Zülfukar Çetin, Heinz-Jürgen Voß & Salih Alexander Wolter: «Interventionen gegen die deutsche ‹Beschneidungsdebatte›»

Zuletzt aktualisiert am 19. Februar 2015

Vorab ein Zitat aus The Routledge Handbook of German Politics and Culture: «2012 was also the year when, after moral panics around oppressed Muslim women and homophobic and violent Muslim youths, the latest iteration of threatening Muslim Otherness emerged in the so-called Beschneidungsdebatte on whether circumcision of Muslim (and Jewish) boys violates human rights and should thus be outlawed. The debate overshadowed both the continuing revelation about the Nationalsozialistischer Untergrund, a white supremacist group that committed at least 10 racist murders, eight of which targeted Muslim men, and the 20-year-commemoration of the 1992 Mölln arson attack, which cost the lives of three Turkish Germans and injured nine (Çetin, Voß and Wolter 2012).» Fatima El-Tayeb: Germany and Europe – Negotiating identity in a multicultural present, in: The Routledge Handbook of German Politics and Culture, ed. by Sarah Colvin, Abingdon/England & New York 2015, p. 298.

Zülfukar Çetin, Heinz-Jürgen Voß  & Salih Alexander Wolter: Interventionen gegen die deutsche «Beschneidungsdebatte», Münster 2012: Edition Assemblage, 96 Seiten, broschiert, 9.80 €. ISBN 978-3-942885-42-3|WG 973. Zur Verlagsseite für diesen Titel geht es hier.

Die Edition Assemblage hat am 30. November 2012 einen Band mit Entgegnungen zur sogenannten Beschneidungsdebatte veröffentlicht. Die Autoren danken der Fachzeitschrift Sexuologie (Charité Berlin), in der Heinz-Jürgen Voß’  klare Darstellung der medizinischen Studien zur Zirkumzision zuerst erschienen ist, und dem von Farid Hafez herausgegebenen Jahrbuch für Islamophobieforschung, Wien 2013, dem der Text von Zülfukar Çetin und Salih Alexender Wolter entnommen wurde (externe Links). Den Aufsatz von Çetin und Wolter – Fortsetzung einer «Zivilisierungsmission»: Zur deutschen Beschneidungsdebatte – gibt es auch online hier (PDF), den Beitrag von Voß – Zirkumzision – die deutsche Debatte und die medizinische Basis – auch online hier (externe PDF). Ein Überblick über wichtige Rezensionen des Buchs findet sich hier.

Heinz-Jürgen Voß: «Intersexualität – Intersex: Eine Intervention»

Zuletzt aktualisiert am 22. August 2013

«Voß ist einer der leider raren Geschlechterforscher, bei dem die inhaltliche Kritik an der vereinnahmenden Ausblendung der Menschenrechtsverletzungen an Zwittern offensichtlich nicht nur zum einen Ohr rein und zum andern flugs wieder raus ging, sondern der die Argumente und Quellen auch zur Kenntnis nahm und seither immer mal wieder beweist, dass er seine Hausaufgaben gemacht hat und die Anliegen der Überlebenden von kosmetischen Genitaloperationen ernst nimmt», schreibt die Selbstorganisation von Inters* zwischengeschlecht.org (externer Link).

Eine «Streitschrift, die sich unbedingt eignet, die Auseinandersetzung um die Menschenrechte auch für intergeschlechtliche Menschen zu bereichern. […] Es bleibt die Hoffnung, dass das Bändchen auch von betreffenden Politiker_innen entscheidender Ausschüsse gesehen wird.» Mädchenblog (externer Link)

«Eine Ethik nämlich, die ihrem Namen gerecht würde, müsste sich radikal für das Selbstbestimmungsrecht der Intersexe einsetzen und deren Maximalforderungen bedingungslos umsetzen. Sie sind es schließlich, die die eigentliche Expertise besitzen […] Die von Voß vorgelegte Intervention […] stützt wissenschaftlich diesen Expert_innenstatus.» kritisch-lesen.de (externer Link)

