt Freisein, Schönsein, Ästhetik, sagen sie. In Wirklichkeit und in dem Film ist auch viel Dreck und Bürgerlichkeit dabei.»25

Geordnete Verhältnisse

Die Bürgerlichkeit heute verdeckt den Dreck besser – für den Deal «Aufenthaltserlaubnis gegen Sex» müsste der Fleischer nicht mehr die Schwester einspannen, er könnte ihn im Goldenen Saal selbst klarmachen. «Gemessen an den eigenen Ansprüchen war das ethnische Modell erfolgreich», stellt Annamarie Jagose fest.26 Das gilt auch hierzulande. Die Verhältnisse scheinen geordnet – wer sich als Hälfte eines Homo-Paars registrieren lässt, gehört (zu) «uns». Mehrdeutigkeiten wie «Schwuler» und «Familienvater», erst recht «Schwuler» und «Kurde» oder «Libanese» sind nicht mehr vorgesehen. Als sich die Berliner «Gays & Lesbians aus der Türkei», kurz GLADT, im November 2003 im Rathaus Schöneberg mit einem zweitägigen Kongress zur Situation türkeistämmiger Lesben, Schwuler und Transgender in der Bundesrepublik der Öffentlichkeit vorstellten, machte das hauptstädtische Homo-Magazin Siegessäule mit der Schlagzeile «Türken raus!» auf.27 Ein Spiel mit dem Coming-out-Slogan und zugleich rassistische Parole, war beides genau so gemeint: Nachdem «Türk_innen» ihr Coming-out hatten, sollten sie gefälligst als solche unsichtbar werden. Auf den Punkt brachte es 2008 der Titel von Nurkan Erpulats Stück «Bist du schwul, oder bist du Türke?».

Dreißig Jahre nach Foucaults Einspruch hat sich die Differenz, auf die die Aktivist_innen von einst so stolz waren, auf ein überschaubares und in allen westlichen Ländern mehr oder weniger gleichförmiges Repertoire von sexuell «Eindeutigem» reduziert. Statt zu einer «‹Anreizung› peripherer Lüste», wie sie sich der Vordenker der «Subversion» vom schwulen Aufbruch erhofft hatte, kam es zu der von Georg Klauda in Die Vertreibung aus dem Serail konstatierten «beispiellosen Verknappung von Verhaltensweisen, die als Ausdruck einer devianten sexuellen Identität konstruiert und wahrgenommen» werden.28 Von der breiten Öffentlichkeit als «gewagt» empfunden und vielerorts nach wie vor verpönt, gehören sie in einigen Vierteln deutscher Großstädte – und namentlich im Motzstraßenkiez von Berlin-Schöneberg – zum Straßenbild, ohne dass den weißen Homos dort «die Heteronormierung der eigenen Gesellschaft» (Klauda)29 überhaupt noch auffallen würde. Stattdessen erscheint es ihnen plausibel, das Problem der nach wie vor virulenten Homophobie an «die Muslime» zu delegieren. Warum? Sobald man «lesbische und schwule Subjekte als eine Gruppe zu fassen begann, die auch als Minderheit zum Mainstream gehörte, wiederholten sich» – wie Jagose ausführt – «Zentralisierungs- und Marginalisierungsprozesse». Und dabei verhielt es sich «nicht einfach so, dass die lesbische und schwule Community, die das ethnische Modell beschrieb, zufällig überwiegend weiß war. Vielmehr konnte die Kategorie race […] als nur unwesentliche oder bestenfalls zusätzliche Identitätskategorie verstanden werden, da die Organisation der Community eben auf einem einzigen Identifikationsmerkmal beruhte: der sexuellen Orientierung.»30

Die Eindimensionalität der neuen schwulen Lobby, die sich in Westberlin wie in der Bundesrepublik unter dem Eindruck der Aids-Krise zu formieren begann, erschien angesichts von deren Dramatik zunächst geradezu zwingend – stand doch die reale Gefahr der völligen Entrechtung von Angehörigen der sogenannten «Hauptrisikogruppe» im Raum. Aber wie es hierzulande längerfristig gelingen konnte, die eigene Position in der Gesellschaft über die Abwertung vermeintlich «Anderer» zu stärken, wird letztlich erst vor dem Hintergrund des Kurses verständlich, den Deutschland nach dem Anschluss der DDR nahm. So sehr es bis heute an einer ernsthaften öffentlichen Auseinandersetzung mit den Pogromen des entfesselten «fremdenfeindlichen» Mobs Anfang der 1990er Jahre fehlt, als überall im Land bestialische Morde verübt wurden – so eingespielt ist inzwischen der «zivilisierte» Rassismus, mit dem ihn die Herrschenden zu besänftigen und in ihre «neue Weltordnung» mitzunehmen gedachten.

Im Windschatten dieser Entwicklung vermochten eine Minderheit von Schwulen und noch weniger Lesben sich einen halbwegs anerkannten Platz zu sichern und in sorgfältig abgesteckten Revieren – die daher umso heftiger verteidigt werden – «nach seiner und ihrer Fasson glücklich» zu werden, sofern sie die nötigen finanziellen Voraussetzungen mitbringen. HIV und Aids bedeuten ein erhöhtes Armutsrisiko seit derselben «rot-grünen» Bundesregierung, die «uns» den Herzenswunsch nach amtlicher Anerkennung «sozialer Treue» erfüllte, zu der Volker Beck die Eingetragene Lebenspartnerschaft zum zehnten Jahrestag ihrer Einführung herabstufte31. Und wie erstrebenswert kann sie für Menschen sein, die auf Hartz IV angewiesen sind, in Zeiten, da viele Paare beim Jobcenter vorgeben, sich getrennt zu haben, um nicht noch weniger Unterstützung zu erhalten? Doch die Beglückten gaben im Gegenzug ihr Jawort zu den neuen imperialistischen Feldzügen und tragen im Inland bereitwillig zur Stimmungsmache gegen ohnehin besonders benachteiligte Bevölkerungsgruppen bei.

«Im weitesten Sinne dem muslimischen Kulturkreis zuzurechnen»

Es bedurfte als Anstoß nicht des Attentats auf den Filmemacher Theo van Gogh im November 2004 in Amsterdam, begangen von einem «jungen Islamisten aus der marokkanischen Einwanderer-Gemeinde» – wie die Zuschreibung in den Medien meist lautete32 –, um den «Krieg gegen den Terror» auch in Schöneberg zu eröffnen und hier im Ergebnis die Demarkationslinie «zwischen den Kulturen» auf den Stadtplan zu übertragen.

Das besorgte der aus Westdeutschland zugezogene Jan Feddersen, der bis dahin als Schlagerfreund und Propagandist der «Homo-Ehe» hervorgetreten war, schon ein Jahr früher und gewiss nicht zufällig am Wochenende, als sich GLADT, herausgewachsen aus einem Zusammenschluss schwuler Migranten aus dem Norden des Stadtteils, im Rathaus präsentierte. Den Kindern der «Gastarbeiterfamilien» und Flüchtlinge von einst sollte beigebracht werden, dass ihre Heimatstadt nicht dasselbe sein kann wie «die Hauptstadt unseres Landes». Der Artikel in der taz vom 8. November 2003 erinnerte zunächst an einen Ausspruch des holländischen Rechtspopulisten Pim Fortyn – der 2002 von einem Tierschützer aus der weißen Bevölkerung ermordet worden war, was kaum kritische Betrachtungen zur kulturellen Identität des Täters inspirierte hatte –: «Ich habe nichts gegen Araber, ich schlafe sogar mit ihnen.»33 Nachdem so vorab klargestellt schien, dass schwuler Rassismus schlimmstenfalls eine Sottise sein konnte, gab Feddersen die Kampfansage von Alexander Zinn weiter, der damals für den LSVD sprach und «auf politische Korrektheiten keine Rücksicht nehmen» wollte: «Wir gehören zur Bürgerrechtsbewegung der Homosexuellen – und wenn Einwanderer uns angreifen, dann darf das nicht tabuisiert werden.»

Der Autor nannte Beispiele, aus denen er einen «Trend» ablesen wollte, der «in der hauptstädtischen Schwulenszene (und nicht nur dort) ängstliches Gemurmel ausgelöst» habe. So sei die Geschäftsstelle des LSVD – seinerzeit noch in einem schlichten Ladenlokal östlich der Hauptstraße untergebracht – ein «beliebtes Objekt des aggressiven Spotts» von Jugendlichen aus der Nachbarschaft, und ein paar Blocks weiter nördlich gebe es am Schaufenster des Café PositHiv Farbschmierereien von Kids, «deren Aussehen, so heißt es überaus vorsichtig, auf einen türkischen oder arabischen Hintergrund hindeutet». Das Aids-Selbsthilfeprojekt werde deswegen gar «schließen müssen», behauptete Feddersen – tatsächlich verhalf der Alarm dem Café zum Umzug auf die Westseite des Schöneberger Nordens, noch bevor auch der LSVD dort komfortables Obdach fand. Schon vor Ort in Stellung war Bastian Finke von Maneo, «dem Schwulen Überfalltelefon im Berliner Homobürgerrechtszentrum Mann-o-Meter», der wisse, dass «39 Prozent der Gewaltakte» auf das Konto von jungen Männern gingen, «die im weitesten Sinne dem muslimischen Kulturkreis zuzurechnen sind, egal ob sie einen deutschen Pass haben oder einen der Türkei». Feddersens Fazit: Schöneberg drohe «jenseits der Nollendorfplatzszene […] für Schwule zur No-go-Area zu werden».

