Neuausgabe von «Karriere eines konstruierten Gegensatzes» erschienen

Im Dezember 2014: Eben habe ich im Eisenherz-Buchladen, Motzstraße 23 in Berlin-Schöneberg (externer Link), die ersten Exemplare der Neuausgabe von Karriere eines konstruierten Gegensatzes: zehn Jahre «Muslime versus Schwule». Sexualpolitiken seit dem 11. September 2001 bei der Edition Assemblage gesehen. Der ‹Klassiker› ist um ein aktuelles Nachwort des Herausgebers Koray Yılmaz-Günay erweitert, in den Angaben zu den Autor_innen auf den neuesten Stand gebracht und auf besserem Papier gedruckt worden. Das Buch macht nun im Regal deutlich ‹mehr her› und wird so hoffentlich noch zusätzliche Leser_innen ansprechen. Doch schon im ersten Anlauf – «im September 2011 in einer gewagt hohen Auflage im Selbstverlag erschienen» (Yılmaz-Günay) und ohne ISBN verbreitet – fand es den Weg in die Bibliotheken von zahlreichen Aktivist_innen und wissenschaftlichen Einrichtungen im In- und Ausland und wird bis heute vielfach zitiert. Ich bin nach wie vor stolz darauf, durch Texte und redaktionelle Mitarbeit zu diesem Band beigetragen zu haben. Schön, dass er nun auch über den Buchhandel zu beziehen ist! Passend zur Neuausgabe veröffentlichte das Blog Die Freiheitsliebe ein Interview mit mir: »Progressive Queerpolitik muss antirassistisch sein« (externer Link). Salih Alexander Wolter

Dieser Reader «führt das für die Debatte unentbehrliche Wissen prononciert zusammen». Mädchenblog (externer Link)

«Kritisiert wird die Tendenz von Teilen der Schwulenbewegung, einerseits unverhohlen rassistisch zu sein, gleichzeitig aber durch die ‹Zurschaustellung› von ‹dunkelhäutig-exotischen› Liebhabern Weltoffenheit zu demonstrieren. Andere Texte setzen sich mit der Islamfeindlichkeit als ‹Elitendiskurs› auseinander – also mit dem Phänomen, dass [durch] das Abheben auf die angebliche Homophobie der ‹Anderen› Rassismus auch in aufgeklärt intellektuellen Szenen quasi salonfähig wird.» Antje Schrupp (externer Link)

Der Band bietet «eine verlässliche, wissenschaftlich fundierte und politisch orientierte Analyse, in der facettenreich und vielstimmig die Entwicklungen der letzten zehn Jahre ausgewertet, regional zugespitzt und international eingebunden werden». Heinz-Jürgen Voß auf kritisch-lesen.de (externer Link)

Karriere eines konstruierten Gegensatzes Cover neu● Koray Yılmaz-Günay (Hg.): Karriere eines konstruierten Gegensatzes: zehn Jahre «Muslime versus Schwule». Sexualpolitiken seit dem 11. September 2001. Neuausgabe: Münster, Dezember 2014: Edition Assemblage, 216 Seiten, broschiert, 18,00 €, ISBN 978-3-942885-53-9 (Erstausgabe: Berlin, September 2011: Selbstverlag). Zur Verlagsseite für diesen Titel geht es hier. Ein Klick auf das Buchcover oben öffnet das Inhaltsverzeichnis und die Einleitung des Herausgebers (externe Links).

Der Sammelband enthält Beiträge von Markus Bernhardt, Zülfukar Çetin, Esra Erdem, Jin Haritaworn, Andreas Hieronymus, Alexander King, Georg Klauda, Jennifer Petzen, Dirk Ruder, Saideh Saadat-Lendle, Hilal Sezgin, Yasemin Shooman, Tamsila Tauqir, Salih Alexander Wolter und Koray Yılmaz-Günay; dazu: ein Interview, das Deniz Utlu mit Jasbir K. Puar führte, Stellungnahmen von SUSPECT, Decolonize Queer, Lesbiennes of Color und eine Fotoserie von Aykan Safoğlu.

«An wenigen Wochenenden und sehr geballt ist hier Zusammenarbeit im besten Sinn praktiziert worden: freundschaftlich. Dr. Jin Haritaworn, Dr. Alexander King, Dr. Jennifer Petzen und vor allem Salih Alexander Wolter haben mit ihrem politischen Rat und ihrer tatkräftigen Unterstützung Großes geleistet. Sie sind wesentlich mehr als nur Autor_innen dieses Buchs.» (Koray Yılmaz-Günay)

Salih Alexander Wolter ist mit folgenden Texten vertreten:

Ist Krieg oder was? Queer Nation Building in Berlin-Schöneberg

«Sein ganzer Traum von Männlichkeit». Cem Yıldız sagt, wo es langgeht

mit Koray Yılmaz-Günay: Muslimische Erklärungen gegen Homophobie – Entstehung, Inhalt und Nutzbarkeit

Die «Interventionen gegen die deutsche ‹Beschneidungsdebatte›» in Wissenschaft und Medien