«Mit der ebenso seltenen wie fruchtbaren Kombination aus biologischer und sozialwissenschaftlicher Perspektive entlarvt Voß das Konstrukt  der Zweigeschlechtlichkeit vielmehr als gesellschaftliches Produkt denn als medizinischen Fakt.» Missy Magazine (externer Link)

«Dieses Buch enthält alles, was mensch für den Kampf gegen die halbherzige ‹Empfehlung des Ethikrates› benötigt. […] kompakt und für alle leicht verständlich und nachvollziehbar. […] Das liest sich spannend!» queer.de (externer Link)

«Ein sehr gut lesbares Buch, das die neue Entwicklung der Intersex-Diskussion nicht nur darstellt, sondern auch konkrete Hilfestellungen gibt, den Kampf gegen die Empfehlung des Ethikrates wieder anzufachen.» Rosige Zeiten.

«Die Intervention zu Intersexualität – Intersex erweist sich als ein kleines, aber feines Buch, das einen gelungenen Einstieg in die aktuelle politische Debatte gibt. […] Das Buch ist flüssig und leicht verständlich geschrieben und macht Lust, sich weiter in das noch immer sehr konfliktbeladene und emotionale Thema um den Kampf auf Selbstbestimmung sowie um Respekt, Toleranz und Anerkennung von Vielfalt und Verschiedenheit einzulesen.» querelles-net (Direktlink zur Rezension)

• Heinz-Jürgen Voß: Intersexualität – Intersex: Eine Intervention, Lektorat: Salih Alexander Wolter, Münster 2012: Unrast Verlag, 80 Seiten, broschiert, 7.80 €. ISBN 978-3-89771-119-8.  Weitere Informationen zum Buch sowie Klappentext und Einleitung auf Das Ende des Sex: Biologisches Geschlecht ist gemacht (externer Link). «Das medizinische Einschneiden in den Körper sowie sein physisches und physiologisches Verändern erweisen sich […] als direkte Fortsetzung zweigeschlechtlicher gesellschaftlicher Norm.»

 

Queer Theory & Marxismus? (Eingriffe in theoretische Auseinandersetzungen 2009-2011)

HP_UmschlagRoZ_128Salih Alexander Wolter: Verqueerte Verhältnisse (Direktlink zum Text), gedruckt veröffentlicht in Rosige Zeiten, Ausgabe Dezember 2009/Januar 2010, im Internet auch unter www.schwule-seite.de.

Salih Alexander Wolter: Queerfeministische Ökonomiekritik? Eine Randnotiz zum Ende des Kapitalismus (Direktlink zum Text), mehrfach veröffentlicht, gedruckt in Red & Queer 16, erschienen im Mai 2010, und in Rosige Zeiten, Ausgabe Juni/Juli 2010, leicht zugänglich auch unter www.arranca.org im Anhang zu dem Artikel von Kathrin Ganz & Do. Gerbig, auf den sich die Polemik bezieht, und unter www.schwule-seite.de.

Salih Alexander Wolter: Weder Gott noch Gen. Heinz-Jürgen Voß᾽ «Geschlecht – Wider die Natürlichkeit» (Direktlink zum Text), veröffentlicht in Red & Queer 19, erschienen im Januar 2011), und in uz – Sozialistische Wochenzeitung, Ausgabe vom 18. Februar 2011.

Heinz-Jürgen Voß: «Making Sex Revisited» + «Geschlecht – Wider die Natürlichkeit»

Zuletzt aktualisiert am 28. Mai 2018

Vorab ein Zitat aus Nils Wilkinsons Essay Ordering Darwin: Evolution and Normativity, veröffentlicht in dem empfehlenswerten Sammelband Reflecting on Darwin, hg. von Eckart Voigts, Barbara Schaff & Monika Pietrzak-Franger bei Ashgate, Farnham/England & Burlington/Vermont 2014, S. 165:

«The complexity of specializations within science leads to unbridgeable gaps between scientists who then resort to simplifications so as to be able to at least communicate some of the dense knowledge acquired over a long period of time. This problem appears even more striking when we consider the distortions of scientific insights in the arts and science pages of the popular press. Here, an uncritical reader with only surface knowledge of biological science may be led to think that biology actually holds the answer to the question of what human nature is (look out for sentences that start with ‹scientists now have found the key to…›), rather than showing that nature is a malleable, ongoing process of becoming. For example, if we look into Heinz-Jürgen Voß’s work on the history of not only medical theories of sex, we see that constructivist notions have long been part of such inquiries and that they are not a symptom of the two cultures of hard vs. soft science.»