Nicht in meinem Namen

Sechseinhalb Jahre später hielt, wiederum im Rathaus Schöneberg, ein Berliner LSVD-Vorstandsmitglied dem Bundesverbandstag seiner Organisation «erregt die drohende ‹Überfremdung› deutscher Städte und damit einhergehende ‹veränderte Mehrheiten›» vor Augen.34 Maneo wird heute vom «rot-roten» Berliner Senat wie von den Grünen weiterhin gehätschelt und von den inzwischen in der Stadt aktiven neurechten Kleinparteien gern zur Beglaubigung ihrer «Islamkritik» zitiert35, auch wenn so ziemlich jede Zahl, die Bastian Finke jemals veröffentlicht hat, mehrfach widerlegt worden ist – selbst Homo-Medien wissen längst, dass die Statistiken des «Anti-Gewalt-Projekts» aller Wissenschaftlichkeit spotten.36

Was bleibt – abgesehen davon, dass Finke sein Auskommen hat –, ist das Gerücht von den «Muslimen», das Leute wie er, Alexander Zinn und Jan Feddersen in Umlauf gebracht haben. «Man weiß eigentlich auch, dass es in Berlin häufig junge Männer mit Migrationshintergrund sind, das soll man aber nicht sagen», schrieb zum Beispiel Martin Reichert am Vortag des Berliner Christopher Street Day 2010 zum Thema «Gewalt gegen Schwule» in der taz, wo dies unablässig gesagt wurde, und vermerkte im «Schwulenviertel Berlin-Schöneberg eine nicht mehr wegzudiskutierende Türkenfeindlichkeit».37 Die schien ihn, der hier stellenweise nahezu wortgleich wiederholte, was im Vorjahr in einem anonymen Hetzartikel auf Politically Incorrect zu lesen war, aber nicht weiter zu stören. Lieber setzte er, abermals analog dem rassistischen Weblog, vereinzelte Übergriffe auf mehrheitsdeutsche Schwule mit der Verfolgung der europäischen Juden in Beziehung und stellte einen abenteuerlichen Vergleich zwischen der Situation der Community und der des im Nahen Osten isolierten Staates Israel an.38

So wird das gezielt verbreitete Ressentiment denen als unterdrückte Wahrheit aufbereitet zurückgegeben, die befreit ihren unerschrockenen Vorkämpfern beipflichten sollen: «Das muss man doch einmal sagen dürfen.» Und das tun sie nun also und sprechen endlich «alles» aus – hier im Kiez wie anderswo in jenem «Deutschland», das sich so wenig «abgeschafft» hat, wie die Mehrheit seiner Bewohner_innen bisher in der Lage zu sein scheint, sich gesellschaftlich zu verorten statt in einer «Nation», die doch auch als «queere» imaginär bleibt. Mögen deshalb andere in ihrem Namen reden – nicht in meinem.

  1. Aus einem Vorabdruck aus Michael Wildenhains Roman Träumer des Absoluten, in: Neues Deutschland vom 23./24. August 2008. [zurück]
  2. In unserem Namen, Broschüre des Berliner Vereins «Initiative Queer Nations», Berlin 2006, Seite 5. [zurück]
  3. Ebd., Seite 12. [zurück]
  4. Christopher Isherwood, Christopher und die Seinen, Verlag Bruno Gmünder, Berlin 1992, Seite 169. [zurück]
  5. Ebd., Seite 120. [zurück]
  6. Ebd., Seite 34. [zurück]
  7. Ebd., Seite 33. [zurück]
  8. In unserem Namen, Seite 12. [zurück]
  9. Artikel In zentraler Randlage, in: tip 15/11, erschienen im Juli 2011. [zurück]
  10. Vgl. Artikel Der zähe Kampf der letzten Mieter, in: taz Berlin vom 2. August 2011. [zurück]
  11. Benny Härlin & Michael Sontheimer, Die freudlose Gasse, in: Transatlantik, Ausgabe vom Januar 1983. [zurück]
  12. Vgl. Georg Fülberth, Finis Germaniae. Deutsche Geschichte seit 1945, PapyRossa Verlag, Köln 2007, Seiten 277–281. [zurück]
  13. Koray Yılmaz-Günay, Frauen und Homosexuelle im «Clash of Civilizations», in: Rechtspopulismus in Berlin – Rassismus als Bindeglied zwischen der «Mitte» der Gesellschaft und Neonazismus?, Broschüre des Berliner Bündnisses «Rechtspopulismus stoppen», Berlin 2011, Seite 42. [zurück]
  14. Annamarie Jagose, Queer Theory. Eine Einführung, Querverlag, Berlin 2005, Seite 79. [zurück]
  15. Ebd., Seite 48. [zurück]
  16. Ebd., Seite 79. [zurück]
  17. Ebd., Seite 81. [zurück]
  18. Michel Foucault, Ästhetik der Existenz. Schriften zur Lebenskunst, Suhrkamp Taschenbuch, Frankfurt a. M. 2007, Seite 116. [zurück]
  19. Ebd., Seite 117. [zurück]
  20. Axel Schock & Manuela Kay, Out im Kino. Das lesbisch-schwule Filmlexikon, Querverlag, Berlin 2003, Seite 257. [zurück]
  21. Zitiert nach: Peter Braun, Eine Reise durch das Werk von Hubert Fichte, Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main 2005, Seite 279 f. [zurück]
  22. Schock & Kay, Seite 17. [zurück]
  23. Ebd., Seite 133. [zurück]
  24. Vgl. ebd., Seite 113. [zurück]
  25. Ebd., Seite 331. [zurück]
  26. Jagose, Seite 82. [zurück]
  27. Siegessäule, Ausgabe vom November 2003. [zurück]
  28. Georg Klauda, Die Vertreibung aus dem Serail. Europa und die Heteronormalisierung der islamischen Welt, Männerschwarm Verlag, Hamburg 2008, Seite 13 (vgl. meine ausführliche Rezension, in: Rosige Zeiten, Ausgabe Dezember 2008/Januar 2009 [Direktlink zum Text]). [zurück]
  29. Ebd., Seite 123. [zurück]
  30. Jagose, Seite 83. [zurück]
  31. Vgl. Interview mit Volker Beck, in: Siegessäule, Ausgabe vom August 2011. [zurück]
  32. In Deutschland mag öfter die Rede vom «Zuwanderer» gewesen sein – eine Wortschöpfung, die aus dem CDU-Jargon in die Amtssprache und damit leider auch in die der Mainstream-Medien übernommen wurde. [zurück]
  33. Jan Feddersen, Was guckst du? Bist du schwul?, in: taz vom 8. November 2003. [zurück]
  34. Dirk Ruder, «Deutschland» soll helfen, in: junge Welt vom 17./18. April 2010. [zurück]
  35. Vgl. die Presseerklärung Den «Bewegungsschwestern» ans Herz gelegt des Berliner Bündnisses «Rechtspopulismus stoppen», veröffentlicht am 18. April 2011 (PDF). [zurück]
  36. Vgl. Ralf Buchterkirchen unter www.schwule-seite.de (Direktlink). [zurück]
  37. Martin Reichert, Jetzt reicht’s langsam!, in: taz vom 18. Juni 2010. [zurück]
  38. Vgl. Andreas Hieronymus, Schwule und Muslim_innen zwischen Homophobie und Islamophobie, in: Karriere eines konstruierten Gegensatzes: zehn Jahre «Muslime versus Schwule» – Sexualpolitiken seit dem 11. September 2001, hg. von Koray Yılmaz-Günay, Berlin 2011, S. 137. In einem der Beispiele für die Propaganda von PI-News heißt es dort: «In Berlin häufen sich die Angriffe auf Homosexuelle. Jeder weiß, dass die Täter fast ausnahmslos junge Moslems sind. Aber das darf man ja nicht denken, geschweige denn aussprechen.» [zurück]

Notiz zur Rezeption des Textes:

Anna Böcker verweist in ihrem Beitrag Rassismus schreiben und schweigen in dem wissenschaftlichen Sammelband Gewalt und Handlungsmacht. Queer_Feministische Perspektiven, hg. vom Gender Initiativkolleg, Campus Verlag, Frankfurt a. M. 2012, S. 66 wie folgt auf den Schluss von Ist Krieg oder was? Queer Nation Building in Berlin-Schöneberg: «Es gibt unzählige aktuelle Beispiele für die Mobilisierung emanzipatorischer Rhetorik für ihr entgegenstehende Projekte von Abschottung, militärischer Aggression und Ausgrenzung, wie etwa die Funktionalisierung der Kritik von Sexismus, Homophobie und Antisemitismus, um Muslim_innen auszugrenzen und Mehrheitsdeutsche als fortschrittlich zu konstruieren – während aber die grundlegende heterosexistische Gesellschaftsstruktur intakt bleibt (oder sich gegebenenfalls leicht verbessert). Konkret wird beispielsweise homophobe Gewalt nicht dadurch verringert, dass sie aus der ‹Mitte der Gesellschaft› wegprojiziert wird, sondern zusätzlich rassistische Gewalt befördert. Ähnlich kann gefragt werden, ob muslimische Frauen marginalisierende Kampagnen sonderlich feministisch sind. Im Rahmen der Theoretisierung von Homonationalismus (als Kurzform von ‹homonormative nationalism›) werden solche Zusammenhänge sexualisierter Rassialisierungen umfassend analysiert, prominent von Jasbir Puar (2007) mit Terrorist Assemblages: Homonationalism in Queer Times. In den Worten von Encarnación Gutiérrez Rodríguez (2011: 95) untersucht Puar in  ‹ihrer Analyse der biopolitischen Logik homonationaler Diskurse […] die Schnittflächen der Diskurse um sexuelle Rechte und dem offiziellen staatlichen Anti-Terror- und Kriegsdiskurs, in dem der Islam als prä-moderner homophober Gegenpol zum sexuell aufgeklärten modernen Westen konstruiert wird›. Seitens kritischer Wissensproduktion gilt es, Alternativen zu entwerfen, diesen Politiken und der Vereinnahmung zu widersprechen (zum Beispiel Wolter 2011: 24) und auch die eigene Arbeit auf eben die Fallstricke zu überprüfen, die eine solche Vereinnahmung ermöglicht.» Gina Gleissner bezieht sich in ihrer an der Wiener Universität 2014 vorgelegten Diplomarbeit Imperial Rainbow. Rassifizierende «Othering»-Prozesse im LGBTIQ Kontext – Theoretische Konzepte und exemplarische Anwendungen u. a. auf Ist Krieg oder was? …  Ihre sehr lesenswerte Arbeit ist online hier zu finden (PDF – externer Link). Benno Gammerl & Rainer Herrn verweisen auf den vorliegenden Text in ihrem Aufsatz Gefühlsräume – Raumgefühle. Perspektiven auf die Verschränkung von emotionalen Praktiken und Topografien der Moderne, erschienen in sub\urban – zeitschrift für kritische stadtforschung, Band 3, Heft 2 (2015), S. 7-22, und online hier zugänglich (externer Link).  Ausführlich zitiert Zülfukar Çetin Ist Krieg oder was? … in seinem wichtigen Beitrag Der Schwulenkiez. Homonationalismus und Dominanzgesellschaft für den von Iman Attia, Swantje Köbsell & Nivedita Prasad hg. wissenschaftlichen Sammelband Dominanzkultur reloaded. Neue Texte zu gesellschaftlichen Machtverhältnissen und ihren Wechselwirkungen, Transcript Verlag, Bielefeld 2015, S. 35-46, der dem Andenken der im April 2015 überraschend verstorben Birgit Rommelpacher gewidmet ist (externer Link zur Verlagsseite hier). Auch Jin Haritaworn von der York University in Toronto verweist in seinem sehr empfehlenswerten Werk Queer Lovers and Hateful Others: Regenerating Violent Times and Places, Pluto Press, London 2015 (Vertrieb in den USA durch die University of Chicago Press), auf den vorliegenden Text. Wiederum ausführlich zitiert wird Ist Krieg  oder was? … im neuen Buch von Zülfukar Çetin & Heinz-Jürgen Voß, Schwule Sichtbarkeit – schwule Identität. Kritische Perspektiven, Psychosozial-Verlag, Gießen 2016.

Die Komplizenschaft verweigern

Salih Alexander Wolter:
Die Komplizenschaft verweigern

Was beim «großen CSD-Finale» in Berlin an jenem 19. Juni 2010 passiert ist, dürfte inzwischen allgemein bekannt sein; so viel ist seither über die Einzelheiten berichtet, so oft sind sie kommentiert worden. Etwa die entlarvende Ansage eines feisten Homofunktionärs von der Bühne am Brandenburger Tor herab an eine Gruppe queerer Migrant_innen – als sie Judith Butler mit Beifall für die Ansprache dankten, mit der sie eben den «Zivilcourage-Preis» des CSD e. V. zurückgewiesen hatte, rief er ihnen zu: «Wir sind hier in der Mehrheit, ihr seid nur eine Minderheit.» Der Eklat hat auf einen Schlag zum Hauptthema gemacht, was vom schwul-lesbischen Paradeweg in die sogenannte «Mitte der Gesellschaft» jahrelang an den Rand der Aufmerksamkeit gedrängt worden war. Auf einmal geben sich die Medien nicht mehr mit dem zufrieden, was die Pressestelle des LSVD zum Bewusstseinsstand der Community verlautbart, sondern beginnen, genauer hinzuschauen – sogar die der Szene selbst. Und plötzlich haben es alle immer schon gewusst: Es gibt bei uns Rassismus.

So berichtet die Siegessäule jetzt anlässlich der skandalösen Türpolitik des CSD-Sponsors Connection Club: «Die Entwicklung, dass Asiaten nicht in bestimmte schwule Etablissements in Schöneberg eingelassen werden, gibt es schon länger.» So ist es – und es geht dort noch weit schlimmer zu. Bereits Ende 2003 fabulierte Jan Feddersen, der Szenebezirk in dem viele Migrant_innen zu Hause sind, drohe «für Schwule zur No-go-Area zu werden». In der taz forderte der langjährige CSD-Funktionär damals unter Berufung auf das fragwürdige «Antigewaltprojekt» Maneo eine «Zivilisierung des Vormodernen» und meinte damit junge Männer, «die im weitesten Sinne dem muslimischen Kulturkreis zuzurechnen sind». Mittlerweile ist im Homokiez, wie dasselbe Blatt kurz vor dem diesjährigen Umzug konstatierte, «eine nicht mehr wegzudiskutierende Türkenfeindlichkeit entstanden». Dies schien den Journalisten freilich nicht sonderlich zu stören, der sich übrigens auch nicht scheute, vereinzelte Angriffe auf Schwule mit der Geschichte der europäischen Judenverfolgung in Beziehung zu setzen und einen abenteuerlichen Vergleich zur Situation des heutigen Israel zu ziehen: Man wisse doch «eigentlich», dass die Täter «häufig junge Männer mit Migrationshintergrund sind, das soll man aber nicht sagen». Indes wurde, nicht nur in der taz, genau dies unablässig gesagt – wenngleich es der Polizeibericht, wie zuletzt nach einer Serie brutaler homo- und transphober Überfälle während der Pride-Woche, stets besser wusste.

«Homosexuelle geben viel Geld aus, bleiben lange und reden darüber in E-Mails und Blogs, wie gut ihnen die Stadt gefallen hat», wird ein Mitarbeiter der Berliner Tourismus-Gesellschaft in der Berliner Zeitung vom Parade-Wochenende zitiert. Am Montag danach empörte sich Thomas Birk, homopolitischer Sprecher der Grünen im Abgeordnetenhaus, im Tagesspiegel über Judith Butlers «Affront» und nannte ihn «fatal für das Image der Stadt». In der jungen Welt vom 25. Juni hieß es dazu: «Tatsächlich fatal ist die Politik des selbsternannten Antigewaltprojekts Maneo, in dessen Vorstand Birks Partner Rudolf Hampel sitzt, das aufgrund seiner rassistischen Ausfälle gegen Migranten über die Grenzen Berlins hinaus bekannt wurde.» Zu ergänzen wäre nur, dass die offizielle Homepage des CSD e. V. Hampel unter der sinnigen Überschrift «Der harte Kern» als zuständig fürs Sponsoring führt. Es wurde höchste Zeit, endlich auch über die Borniertheit des lokalen schwulen Establishments zu reden.

Noch zum Schöneberger Motzstraßenfest, eine Woche vor dem CSD, kam allein von DKP queer öffentliche Kritik, als es der «Regenbogenfonds schwuler Wirte» unterließ, sich angesichts rassistischer Übergriffe im Vorjahr als Veranstalter deutlich zu positionieren, wie dies GLADT, einem Verein von überwiegend türkeistämmigen Schwulen, Lesben und Trans*-Personen, und den Schwarzen Lesben von LesMigraS versprochen worden war. Mit Aktivist_innen aus diesem Umfeld traf sich Butler – wie wiederum zuerst auf der Website von DKP queer gemeldet und von der weltberühmten Philosophin später in mehreren Interviews bestätigt – am Freitag vor der Parade und entschied sich für den «praktischen Akt der Zivilcourage», zu dem GLADT ihr am folgenden Abend gratulieren konnte.

Judith Butler sagte nein zur verbreiteten «Komplizenschaft mit dem Rassismus» und erneuerte zugleich für die Queer Theory, die untrennbar mit ihrem Namen verbunden ist, den Anspruch auf radikale Gesellschaftskritik – während unter dem queeren Label hierzulande allzu oft intellektueller Modeschmuck zur Aufhübschung angeblich alternativloser kapitalistischer Verhältnisse feilgeboten wird. Dagegen warnte Butler, als sie nach der Laudatio von Bundesministerin a. D. Renate Künast von den Grünen das Wort ergriff, queere Menschen davor, sich von jenen benutzen zu lassen, «die Kriege führen wollen». Sie widersprach denen, die uns glauben machen möchten, es gehe darum, «dass unsere schwul-lesbisch-queere Freiheit geschützt werden muss» – ob mit militärischen Mitteln, wie in Irak und Afghanistan, oder eben in Form des antimuslimischen Rassismus, wie er in Berlin-Schöneberg und anderenorts in Europa um sich greift. So wurde klar, dass es sich bei Missständen, wie sie nun ans Licht der Öffentlichkeit kommen, nicht etwa um bloße Kollateralschäden beim Eincruisen der Community in den gesellschaftlichen Mainstream handelt – vielmehr ist der Kurs an sich falsch.

Red & Queer 17, erschienen im September 2010

[Der Artikel wurde auch auf www.schwule-seite.de veröffentlicht.]

 

«Muslimische» Jugendliche und Homophobie – braucht es eine zielgruppenspezifische Pädagogik?