Heinz-Jürgen Voß: Making Sex Revisited. Dekonstruktion des Geschlechts aus biologisch-medizinischer Perspektive, Bielefeld 2010 (3., unveränderte Auflage 2011): [transcript] Verlag für Kultur, Kommunikation und soziale Praxis. Lektorat: Salih Alexander Wolter. Für weitere Informationen zum Buch und zur wissenschaftlichen und sexualpolitischen Arbeit von Heinz-Jürgen Voß wärmstens zu empfehlen: sein Blog Das Ende des Sex: Biologisches Geschlecht ist gemacht. Hinweis: Seit Oktober 2016 ist das Werk auch als OPEN-ACCESS verfügbar, z. B. hier (Volltext-PDF auf dem Blog des Autors externer Link) und hier (DOI bei DeGruyter externer Link).

«Salih Alexander Wolter danke ich für seine Freundschaft, für Anregungen zu philosophischen Problemen und die gründliche Durchsicht des Manuskripts. Die lebhaften Diskussionen mit ihm brachten mich zu vielen neuen Gedanken, sein Widerspruch regte mich zur Lektüre zahlreicher schöner Bücher an, sein Zuspruch half mir über schwierige Phasen der Dissertation hinweg.» (Heinz-Jürgen Voß)

Geschlecht - Wider die Natürlichkeit

Heinz-Jürgen Voß: Geschlecht Wider die Natürlichkeit, Stuttgart 2011 (4., durchgesehene und erweiterte Auflage 2018): Schmetterling Verlag/Reihe theorie.org. Lektorat: Salih Alexander Wolter.

S. a. die Rezension von Salih Alexander Wolter: Weder Gott noch Gen. Heinz-Jürgen Voß᾽ «Geschlecht – Wider die Natürlichkeit».

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Zur Einführung empfohlen:

«Beträchtlicher Mehrwert an Erkenntnis». Professor Rüdiger Lautmann im Juli 2012 in der Zeitschrift für Sexualforschung über Heinz-Jürgen Voß’ «Making Sex Revisited«» und «Geschlecht – Wider die Natürlichkeit«  (externer Link)

außerdem ein aktuelles Interviews mit und zwei Pressebeiträge von Heinz-Jürgen Voß:

Interview von Peter Haffner mit Heinz-Jürgen Voß im Monatsmagazin NZZ Folio der Neuen Zürcher Zeitung, Ausgabe vom Mai 2017: «Was wir begehren. Asexualität, Neosexualität und mehr als zwei Geschlechter: Bringt die Sexualwissenschaft Ordnung in Sex und Gender?» (externer Link)

Beitrag von Heinz-Jürgen Voß auf dem Queerspiegel-Blog des Tagesspiegel, veröffentlicht am 25. April 2016: «Geschlecht machen: Gender-Ideologie in Deutschland» (externer Link)

Beitrag von Heinz-Jürgen Voß im Tagesspiegel,  veröffentlicht am 31. März 2016: «Geschlecht in der Biologie: Es gibt mehr als zwei Geschlechter» (externer Link)

Heinz-Jürgen Voßʾ «Geschlecht – Wider die Natürlichkeit»

Aktualisiert am 23. April 2018: Das Buch erschien heute in der 4., durchgesehenen und erweiterten Auflage. Herzlichen Glückwunsch! S. W.

Salih Alexander Wolter:
Weder Gott noch Gen. Heinz-Jürgen Voßʾ Geschlecht – Wider die Natürlichkeit

Vorweg: Unvoreingenommen kann ich dieses Buch1 nicht besprechen. Ich bin mit seinem Autor seit langem eng befreundet, habe ihn darin bestärkt, es zu schreiben, und selbst gern das Lektorat übernommen – honorarfrei, versteht sich. Denn ich hoffe, dass es zu einer fruchtbaren Diskussion über das Verhältnis von Queer Theory und Marxismus beitragen wird. Mögliche Anschlüsse bietet eine Einsicht, die Robert Steigerwald bereits 1987 im «Blauen Heft» formulierte, das auf www.dkp-queer.de verfügbar ist: «Im Menschen wirkt kein Dualismus von biologisch angeborenen Verhaltensweisen einerseits und gesellschaftlichen andererseits, sondern Gesellschaftlichkeit wurde zu unserer Natur und bestimmt sämtliche unserer Verhaltensweisen.»

Heinz-Jürgen Voß, eben 31 geworden, gebürtiger Thüringer, aufgewachsen in Sachsen und in der queer-politischen Szene seit Jahren als quirliger linker Aktivist bundesweit bekannt, ist Diplom-Biologe und promovierte im vorletzten Dezember summa cum laude bei dem Sexualwissenschaftler Rüdiger Lautmann in Bremen. Diese Dissertation – unter dem Titel Making Sex Revisited. Dekonstruktion des Geschlechts aus biologisch-medizinischer Perspektive vor Jahresfrist veröffentlicht – wird seither ungewöhnlich breit und kontrovers rezipiert und geht demnächst in die dritte Auflage. Geschlecht – Wider die Natürlichkeit stellt einerseits eine auch für Nicht-Fachleute gut verständliche Zusammenfassung der Studie dar und nimmt andererseits die laufende Debatte auf, in der sich Voß gegen die verbreitete Tendenz stellt, «subversives» queeres Denken mit der kapitalistischen Ordnung zu versöhnen. Dabei ist seine inzwischen deutlich marxistische Positionierung seinem wissenschaftlichen Anspruch geschuldet: Statt sich mit den gängigen «Eindeutschungen angloamerikanischer Herrschaftskritiken, die zu praxisfreien Denkmodellen umgemodelt wurden», zu begnügen, zeigt er – wie ein Fach-Rezensent des Erstlings lobte – «klar und deutlich, wie Wege der Erkenntnis in Zukunft zu beschreiten sind: nicht vereinfachend, sondern komplex, multikausale Ursachen erwägen, materielle Aspekte nicht vergessen, stets die Frage ‹Cui bono?›».

Entsprechend erkundet Voß – der dazu ohne Scheu auf die «abgewickelte» DDR-Sozialforschung zurückgreift, wo der heute akzeptierte akademische Kanon Leerstellen aufweist – immer auch die ökonomischen Bedingungen, die das Geschlechtsleben ebenso mitbestimmen, wie sie das wechselnde Interesse beeinflussen, mit dem es betrachtet wird. So hat 1990 Judith Butlers Gender Trouble (deutsch Das Unbehagen der Geschlechter), ein Grundwerk der Queer Theory, die bis dahin gesichert geglaubte Erkenntnis, dass es eben Männer und Frauen gebe, nachhaltig erschüttert. Was unter aufgeklärten Menschen für das «gesellschaftliche Geschlecht» (englisch gender) – also die «Geschlechterrollen» –  spätestens seit Simone de Beauvoir galt: dass es sich dabei nämlich um bloße Zuweisungen handelt, die zur Disposition gestellt werden können, behauptete Butler nun auch für den «vermeintlichen festen, ‹natürlichen› – vorgegebenen und unabänderlichen – Kern», das «biologische Geschlecht» (englisch sex). Ebenfalls 1990 erschien Making Sex von Thomas Laqueur, der zu zeigen suchte, dass es im Zeitalt er der Aufklärung zum Bruch zwischen einem seit der Antike tradierten «Ein-Geschlechter-Modell» und der heute üblichen binären, das heißt auf Zweigeschlechtlichkeit fixierten, Sicht gekommen sei. Seither werden allenthalben postmoderne Diskurstheorien gegen die zeitgenössische Naturwissenschaft ausgespielt, die einer emanzipatorischen gesellschaftlichen Entwicklung angeblich entgegensteht. Dagegen belegt Voß durch ebenso sorgfältige wie umfangreiche Quellenarbeit, dass Laqueurs These historisch unhaltbar ist, und diskutiert zugleich den aktuellen Forschungsstand aus Systembiologie und Epigenetik, nach dem sowohl eine Vielzahl von Geschlechtern denkbar ist als auch – dass es «Geschlecht» letztlich gar nicht gibt. Die damit eröffnete Möglichkeit, «eine gesellschaftliche Utopie von Geschlecht zu entwickeln», verführt Voß aber nicht dazu, im bei bürgerlichen Jung-Intellektuellen so beliebten «Gender-Diskurs» einen Ersatz für den notwendigen Kampf um eine gerechte Gesellschaftsordnung zu sehen – weiß er doch, dass der gemachte Geschlechtsunterschied, etwa bei der hierzulande besonders krass ungleichen Entlohnung von Männern und Frauen, nur allzu real ist.