Zuletzt aktualisiert am 29. Mai 2015 (erweiterte Notiz zur wissenschaftlichen Rezeption des Aufsatzes)

Der folgende Beitrag erschien im Reader Facebook, Fun und Ramadan. Lebenswelten junger Muslime in Deutschland, hg. von Stephan Bundschuh, Birgit Jagusch und Hanna Mai für das Informations- und Dokumentationszentrum für Antirassismusarbeit e.V., Düsseldorf im Dezember 2009 (3. Aufl. 2011), S. 34-38.

Salih [Alexander] Wolter & Koray Yılmaz-Günay:

«Muslimische» Jugendliche und Homophobie – braucht es eine zielgruppenspezifische Pädagogik?

Sieht man einmal ab von terroristischen Anschlägen, stehen in den Debatten über «den Islam» bzw. «die Muslime» in Deutschland vor allem Geschlechterrollen und sexuelle Orientierungen im Fokus der Aufmerksamkeit (Bedeutung des Kopftuchs, so genannte «Ehren»-Morde, schwulen- und lesbenfeindliche bzw. häusliche Gewalt, «Zwangsheiraten» etc.). Die Öffentlichkeit diskutiert diese Fragen in einer Breite, wie es in der Bundesrepublik Deutschland selten vorkommt. Auffallend ist dabei, dass in aller Regel nicht mit Muslim_innen1 gesprochen wird, sondern über sie – dies gilt sowohl für die Politik als auch für Verwaltungen und die Zivilgesellschaft.

Sexuelle Selbstbestimmung scheint in dieser breiten Debatte quasi über Nacht zum Kernbestand der bundesrepublikanischen Werteordnung geworden zu sein. Anstatt über die faktischen Ungleichbehandlungen zu sprechen, die auch im Deutschland des 21. Jahrhunderts fortbestehen, wird das Wort von der Emanzipation als Symbol hochgehalten – und ein formales Bekenntnis dazu soll die Spreu vom Weizen trennen. Dabei verdienen nach wie vor die meisten Frauen weniger Geld als Männer, selbst wenn sie dieselbe Arbeit machen. Dabei werden nach wie vor Frauen aus allen Bevölkerungsgruppen Opfer häuslicher Gewalt, unabhängig von Herkunft oder Religion. Dabei haben es Lesben und Schwule immer noch schwer, wenn sie sich ihrer Familie gegenüber «outen», egal, ob und welchen Migrationshintergrund die Eltern haben. Dabei werden Menschen, die nicht in ein eindeutiges «Frauen»- oder «Männer»-Bild passen, nach wie vor Opfer von Diskriminierung und Gewalt.

Die Wortmeldungen in Printmedien, Online-Foren und öffentlichen Diskussionsveranstaltungen dazu zeigen, dass die Spaltung der Gesellschaft in «Wir» und «die Anderen» über religiöse und konfessionelle Unterschiede hinweg funktioniert. Wenn ein Täter irgendwie als «muslimisch» identifiziert wird, ist die Nachricht tatsächlich eine Nachricht wert, denn die Einteilung der Menschen in religiöse Gruppen wird wieder ernsthafter vollzogen. Die Jahre 2008 und 2009, die einen immensen Anstieg der Berichterstattung über (nicht nur) homophobe Gewalt aufweisen, zeigen zugleich: Auch wenn die Minderzahl der Fälle de facto «Muslimen» oder «Migrant_innen»2 zugeschrieben werden kann, sind diese Fälle in den Zeitungen überdurchschnittlich oft vertreten. Rechtsextreme Täter_innen kommen – trotz der Überrepräsentanz unter den realen Vorkommnissen – kaum in den Medien vor, stammen Täter_innen aus der «Mitte der Gesellschaft», erscheint meist nicht einmal eine Nachricht.3

Der Rückbezug von Mehrheitsdeutschen auf das Christentum ist damit genauso programmiert wie die (Re-) Islamisierung von Migrant_innen aus mehrheitlich muslimischen Ländern und Gebieten: Wo es nur noch «Kultur»-Blöcke gibt, verschwinden nicht-muslimische Kurd_innen oder christliche Araber_innen wie muslimische Mehrheitsdeutsche und Atheist_innen gleich welcher Herkunft aus dem Blickfeld. Neben «interkulturellen» werden nun überall auch «interreligiöse» Dialoge abgehalten, an denen wie selbstverständlich nach ethnischen Kriterien eingeladene Angehörige von Mehrheits- wie Minderheitenbevölkerung teilnehmen, selbst wenn sie laizistische Türkin oder ehemaliger DDR-Bürger ohne jeden Bezug zu irgendeiner Religion sind. Es sind also nicht Religionen in ihrem theologischen Gehalt oder die tatsächliche Zugehörigkeit zu einer Körperschaft, um die es geht, sondern gesellschaftliche, politische und vor allem mediale Konstruktionen von «Christentum» oder «Islam», die als «Eigenes» und «Fremdes» gedeutet werden.

Folgt man den Debatten gerade über Gewalt gegenüber schwulen Männern, sind die Positionen heute verhärteter denn je. Neben An- und Übergriffen, bei denen Jugendliche mit Migrationshintergrund als Täter in Frage kamen, waren es in den letzten Jahren vor allem zwei Veröffentlichungen, die Empörung auslösten. Erst wurde auf einer Internetseite aus dem Umfeld der Ahmadiyya Muslim Gemeinde männliche Homosexualität mit dem Verzehr von Schweinefleisch «erklärt». Dann sorgte ein schwulenfeindlicher Artikel in dem arabisch-sprachigen Berliner Anzeigenblatt al-Salam im Sommer und Herbst 2008 für teils erregte Erörterungen und Auftritte zum Thema «Islam und Homophobie». Insbesondere junge Männer, die ohne Ansehen der Staatsangehörigkeit oder des Aufenthaltsstatus, der ethnischen Herkunft, Religion oder Religiosität, des Alters, ihrer Sprachkenntnisse oder des Bildungsgrads, der sozialen Schicht oder der eigenen Diskriminierungs- und Gewalterfahrungen pauschal als «migrantisch» bzw. «muslimisch» eingeordnet wurden, standen und stehen dabei im Zentrum der Aufmerksamkeit. Egal, ob Hamburg, München, Köln oder Berlin: Es scheint von immensem Interesse, ob Homophobie hier religiöse oder kulturelle Ursachen und Motive hat.

Homosexualität und Homophobie in Deutschland

Lesbische und schwule Lebensweisen sind auch heute noch keine Selbstverständlichkeit in Deutschland. In der Schule wird in den seltensten Fällen außerhalb des Biologie-Unterrichts darüber gesprochen, in den Pausen wissen Lehrkräfte häufig nicht, ob – und wenn ja: wie – sie auf Schimpfwörter wie «Schwuchtel» reagieren sollen. Auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt trauen sich die meisten Lesben und Schwulen nicht, sich zu outen, weil sie Mobbing und Jobverlust fürchten, in der Nachbarschaft herrscht oft genug ein feindseliges Klima, in dem Verstecken als sinnvolle Strategie erscheint. Nach wie vor ist es nicht «normal», lesbisch oder schwul zu sein. Junge Schwule und Lesben haben immer noch den Eindruck, dass sie die einzigen in ihrem Umfeld sind, wenn sie ihr Coming Out haben. Die Berliner Studie Sie liebt sie. Er liebt ihn. aus dem Jahr 19994 kommt u. a. zu dem Ergebnis, dass die Selbstmordraten unter diesen jungen Menschen signifikant höher sind als bei heterosexuellen Altersgenoss_innen. Es sind nicht nur, aber gerade auch die jungen homosexuellen Menschen, die bei ihren Familien «rausfliegen» und dann zu den hohen Zahlen von Lesben und Schwulen unter Obdachlosen führen.

Diejenigen, die diesen Stress-Faktoren im Leben von Menschen in allen Altersgruppen entgegenwirken könnten, interessieren sich in aller Regel nicht für Diskriminierung und Gewalt gegenüber Lesben und Schwulen. Lehrer_innen wissen häufig nicht, wie sie das Thema Sexualität überhaupt aufgreifen sollen, in der Jugendarbeit stehen andere Themen im Vordergrund. Politik und Verwaltung tun wenig für den Abbau der Privilegien von Frau-Mann-Ehen. Das Modell der auf Dauer angelegten und an Nachwuchs orientierten, monogamen heterosexuellen Zweierbeziehung bleibt das Ideal, an dem Gesetze orientiert werden, auch wenn solche Konstellationen immer seltener vorkommen. Die Werbung im Fernsehen, das Gespräch im Freundeskreis oder aber die Schimpfwörter im Fußballstadion – alles deutet darauf hin, dass es «normale» und «abweichende» sexuelle Orientierungen gibt.

Noch komplizierter wird es, wenn die jungen Frauen und Männer aufgrund ihres Namens, ihres Aussehens, ihrer Sprachkenntnisse oder anderer Merkmale als «nichtdeutsch» wahrgenommen werden. Homophobie mischt sich in ihren Lebenswelten mit Erfahrungen von Rassismus, die Diskriminierungen überlappen und verstärken sich gegenseitig.