Die so plausibel erscheinende Vorannahme einer Geschlechter-Dichotomie – oder neuerdings auch wieder von «rassischen» Besonderheiten – verstärkt wiederum eine populärwissenschaftliche Interpretation genetischer Erkenntnisse, die der Biologie eine ähnliche Macht über das Schicksal des Menschen andichtet, wie sie in früheren Zeiten der göttliche Schöpfungsplan haben sollte: So reproduzieren sich in der Ideologie der Natürlichkeit die bestehenden Verhältnisse. Theorien, die sich angesichts dessen von der Naturwissenschaft abwenden und von einem auf wirkliche Veränderungen zielenden Engagement ablenken, unterstützen diese Entwicklung noch. Dagegen verweist Voß auf Marx, der uns lehrt, «zu verstehen, dass der Mensch stets ein gesellschaftliches Wesen ist – und warum uns das Verständnis für diese Gesellschaftlichkeit so schnell entgleitet».

Red & Queer 19, erschienen im Januar 2011
uz – Sozialistische Wochenzeitung, Ausgabe vom 18. Februar 2011

  1. Heinz-Jürgen Voß: Geschlecht – Wider die Natürlichkeit, Stuttgart 2011 (4. Auflage 2018): Schmetterling Verlag/Reihe theorie.org (s. auch hier). [zurück]

Verqueerte Verhältnisse

Salih Alexander Wolter:
Verqueerte Verhältnisse

Verqueerte Verhältnisse betitelt die AG Queer Studies der Hamburger Universität den vor kurzem erschienenen zweiten Sammelband zu ihrer Vorlesungsreihe «Jenseits der Geschlechtergrenzen».1 Dieses queer-feministische wissenschaftliche Angebot, hervorgegangen aus einem 1990 mit schwulem Schwerpunkt begründeten Projekt, ist umso bemerkenswerter, als in der Bundesrepublik insgesamt – sehr zurückhaltend formuliert – «Rückschritte bezüglich der Anerkennung und Einschreibung von geschlechter- und sexualitätenpolitischen Themen in das akademische Feld zu beobachten sind» (S. 31f). Offenbar soll bald kein informierter Einspruch mehr das Publikum gelegentlich irritieren – und schon gar nicht soll die lästige Machtfrage gestellt werden -, wenn beispielsweise «rassistische Feminismen» à la «Alice Schwarzer und der Kreis um die Zeitschrift Emma» (S. 11) ihr borniertes «Wissen» über Migrant_innen auf sämtlichen verfügbaren Kanälen verbreiten. Das wäre dann, im Wortsinn, dumm gelaufen – wie so vieles, seit man sich an hiesigen Hochschulen dem verschreibt, was Wirtschaft und herrschende Politik für «Exzellenz» halten. Dabei ließe sich im heute angesagten Sprech doch auch bedauern, dass «Deutschland» darauf verzichtet, sich um internationale Wettbewerbsfähigkeit auf einem zukunftsweisenden Gebiet der Sozialwissenschaften zu bemühen.