Die sogenannten «Muslime»

Die Frage, wer «die Muslime» in Deutschland sind, lässt sich nicht beantworten. Anders als in Frankreich oder Großbritannien bilden Menschen mit türkischem und kurdischem Migrationshintergrund die größte Gruppe unter den Migrant_innen und Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland. Vor diesem Sozialisationshintergrund ergeben sich dabei gravierende lebensweltliche Unterschiede zu Migrant_innen aus Nordafrika (Frankreich) bzw. Südasien (Großbritannien), bei denen unterschiedliche Religionsverständnisse viel stärker Teil des gesellschaftlichen Lebens sind. Der türkische Laizismus erklärt dagegen – nach wie vor sehr erfolgreich – Religion und Religiosität zur privaten Angelegenheit. Neben der fehlenden hierarchischen Organisationsform (und damit einhergehend: der fehlenden Registrierung der Gläubigen) ist dies einer der Gründe, warum unterschiedlichste Formen des kulturellen, sozialen und religiösen Muslimisch-Seins möglich sind – genauso wie die Freiheit von Religion. Der Wunsch, «der Islam» in Deutschland möge mittelfristig eine Adresse und Telefonnummer haben (vgl. z. B. die Bestrebungen der Deutschen Islam-Konferenz), ist orientiert am Bild der Kirchen, das so nicht übertragbar sein wird. Dafür stehen Fragen unterschiedlicher Herkünfte und religiöser Praxen etc. zu sehr im Vordergrund.

Die Frage, was «der Islam», der Koran und/oder der für zuständig erklärte Imam zu Homosexualität und Homosexuellen sagen, verdeckt auf der Ebene der Einstellungspotentiale viel wichtigere Fragen nach Alter, Geschlecht und Lebensrealitäten unterschiedlicher Menschen und Bevölkerungsgruppen. Wie in allen anderen stehen auch in Migrant_innen-Familien aus mehrheitlich muslimischen Ländern ganz andere Fragen im Raum, wenn die Tochter sich als lesbisch «outet». Was werden die Nachbar_innen sagen? Was passiert, wenn die Großeltern es erfahren etc. Irgendwann, erst viel weiter unten auf der Liste, wird unter Umständen auch die Frage auftauchen, wie die Religion dazu steht. Homophobe Einstellungen sind nicht angeboren, und sie führen auch nicht automatisch zu körperlicher Gewalt gegen Lesben und Schwule. Sonst müsste es überall und immerzu «knallen». Diese Einstellungen werden auch nicht von Jugendlichen neu erfunden – immer sind es Erwachsene, von denen sie übernommen werden. Vor diesem Hintergrund ist es wichtig, dass sich die Erwachsenen-Welt vernehmbar gegen Homophobie positioniert. Sportvereine, aber auch andere weltliche Organisationen wie auch religiöse Gemeinden und Vereine können als Vorbild fungieren – und ein akzeptierendes Klima fördern.

Theologische Positionen

Die Aussagen des muslimischen Mainstreams heute zielen zumeist auf die Sündhaftigkeit, Schädlichkeit etc. von Homosexualität, die aus den Grundquellen islamischer Rechtsprechung (Koran und Prophetenüberlieferungen) abgeleitet werden. Aus beiden lässt sich – folgt man den heute vorherrschenden Auslegungen – nicht nur Ablehnung, sondern nach Meinung vieler Gelehrter auch die Aufforderung zur (körperlichen) Bestrafung zumindest männlicher Homosexualität herauslesen. Dabei wird die im Koran mehrfach aufgegriffene, bereits aus dem ersten Buch der Bibel bekannte Geschichte um Lot so aufgefasst, wie es etabliertem jüdischem und christlichem Verständnis entspricht. Die so genannte «Sünde Sodoms» wird kurzerhand mit der neuzeitlichen «Homosexualität» gleichgesetzt, obwohl es «Schwulsein» bzw. «Lesbischsein» als gesellschaftliche Identität erst seit Ende des 19. Jahrhunderts gibt. Traditionelle islamische Juristen gingen dabei von der These aus, dass gleichgeschlechtliches Empfinden und Sexualität (ohne soziale Identität, die darum aufgebaut wird) ein natürliches Faktum sind.5 Also lässt sich seriös weder behaupten, der Islam verdamme «Homosexualität», noch, er akzeptiere sie – denn die Einteilung der Menschheit in Schwule/Lesben oder Heterosexuelle stammt aus dieser Gesellschaft und muss so in anderen nicht vorkommen.

Weltliche Erklärungen

Vor diesem Hintergrund ist es sehr begrüßenswert, dass mittlerweile zwei Erklärungen vorliegen, die muslimische Organisationen in Deutschland zum Thema Homophobie herausgegeben haben.6 Es wäre wünschenswert, dass sie über Berlin hinaus bekannt werden und als Vorbild für andere Städte und Regionen dienen. Der Generalsekretär des Zentralrats der Muslime in Deutschland teilt mit:

«Die Haltung der Religion des Islam zur Homosexualität wird von Aussagen des Koran bestimmt; darin verurteilt der Koran Homosexualität als vom islamischen Natur- und Menschenbild abweichend, knüpft daran jedoch keine konkrete Strafe im Leben. Ausdrücklich betonen wir an dieser Stelle: Keine Gewalt und Diskriminierung gegen Homosexuelle! Wie dies unter anderem in der Islamischen Charta vom 20. Feb. 2002 und anderen Dokumenten der muslimischen Spitzen- und Dachverbände zum Ausdruck kommt, stehen die Muslime auf der Grundlage des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland. Danach verhalten wir uns und handeln wir auch und verurteilen jegliche Verfolgung und Diskriminierung von Religionen, Minderheiten und Gruppen, darunter auch Homosexuelle.»

Darüber hinaus nahmen einige muslimische Organisationen in Berlin bzw. Berliner Sektionen nationaler Verbände7 gemeinsam Stellung zu religiös begründeten homophoben Positionen:

«Im April dieses Jahres [2008] ist im arabisch-sprachigen Anzeigenblatt al-Salam ein Artikel erschienen, in dem der Autor seine persönlichen und homophoben Ansichten zu Homosexualität und ihren Konsequenzen darlegt. Die Reaktion der Öffentlichkeit auf diesen Artikel war zu Recht Empörung und Unverständnis. Auch wenn der Autor nur für sich selbst sprechen kann, entwickelte sich eine breite Debatte über die Einstellungen von Muslimen in Deutschland zu Homosexualität.

Ausgehend von den Aussagen des Korans gibt es unter muslimischen Gelehrten den Konsens, dass homosexuelle Handlungen theologisch als Sünde zu betrachten sind. Ähnliches gilt – bekanntlich – auch für das Trinken von Alkohol oder außereheliche Beziehungen. Handlungen, die islamisch-theologisch als Sünde betrachtet werden, können wir aus unserem Glauben heraus nicht gutheißen.

Gleichzeitig sind wir der festen Überzeugung, dass die sexuelle Orientierung, der Konsum von Alkohol, oder was auch immer in der islamischen Theologie als Sünde betrachtet wird, Privatsache ist. Ob wir etwas gutheißen oder nicht, wird und kann die Freiheit des Einzelnen in keiner Weise beschränken. Für uns handelt hier jeder Mensch eigenverantwortlich und wird im Jenseits – dies ist fester Bestandteil unserer islamischen Glaubensvorstellung – vor seinem Schöpfer für sein gesamtes Handeln Rechenschaft ablegen müssen.

Auch wenn wir Homosexualität als solche nicht gutheißen, verurteilen wir jegliche Form der Verfolgung oder gar Gewaltanwendung gegen Homosexuelle. Wir wenden uns entschieden gegen jegliche Form der Diskriminierung und Verfolgung irgendwelcher gesellschaftlicher Gruppen einschließlich der Homosexuellen.

Zum Schluss sei angemerkt, dass in der aktuellen Berichterstattung über den oben genannten Artikel manche Autoren direkt oder auch indirekt die Vorstellung bzw. Aussage kritisieren, dass Homosexualität eine Sünde ist. Hierdurch erwecken sie den Eindruck, dass dies eine Ursache von Homophobie sei. Nicht die Glaubensvorstellung führt zu Homophobie, sondern vielmehr ein mangelndes Verständnis über die Freiheit des Einzelnen. Muslime – und nicht nur sie – wird man für den Kampf für individuelle Freiheit nicht gewinnen können, indem man Glaubens- und Moralvorstellungen kritisiert. Stattdessen erreicht man das Gegenteil. Entscheidend ist vielmehr die Vermittlung eines richtigen Verständnisses für die vielfältige Freiheit des Einzelnen bzw. des Anderen unabhängig von den eigenen Überzeugungen, die jeder Mensch wiederum für sich frei wählen kann.»

Auch wenn diese Organisationen nicht für «die Muslime» oder gar «den Islam» sprechen können, ist ihre Positionierung zum gesellschaftlichen Problem der Homophobie sehr zu begrüßen. – Beide Erklärungen folgen der Interpretation, wonach Homosexualität Sünde ist, und betonen zugleich, dass darüber erst im Jenseits zu richten sei. Für das Hier und Heute lehnen sie nicht nur jede Gewalt ab, sondern verlangen ausdrücklich die Achtung der individuellen Grund- und Freiheitsrechte.

Die Unterzeichner – zu denen mit DITIB die mitgliederstärkste muslimische Organisation in Deutschland gehört – fühlen sich in ihrer Glaubensüberzeugung an den «Konsens» der Gelehrten gebunden, unterstreichen jedoch, dass dies stets der Gewissensentscheidung jedes einzelnen Menschen überlassen bleiben muss, und bekennen sich damit zu einer Rechtsordnung, in der die Freiheit individueller Lebensentwürfe garantiert ist.

Zu einer Bewertung

Gerade weil der öffentliche Diskurs dazu neigt, Migrant_innen zu (re-) islamisieren, sollten solche Erklärungen explizit nicht als von «den» Muslimen kommend verstanden werden – es kann nicht oft genug betont werden, dass im Islam niemand mit einer dem Papst oder auch nur evangelischen Bischöfen vergleichbaren Autorität sprechen kann. Die Erklärungen zur Homophobie tragen dennoch zu einer wünschenswerten Diversifikation des Bildes bei. Vor dem Hintergrund vor allem einer Mediendebatte, in der sich vermeintlich akzeptierte «Lesben und Schwule» als Verkörperungen westlicher «Aufgeklärtheit» und «Zivilisation» einerseits und «Migrant_innen» bzw. «Muslime» als leibhaftige Symbole eines «vorzivilisatorischen» Kollektivismus andererseits gegenüberstehen, scheint es bei jeder Rede über Islam und Homosexualität sinnvoll, auf folgende Punkte explizit hinzuweisen: Weder sind in Deutschland die Grund- und Freiheitsrechte von Homo- und Bisexuellen und schon gar nicht die von Transsexuellen und Transgendern verwirklicht, noch sind homogenisierte Vorstellungen von «den» Deutschen, «den» Migrant_innen oder «den» Muslimen hilfreich in einer Debatte, wo es um gesellschaftliche Emanzipation gehen sollte. Denn dann dürfen weder Bevölkerungsgruppen (Frauen, Migrant_innen, Homosexuelle) noch Probleme (Sexismus, Rassismus, Homophobie) nach mehr oder weniger Wert bzw. Brisanz hierarchisiert werden.

Die Erklärungen sind somit vor allem dazu geeignet, anti-muslimischen Verengungen der Debatte entgegenzuwirken. Weniger leicht erkennbar ist ihr Nutzen im Kampf gegen Homophobie, insofern diese von den unterzeichnenden Organisationen auch bisher nicht propagiert wurde. Groß angelegte homofeindliche Kampagnen, wie sie der Vatikan gerade auch heute nicht nur in Spanien und Italien immer wieder betreibt, sind also von diesen Islam-Verbänden auch in Zukunft eher nicht zu erwarten. Indem sie der Verantwortlichkeit der einzelnen Menschen vor Gott einen so großen Wert zumessen, formulieren sie damit zugleich auch ein zeitgemäßes «laizistisches» Religionsverständnis. Das mag zumindest lesbische und schwule Muslim_innen ermutigen, für sich zu anderen Schlüssen als die Gelehrten zu kommen, was die Vereinbarkeit ihres Glaubens und ihrer Sexualität betrifft.8

Ausblick

Werden Herkunft und Religion/Religiosität zum Analyse-Raster, verstärken sich Blockaden und Polaritäten, die einem Mediendiskurs geschuldet sind, der hauptsächlich von Mehrheitsdeutschen über «die Muslime» geführt wird. Prävention, die darauf baut, muss scheitern, weil sie kaum etwas mit den realen Erfahrungen von Menschen heute und hier in Deutschland zu tun hat, denn Menschen, die permanent hören, «bei ihnen» sei es «so», antworten dann irgendwann auch: «Bei uns ist das so.»

Gewalttätigkeit entwickelt dabei häufiger, wer selbst Gewalt erfahren hat. Faktoren wie Geschlecht, Alter, gesellschaftliche Schicht und eigene Diskriminierungserfahrungen entscheiden zu einem ganz wesentlichen Teil, welche Jugendlichen und Erwachsenen Gewalt gegen Lesben und Schwule anwenden. Strategien zum Abbau verbaler und körperlicher Gewalt sollten diese Faktoren zum Ausgangspunkt nehmen. Alters- und geschlechtsspezifische Ansätze zur Bearbeitung von Homophobie müssen sich daran orientieren, warum spezifische Äußerungen und Verhaltensweisen für ganz bestimmte Menschen attraktiv sind, denn weder alle Mehrheitsdeutschen noch alle Migrant_innen sind homophob. Nur wenn nach der Funktionalität von Homophobie für den eigenen Identitätsaufbau, z. B. für Jugendliche mit «muslimischem» Migrationshintergrund, gefragt wird, lassen sich gangbare Wege finden, diesen Einstellungen und Verhaltensweisen zu begegnen – über die künstlich gezogenen Grenzen zwischen Bevölkerungsgruppen hinweg.

  1. In diesem Artikel wird der «Gender Gap» verwendet, um auch Personen, die sich nicht innerhalb der Zweigeschlechtlichkeit verorten können oder wollen, sichtbar zu machen und sie mit einzubeziehen. Der Unterstrich als Leerstelle verweist auf Menschen, die gesellschaftlich und strukturell unsichtbar gemacht werden und die sprachliche Repräsentation jenseits der Zweigeschlechtlichkeit zur Debatte stellen. [zurück]
  2. «Migrant_innen» ist ein Begriff, der in diesem Text bewusst in der Einengung benutzt wird, die in Politik, Medien und Zivilgesellschaft – ungerechtfertigterweise – seit einiger Zeit gang und gäbe ist. Dem öffentlichen Diskurs folgend sind nicht Migrant_innen aus osteuropäischen oder afrikanischen, asiatischen oder amerikanischen Ländern gemeint; «Migrant_innen» sind hier Menschen mit Wurzeln in mehrheitlich muslimischen Ländern oder Gebieten – für den deutschen Kontext also v. a. Türk_innen und Kurd_innen, als die größten Migrant_innen-Gruppen, oder Araber_innen und Bosnier_innen. Darüber hinaus werden aber auch Menschen in die Schublade «Migration» gesteckt, die etwa als Sinti, Roma oder Schwarze Deutsche aufgrund ihrer äußeren Erscheinung als «Migrant_innen» identifiziert werden. Offensichtlich ist es der Blick der weißen deutschen Mehrheitsgesellschaft, der hier entscheidet, über wen gesprochen wird. Flüchtlinge, die zum Teil seit mehr als zehn Jahren in Deutschland leben und keinen Zugang zum Arbeitsmarkt haben, und deren Kinder leben vielfach unter katastrophalen Bedingungen. Jede Präventions- und Interventionsarbeit auch zu den Themen Sexismus/Transphobie und Homophobie müsste am Aufenthaltsstatus und am Zugang zu Gesundheit, Arbeit und anderen gesellschaftlichen Gütern ansetzen. Andernfalls droht eine doppelte Stigmatisierung. «Mehrheitsdeutsch» bezeichnet in diesem Text weiße Personen ohne Migrationshintergrund, die (post-) christlich sozialisiert wurden. Schwarze Deutsche, Roma/Sinti, Jüdinnen/Juden und Migrant_innen bzw. deren Nachkommen sind unter Umständen Deutsche, ohne (immer) die Privilegien nutzen zu können, die mit einer deutschen Staatsangehörigkeit verbunden sind. [zurück]
  3. Vergleiche die Analyse Kreuzberg als Chiffre. Von der Auslagerung eines Problems von Yeliz Çelik, Dr. Jennifer Petzen, Ulaş Yılmaz und Koray Yılmaz-Günay, erschienen in: Berliner Zustände 2008. Ein Schattenbericht zu Rechtsextremismus, Rassismus und Homophobie, herausgegeben vom Antifaschistischen Pressearchiv und Bildungszentrum Berlin (apabiz) und der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus Berlin (MBR), Mai 2009, 22–28. [zurück]
  4. Herausgegeben vom Fachbereich für gleichgeschlechtliche Lebensweisen bei der damaligen Berliner Senatsverwaltung für Schule, Jugend und Sport, Fachbereich für gleichgeschlechtliche Lebensweisen, in Kooperation mit der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft. Der Fachbereich für gleichgeschlechtliche Lebensweisen ist heute als Teil der Landesantidiskriminierungsstelle bei der Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales angesiedelt. [zurück]
  5. Georg Klauda: Die Vertreibung aus dem Serail. Europa und die Heteronormalisierung der islamischen Welt, Hamburg 2008, Seite 51. Vgl. Salih Alexander Wolters ausführliche Rezension des Buches hier (interner Link). [zurück]
  6. Zur Entstehungsgeschichte und zur Debatte vergleiche auch www.ufuq.de (externer Link). [zurück]
  7. Es handelt sich um den Deutschsprachigen Muslimkreis (DMK), DITIB, Inssan, das Interkulturelle Zentrum für Dialog und Bildung (IZDB), das Islamische Kultur- und Erziehungszentrum (IKEZ), die Muslimische Jugend und die Neuköllner Begegnungsstätte (NBS). [zurück]
  8. Während sich in den USA und in Großbritannien auch Selbstorganisationen lesbischer, schwuler und transgender Muslime gegründet haben, sind entsprechende Versuche in Deutschland bisher nicht erfolgreich gewesen. Für den deutschsprachigen Kontext sei deswegen auf die detailreichen Texte des Islamwissenschaftlers und schwulen Muslims Andreas Ismail Mohr verwiesen, der sich seit Jahren um eine breitere innermuslimische Debatte bemüht, die die Perspektive schwuler Muslime zur Kenntnis nimmt (online / externer Link). [zurück]