Dem Tunnelblick des heimischen Mainstream setzt der aktuelle Band, acht Jahre nach dem viel beachteten Erstling, Elemente eines pluralen widerständigen Denkens entgegen, das noch da, wo es mir dem hegemonialen Diskurs auf den Leim zu gehen scheint, zumindest wichtige Fragen aufwirft. Der Titel nimmt einerseits Bezug auf die wachsende Komplexität von Macht- und Herrschaftsverhältnissen, die dringend erfordert, «Sexualität und Geschlecht […] in ihrer Verwobenheit mit anderen gesellschaftlichen Normsystemen wie ‹Rasse›, Ethnizität, Klasse, Behinderung oder Alter und vor dem Hintergrund der derzeitigen kapitalistischen/neoliberalen Vergesellschaftung» zu analysieren (S. 17). Entsprechend öffnen sich auch hierzulande Wissenschaftler_innen «intersektionalen» Ansätzen und suchen erfreulicherweise vor allem Anschluss an die im angelsächsischen Raum florierenden Postcolonial Studies – die wiederum in der Bundesrepublik, abgesehen von María do Mar Castro Varelas Professur an der Berliner Alice-Salomon-Fachhochschule, «bisher kaum eine Institutionalisierung an den Universitäten erfahren» (S. 20). Allgemein wird angesichts der «sich vertiefenden Spaltung der Gesellschaft, zunehmender ökonomischer Ungleichheit und der Entstehung eines neuen Prekariats […] das Begehren nach Kapitalismuskritik innerhalb der Queer Studies intensiver» (S. 24f). So klingt andererseits im Wort von den «verqueerten Verhältnissen» Utopie mit an. Es verweist auch auf das, was die Herausgeber_innen intendieren mögen, wenn Queer für sie «insbesondere eine kritische Forschungsperspektive bedeutet» (S. 9): Jacques Derrida hat es einmal – nicht von ungefähr mit Blick auf Karl Marx – eine «performative Interpretation» genannt, «das heißt eine Interpretation, die das, was sie interpretiert, zugleich verändert».

Von hier aus wird verständlich, dass die AG im Lauf der Arbeit an dem Band – der sehr ausführlichen und streckenweise etwas selbstquälerisch anmutenden Einleitung zufolge – immer wieder auf das Problem zurückkam, wie sich die Beziehung von Theorie und Praxis «queer denken» lässt. Sind «unsere Ringvorlesung und dieses Buch auch eine politische Intervention in die heteronormative Ordnung von Universität und Wissenschaft, oder vereinnahmen wir damit politische Kämpfe durch die zugangsbeschränkte akademische Theorieproduktion?» (S. 12). Den meisten Beiträgen gelingt es aber gut, die gesellschaftskritische Relevanz von Theoremen aufzuzeigen, die auf Anhieb eher gesucht schwierig wirken könnten – haben Schlagworte wie «brüchige Identität» oder «nomadische Subjektivität» doch oft den leicht faden Beigeschmack von Befindlichkeitsstörungen höherer Töchter und Söhne. Aber im Gegensatz dazu wird hier – etwa, wenn sich eine Autorin auf das Netzwerk Kanak Attak und die AG 1-o-1 (one ´o one) intersex einlässt – deutlich, dass gerade solche Begrifflichkeit eine die Individuen prägende soziale Realität, für die rassistische Diskriminierung und Zwangs-Zweigeschlechtlichkeit ebenso bestimmend sind wie die Klassenverhältnisse, beschreiben kann, ohne dabei eine Ebene auf die andere zu reduzieren. Und umgekehrt bedienen sich die zitierten Aktivist_innen ihrerseits gern aus dem poststrukturalistischen Werkzeugkasten, wenn sich dort etwas für ihre «agency» – oder Handlungsfähigkeit – Brauchbares findet (s. den Text von Do. Gerbig, S. 151-164).