Notiz: Der oben stehende Text wird u. a. zitiert von Fatima El-Tayeb (University of California, San Diego) in: «Gays who cannot properly be gay»: Queer Muslims in the Neoliberal European City, erschienen im European Journal of Women´s Studies 2012 (Abstract s. hier – externer Link; die Buchfassung dieses Aufsatzes erschien in: Matt Cook and Jennifer V. Evans [eds.]: Queer Cities, Queer Cultures: Europe since 1945, London/New York 2014: Bloomsbury Academic, p. 263-281); von Zülfukar Çetin (s. Alice Salomon Hochschule Berlin – externer Link): in: Homophobie und Islamophobie. Intersektionale Diskriminierungen am Beispiel binationaler schwuler Paare in Berlin, Bielefeld 2012: [transcript] Verlag für Kultur, Kommunikation und soziale Praxis, sowie in seinem Beitrag Rassistische Heteronormativität – Heteronormativer Rassismus im Journal für Psychologie, Jg. 21 (2013) / Ausgabe 1 [unter dem Titel Zusammen- und Wechselwirkungen von Heteronormativität und (antimuslimischem) Rassismus in veränderter Form erneut veröffentlicht in: Friederike Schmidt und Anne-Christin Schondelmayer (Hg.): Selbstbestimmung und Anerkennung sexueller und geschlechtlicher Vielfalt. Lebenswirklichkeiten, Forschungsergebnisse und Bildungsbausteine, Wiesbaden 2015 (das Buch lag bereits im Herbst 2014 vor): Springer VS, S. 45-61]; von Yasmin Kassar und Patricia Piberger (Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus / KIgA e. V.) in: Selbstbewusstsein stärken, Reflexionsfähigkeit fördern – Eine schulische Seminarreihe zur Islamismusprävention für die Sekundarstufe I, in: Aycan Demirel und Mirko Niehoff (Hg. im Auftrag von KIgA e. V.): ZusammenDenken. Reflexionen, Thesen und Konzepte zu politischer Bildung im Kontext von Demokratie, Rassismus und Islamismus – ein Projekthandbuch, Berlin 2013, S. 42-75; von Saideh Saadat-Lendle (Lesbenberatung Berlin – LesMigraS) und Zülfukar Çetin in: Forschung und soziale Arbeit zu Queer mit Rassismuserfahrungen, in: Bundesstiftung Magnus Hirschfeld (Hg.): Forschung im Queerformat. Aktuelle Beiträge der LSBTI*-, Queer und Geschlechterforschung, Bielefeld 2014: [transcript] Verlag / Reihe Queer Studies, Band 6, S. 233-250.

«Ein Faktum, das dem Menschsein als solchem entspringt». Georg Klaudas notwendige Kritik des schwulen Islam-Diskurses

Eine Empfehlung vorab: Die folgende und weitere Rezensionen zur Vertreibung aus dem Serail finden sich ebenso wie Hinweise auf aktuelle Vorträge von Georg Klauda jetzt auch auf dessen neuer Website www.georgklauda.de. Salih Alexander Wolter am 24. Mai 2014 

Salih Alexander Wolter:
«Ein Faktum, das dem Menschsein als solchem entspringt». Georg Klaudas notwendige Kritik des schwulen Islam-Diskurses

Diese Studie1 will politisch genommen werden, also doch wohl «persönlich». Denn wo selbstbewusste deutsche Lesben und – um die geht es hier vor allem – Schwule vermeinen, sich mit «dem Islam» auseinanderzusetzen, stößt Georg Klauda sie auf ihre «Unfähigkeit, die Heteronormierung der eigenen Gesellschaft überhaupt noch als solche wahrzunehmen». Der 1974 geborene Diplom-Soziologe und Historiker – ehemals Schwulenreferent im AStA der FU Berlin und an den Anfängen der sexualemanzipatorischen Zeitschrift Gigi beteiligt – zeigt, dass «die Formierung einer ‹selbstbewussten› homosexuellen Identität» ebendiese Heteronormierung nicht nur zur Bedingung hat. Sie trägt, begriffen «als Teil eines von westlicher Seite voranzutreibenden Emanzipationsprozesses», sogar noch zu deren Durchsetzung – gegebenenfalls mit militärischem Zwang – in aller Welt bei, indem sie «einer dubiosen Ethnisierung der Menschenrechte» Vorschub leistet – «so als müsste man sich zu einer bestimmten Minderheit bekennen, um sexuelle Rechte überhaupt einklagen zu dürfen».

Georg Klauda fand den unmittelbaren Anlass, Michel Foucaults kritischen Ansatz – dem er in einem sich gegen queertheoretische Interpretationen abgrenzenden Verständnis folgt – auf den Punkt drängender politischer Relevanz zu bringen, indes vor Ort. Als im November 2003 im Berliner Rathaus Schöneberg der international beachtete erste Kongress zur Situation türkeistämmiger Lesben, Schwuler und Transgender stattfand, machte das hauptstädtische Homomagazin Siegessäule mit der Schlagzeile «Türken raus» auf. Mochte das noch als provokantes Spiel mit der Coming-out-Losung gemeint sein – das freilich jegliche Sensibilität für die vermissen ließ, die die Hassparole von klein auf zu hören bekommen –, so äußerte sich Jan Feddersen in der taz schon unmissverständlich. Indem er sich u. a. auf den Ärger bezog, den das Aids-Selbsthilfeprojekt Café PositHiv mit ein paar Kids aus der Nachbarschaft hatte, beschwor er unter dem Titel «Was guckst du? Bist du schwul?» die Gefahr, der Szene-Bezirk Schöneberg drohe «für Schwule zur No-go-Area zu werden». Und zur Abwehr führte Feddersen der Notwendigkeit einer «Zivilisierung des Vormodernen» das Wort, womit er junge Männer meinte, «die im weitesten Sinne dem muslimischen Kulturkreis zuzurechnen sind». An diesen infamen Artikel erinnert Klauda im Vorwort und verspricht: «Gegen diese Konstruktion von Lesben- und Schwulenfeindlichkeit als ein ‹vorzivilisatorisches› Relikt, das zunehmend auf den Fremden und ‹Anderen› abgewälzt wird, nimmt das vorliegende Buch wissenschaftlich Stellung.»

Es ist, um es gleich zu sagen, einer der in Deutschland seit Jahren profundesten Beiträge zur sexualpolitischen Debatte geworden – und zugleich eine glänzende Streitschrift wider die Borniertheit, mit der man sie hierzulande im Allgemeinen führt; genau die Stellungnahme also, die jetzt gebraucht wird. Denn was sich in jenem Herbst ankündigte, war der vielleicht endgültige Bruch zwischen solchen Homos, die sich als akzeptierte Minderheit im Rahmen gegebener Normen etablieren wollen, und den anderen, die – auch weil man sie nur um den Preis der Selbstverleugnung dazugehören lässt – den Mechanismus infrage stellen, der die Normen – und damit von ihnen abweichende Minderheiten – erst produziert. Die Berliner Gays & Lesbians aus der Türkei (GLADT) jedenfalls, die für den Kongress noch mit dem Lesben- und Schwulenverband (LSVD) kooperiert hatten, verweigerten sich der kolonisatorischen Aufgabe, die mit zu erfüllen ihnen Feddersen zumuten wollte. Zu eindeutig war ja auch die Rede vom «Kulturkreis» – wird doch klar, nach welchen Kriterien der taz-Redakteur die Zugehörigkeit im Zweifel bestimmt, wenn er z. B. über den GLADT-Mitbegründer Koray Yılmaz-Günay notiert, dass «dessen dunkelblonde Haare nicht eben auf eine türkische Herkunft verweisen». GLADT erhob Einspruch gegen den Rassismus sogenannter Bürgerrechtler: «Der LSVD behauptet, eine ‹Bürgerrechtsorganisation› zu sein. Unsere Rechte vertritt er nicht!», erklärte der seinerzeit noch kleine Verein, als im Jahr darauf eine Aufsatzsammlung zum Thema «Islam und Homosexualität» erschien, die der Lesben- und Schwulenverband zusammengestellt hatte. Denn dieser beschreibe Homophobie und Gewalt «statt als soziale immer wieder als ethnische bzw. auf die vermeintliche Religionszugehörigkeit zurückzuführende Phänomene» und konstruiere dabei «ein ‹Wir› […] aus weißen, aufgeklärten, nicht-homophoben, nicht-sexistischen, urbanen usw. Deutschen».

Hier wird bereits analysiert, was Klauda – der die GLADT-Erklärung von 2004 (PDF) ausführlich zitiert – «die logische Konsequenz der rassistischen Machtverhältnisse in Deutschland» nennt, «in denen ‹Ausländer›[…] zum Gegenstand beständiger Anklage, Ermahnung und Zurechtweisung geworden sind»: «Während schwule Aktivisten innerhalb der Dominanzkultur […] bloße Bittsteller bleiben, die um Toleranz und Verständnis werben müssen, übernehmen sie im ausländerpolitischen Diskurs sogleich die Position des ‹Staatsanwalts›».

Der Islam also. Die Frage, was er denn nun wirklich zur Homosexualität sage, wird bemühten Imamen von Hinterhofmoscheen ebenso wie wichtigtuerischen «Fernsehexperten des Islam» (Navid Kermani) immer wieder gern gestellt. Aber ganz richtig lautet die Antwort, die Georg Klauda darauf gefunden hat: Nichts. «Tatsächlich ergibt der Begriff der ‹Homosexualität› im Horizont der heiligen Schriften des Islam gar keinen Sinn, weil er Denkweisen transportiert, die mit dem Verständnis, das vormoderne Gesellschaften sich von dieser Sache gemacht hatten, auf grundlegende Weise kollidieren. Traditionelle islamische Juristen gingen etwa von der Prämisse aus, dass die erotische Attraktion gegenüber dem eigenen Geschlecht ein natürliches Faktum ist, das dem Menschsein als solchem entspringt.» Sowohl die «Aussage, der Islam verdamme ‹die Homosexualität›, ist im höchsten Maße irreführend» als auch die Deutung, «er toleriere ‹Homosexualität›[…] Beiden Auffassungen liegt der gleiche Fehler zugrunde, ein epistemologisches Konzept, das in unserer Gesellschaft verankert ist, nämlich Subjekte in normal und anormal, in ‹homosexuell› und ‹heterosexuell› einzuteilen, auch in anderen Kontexten einfach ungeprüft vorauszusetzen.»

So weiß die islamische Überlieferung zwar gewiss von Sex zwischen Männern. Er gilt als verboten, und traditionell standen darauf theoretisch je nach Rechtsschule unterschiedlich strenge Strafen. Dabei ist die Vorstellung, dass «der» Islam hier die Todesstrafe verlange, wiederum «grob irreführend», und selten kam es überhaupt zu einer Verurteilung – nach den Regeln des Koran, der den Indizienbeweis verwirft und vier Augenzeugen des Delikts fordert, wäre sie nahezu ausgeschlossen. Im Übrigen ist der «Verbotsdiskurs […] nicht die ganze Wahrheit über den Islam. Eine Gegenposition […] nahmen schon früh die» – gleichwohl immer zu den Gläubigen gerechneten – «Sufis ein»: Klauda kann hier auf die «zahllosen und auch über deutsche Bibliotheken leicht zugänglichen Belege über die historische Bedeutung gleichgeschlechtlicher Liebe in der islamischen Welt» verweisen. Doch vor allem gab es dort darauf bis ins 20. Jahrhundert hinein keine Perspektive, «die identitäre Denkformen naturalisiert». Die längste Zeit machte es, wie schon für Ibn Hazm (gestorben 1064), den großen Theologen des andalusischen Islam und Verfasser der klassischen arabischen Liebeskunst Das Halsband der Taube, «keinen begrifflichen Unterschied, ob sich die Rollen von ‹Liebenden› und ‹Geliebten› nun auf einen Mann und eine Frau oder eben auf zwei männliche Personen verteilen».

Derweil bahnte sich im christlichen Europa des Hochmittelalters die von Michel Foucault als im Vergleich zum einfachen Verbot für die Moderne charakteristisch herausgestellte «andere Form der Macht» an, nämlich eine «Differenzierung, die eigentümlicherweise nicht mehr an spezifischen Handlungen, sondern an den Subjekten selbst haftet». Bereits im 13. Jahrhundert behalf sich Thomas von Aquin, immer um den Nachweis der Vernünftigkeit kirchlicher Lehre bemüht, indem er den «Sodomiten», der ja anscheinend ganz unsinnige Lust am Unerlaubten empfand, «mit einer von der menschlichen Gattung abweichenden Sondernatur» ausstattete. Seither versteht sich im Abendland die erotische Attraktion, die einer für jemanden vom gleichen Geschlecht fühlt, nicht mehr dadurch von selbst, dass er ein Mensch ist – sondern dass er irgendwie «verkehrt» sei. Erst diese, wie Klauda betont, «eben nicht nur essentialisierende, sondern auch minorisierende Haltung der christlichen Theologie» ermöglichte den späteren Homosexuellen als prekäre «Spezies» (Foucault).

Georg Klauda geht es nicht um eine Apologie des Islam, auch nicht des echten – wenngleich er es zu Recht «fatal» nennt, «wie der Westen mit dem Herrschafts- und Definitionsanspruch des Islamismus kollaboriert, indem er ihm seinen kulturellen Authentizitätswahn unbesehen abnimmt». Dagegen bestimmt Klauda z. B. die «Schwulenverfolgung im Iran» nach der sogenannten Islamischen Revolution «als Teil eines Modernisierungsprozesses […], der dem aus Europa adaptierten Muster einer Verschiebung vom Gesetz zur Norm folgt und die diskursive Produktion einer neuen, als ‹abweichend› markierten Sexualität beinhaltet». Damit wird die vom tonangebenden Teil der hiesigen Schwulenbewegung «in paternalisierender Überheblichkeit» gepflegte «Auffassung der Geschichte als ein zielgerichteter Fortschrittsprozess, dessen Vorreiter die westlich-liberalen Gesellschaften seien», verabschiedet, das Problem nach Hause zurückgeholt. Denn natürlich sind wir empört, wenn wir an das Bild der in Iran hingerichteten «schwulen» Teenager denken (leider nicht so präsent sind uns meist Fälle wie der von Klauda angeführte eines geistig Behinderten, der zur gleichen Zeit in den USA bereits seit Jahren im Zuchthaus saß, nur weil er als 18-Jähriger einverständlichen Oralverkehr mit einem 16-Jährigen hatte). Aber sofern wir es nicht – unwillig, uns «mit der Genealogie der eigenen Gesellschaft auseinanderzusetzen» – als Ausdruck einer fremden kulturellen Tradition missverstehen wollen, kann es uns auch zeigen, was gerade im Abendland so lange möglich war und in letzter Konsequenz immer möglich ist, wo «Menschen nach sexuellen Identitätskategorien sortiert» werden.

Klauda jedenfalls ist weniger optimistisch als Michel Foucault, was die subjektive Wirkung des stets auf Heteronormativität bezogen bleibenden Homo-Diskurses angeht. Statt in einer «‹Anreizung› peripherer Lüste» besteht sie für ihn eher «in einer beispiellosen Verknappung von Verhaltensweisen, die als Ausdruck einer devianten sexuellen Identität konstruiert und wahrgenommen» werden. So sind etwa in der «Islamischen Republik» die von persischen Sufis von alters her getragenen Ohrringe auf einmal verpönt, weil man sie, einer westlichen Mode gemäß, als Ausweis einer gay identity interpretiert. Im Westen wiederum fühlen sich Männer, die den angesagten metrosexuellen Look pflegen, zugleich zu verstärkter «Überwachung des eigenen Verhaltens im Dienste eines strikten heterosexuellen Identitätsmanagements» verpflichtet.

Der Sozialwissenschaftler Michael Bochow beobachtete in Berlin in den 90er Jahren rechte Jugendliche, die den Bezirk Kreuzberg mieden «mit der Begründung, dass dort so viele Türken wohnten, die alle schwul seien. Sie meinten damit die Verkehrsformen türkischer […] junger Männer, die bei der Begrüßung Wangenküsse unter Freunden austauschen und wesentlich mehr Umarmungen und physische Kontakte pflegen», als dies offenbar deutschen Jungs akzeptabel scheint, so sie nicht als andersrum gelten wollen. Klaudas ernüchternde Erkenntnis: «Die Homophobie von Jugendlichen ist mit dem identitären Homo/Hetero-Binarismus untrennbar verbunden und auf dessen Basis unaufhebbar.» Die türkische Sprache verfügte seit osmanischer Zeit über unglaublich viele Wörter, um Gleichgeschlechtliches in jeder denkbaren Nuance zu bezeichnen. Doch keins davon brachte die «Sünde» auf den Begriff, den sich das christlich konditionierte Europa davon machte und der diese «Liebe aus den normativen Lebensentwürfen der Bevölkerungsmehrheit rigoros abgesondert hat». Wenn inzwischen auch Berliner Unterschichtsjugendliche mit türkischen, kurdischen oder arabischen Wurzeln gelernt haben, dass als «Schwuler» zu verachten sei, wer von der vorgegebenen Männlichkeitsnorm abweicht, beweist das, wie sehr sie die hier herrschenden kulturellen Regeln verinnerlicht haben.

Mögen auch diejenigen dieses Buch lesen, die aus Steuermitteln die immer schriller werdende xenophobe Propaganda des Lesben- und Schwulenverbandes indirekt finanzieren – jüngst warnte Alexander Zinn vom Lesben- und Schwulenverband über die Presse gar vor der angeblich bevorstehenden Einführung der Scharia an den Berliner Schulen. Bei Georg Klauda lässt sich stattdessen etwas über die wirklichen Probleme lernen, und vielleicht stellt sich ja eine Ahnung ein, wie man ihnen zukünftig begegnen sollte. Was jedoch den LSVD, die Dummheit einmal beiseite, treiben könnte, deutet Klauda nur dezent an. Koray Yılmaz-Günay von GLADT war da in einem Interview direkter: «Dem Verband sind die liebsten Migranten immer die gewesen, die Probleme verursachen […] Solange sich auf Kosten von ethnischen Minderheiten ein Profil entwickeln lässt, das Fördergelder akquirieren hilft, ist er schnell bei der Sache.» (junge welt vom 28. Januar 2006)

Heute hat GLADT zahlreiche Mitstreiter_innen unterschiedlichster – auch mehrheitsdeutscher – Herkünfte sowie geschlechtlicher und sexueller Identitäten. Der Verein ist ganz von hier und auch überhaupt nicht religiös orientiert – dennoch wird dort im Miteinander für mich – um zum Schluss ganz persönlich zu werden – manchmal die von Michel Foucault gepriesene «Freundschaft als Lebensweise» greifbar, wie sie nach Klauda in der traditionellen «islamischen Welt» eine «Alternative zum westlichen Identitätsmodell darstellt». Gut möglich, das ist richtig queer.

Rosige Zeiten, Ausgabe 119 (Dezember 2008/Januar 2009)

[Der Artikel wurde vorab bereits im Oktober 2008 auf www.schwule-seite.de veröffentlicht (Direktlink zum Text).]

  1. Georg Klauda: Die Vertreibung aus dem Serail. Europa und die Heteronormalisierung der islamischen Welt, Hamburg 2008: Männerschwarm Verlag. [zurück]