Wirklich verqueert wird das Theorie-Praxis-Verhältnis – und der Buchtitel vielleicht erst damit in seiner vollen Bedeutung erfasst – bei Jin Haritaworn. Hier bilden beide, vereint wie die gleichzeitig angeschlagenen Töne eines Akkords, ein Ineinander, statt nebeneinander herzulaufen. In diesem Sinn bezeugt seine Intervention Kiss-ins und Dragqueens. Sexuelle Spektakel von Kiez und Nation (S. 41-65) die Möglichkeit von «performativer Interpretation» auch gegen die offensichtlichen Aporien von Judith «Butlers Begriff der Performativität als Zitatförmigkeit» (S. 152). Jin ist, als queerer Aktivist in verschiedenen Ländern unterwegs, durchaus praktisch orientiert und aufmerksam für jedes lokale Detail – so habe ich ihn, passend zum Thema seines Textes, in diesem Sommer als Mitstreiter in Berlin erlebt, als GLADT gegen die Gewalt an migrantischen Trans*-Sexarbeiterinnen in Schöneberg mobilisierte (die äußerst brutalen Vorfälle hatten – und das passt leider ebenfalls – in der Community viel weniger Empörung ausgelöst als der Rausschmiss eines knutschenden Lesbenpaares aus einer Eisdiele ein paar Straßenecken weiter). Aber zugleich gehört Haritaworn, neben Jasbir K. Puar, zu den international meist diskutierten Queer-Theoretiker_innen: In Großbritannien gibt es gegenwärtig eine heftige öffentliche Kontroverse um seine Kritik am gay imperialism – dem Beitrag des schwulen weißen Establishments zum ansteigenden Rassismus in den westlichen Staaten und zur ideologischen Rechtfertigung ihrer Kriege gegen die sogenannte «islamische Welt». An eine frühere Studie von Jennifer Petzen – u. a. zur Rolle des LSVD im Islamophobie-Business – anknüpfend, sensibilisiert das vorliegende Stück für den auch in manchen intersektionalen Überlegungen festzustellenden «‹implizit vergegenständlichenden Effekt der Anrufung durch Kategorien›» (S. 16).

Letzterem wird es geschuldet sein, dass sich die Kultur, die dem Kapitalismus «Stütze und Widerspruch» in einem bietet, wie Fernand Braudel einmal bemerkte, nach Protestbekundungen «doch fast immer erneut schützend vor die herrschende Ordnung» stellt, «ein Vorgang, aus dem der Kapitalismus einen Teil seiner Sicherheit zieht». Fragwürdig erscheint mir aber der Versuch, nun die Ökonomie durch «kulturwissenschaftliche Analysen» zu begreifen, wie es Antke Engel – quasi in Umkehrung der zurückgewiesenen ökonomistischen Verkürzung eines vergangenen Traditionsmarxismus (vgl. S. 24) – vorschlägt, und hier, in Anlehnung an Thesen von Butler, vorzugsweise «ein Interventionsfeld kultureller Politiken» zu sehen (S. 106). Mir jedenfalls wollen «Umarbeitungen neoliberaler Macht- und Herrschaftseffekte», wie sie beispielsweise «im SM-Rollenspiel […] erfolgen» können (S. 105), keineswegs genügen. Darum möchte ich zum Abschluss daran erinnern, dass für Derrida die «Dekonstruktion […] immer nur Sinn und Interesse gehabt» hat «als eine Radikalisierung des Marxismus».

Bleibt noch nachzutragen, dass eine in der Einleitung beklagte «Leerstelle» demnächst geschlossen wird: Heinz-Jürgen Voß leistet mit seinem Buch Making Sex Revisited, das Anfang 2010 bei Transcript veröffentlicht wird, die ausstehende «Zusammenführung queer-theoretischer Ansätze mit naturwissenschaftskritischen Zugängen» (S. 30).

Rosige Zeiten, Ausgabe 125 (Dezember 2009/Januar 2010)

  1. Verqueerte Verhältnisse. Intersektionale, ökonomiekritische und strategische Interventionen, hg. von der AG Queer Studies, Hamburg 2009: Männerschwarm Verlag. [zurück]