Zuletzt aktualisiert am 14. Juli 2016 (weitere Ergänzung zur wissenschaftlichen Rezeption)

Signale aus der MehrheitsgesellschaftDie Interventionen-Autoren Dr. Zülfukar Çetin und Salih Alexander Wolter wurden im Rahmen des von Network Turkey organisierten und von Dr. Kerem Öktem von der Oxford University geleiteten Forschungsprojekts Signale aus der Mehrheitsgesellschaft ausführlich zur sogenannten Beschneidungsdebatte des  Jahres 2012 befragt. Die Studie, die am 19. September 2013 in der Berliner Humboldt-Universität mit einer von Dr. Yasemin Shooman von der Akademie des Jüdischen Museums Berlin moderierten Podiumsdiskussion vorgestellt wurde, ist hier zu lesen (PDF der 2., revidierten Fassung –  Text © Kerem Öktem 2013). Empfohlen sei auch ein Interview mit Dr. Öktem – mittlerweile Professor an der Universität Graz –, das die Jüdische Allgemeine am 31. Oktober 2013 veröffentlichte (externer Link zum Beitrag).

Prof. Dr. Alfred Bodenheimer, Ordinarius für Religionsgeschichte und Literatur des Judentums am Zentrum für Jüdische Studien der Baseler Universität und Autor des (sehr empfehlenswerten!) ersten Buchs zum Thema – Haut ab! Die Juden in der deutschen Beschneidungsdebatte, erschienen im September 2012 im Göttinger Wallstein-Verlag –, bot im Herbst 2013 an der Universität Freiburg i. Br. das Seminar Brit Mila – Texte und Kontexte zur Beschneidung im Judentum an – das Buch von Çetin, Voß und Wolter war dabei vorgegebene Lektüre.

Zitiert werden die Interventionen auch in der von Dr. Michael Kohlstruck und Dr. Dr. Peter Ullrich / Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin verfassten Broschüre Antisemitismus als Problem und Symbol. Phänomene und Interventionen in Berlin, erschienen Anfang 2015 als Ausgabe 52 des Berliner Forum Gewaltprävention, hg. von der Berliner Landeskommission gegen Gewalt. Das Heft kann hier heruntergeladen werden (externer PDF-Link).

Weiterhin wird das Buch auf Mag. Armin Muftić‘ verdienstvoller Recherche-Seite Islamophobia Studies geführt (externer Link – das Buch findet sich unter «Monographies», der Beitrag von Çetin und Wolter noch einmal gesondert unter «Articles in edited volumes») und ebenso im aktuellen Einführungsband Antimuslimischer Rassismus am rechten Rand von Prof. Dr. Iman Attia, Dipl.-Sozialwiss. Alexander Häusler und Dr. Yasemin Shooman zitiert (Münster 2014: Unrast Verlag).

An politisch zentraler Stelle erscheinen die Interventionen in Prof. Dr. Fatima El-Tayebs (University of California – San Diego) Artikel Germany and Europe – Negotiating identity in a multicultural present im international wichtigen Referenzwerk The Routledge Handbook of German Politics and Culture, hg. von Sarah Colvin, Abingdon/England & New York 2015: Routledge, S. 285-300.

Mittlerweile wird das Buch auch in der katholischen religionswissenschaftlichen Diskussion wahrgenommen. Die Interventionen werden sowohl von Dr. António Luís Barata de Brito Carvalho Neves in seinem Buch A Circuncisão Religiosa como Tipo de Problema Jurídico-Penal (Coimbra 2014: Edições Almedina) zitiert als auch von Prof. Dr. Stefan Gatzhammer in seinem längeren Beitrag O debate de direito eclesiástico: A circuncisão por motivos religiosos e anova lei do Código Civil da Alemanha im Lissaboner Forum canonicum: revista do Instituto Superior de Direito Canónico, VIII (2013), 2, S. 129-139 (nachgedruckt als Einzelveröffentlichung in den Postprints der Universität Potsdam / Philosophische Reihe, Potsdam 2014), und in seinem Artikel Commento alla sentenza del Landgericht Köln del 7 maggio 2012 in tema di circoncisione e commento alla nuova normativa § 1631d del codice civile tedesco (BGB) in der römischen Fachzeitschrift Il Diritto Ecclesiastico, 124 (2013), S. 355–364.

«Die von der Bundesregierung beschlossene gesetzliche Klarstellung, dass eine für jüdische und muslimische Menschen zentrale Tradition nicht strafrechtlich zu verfolgen sei, ist ausdrücklich zu begrüßen. Die öffentliche und mediale Debatte hat jedoch ebenso deutliche antisemitische und antimuslimische Ressentiments abgebildet. Eine Analyse der Debatte zeigt, dass selbst säkular oder atheistisch verkleidete Positionen gegen die rituelle Beschneidung von antimuslimischen und antisemitischen Einstellungen geprägt sind», heißt es unter Berufung auf das Buch von Çetin, Voß und Wolter im Parallelbericht an den UN-Antirassismusausschuss zum 19.-22. Bericht der Bundesrepublik Deutschland nach Artikel 9 des Internationalen Übereinkommens zur Beseitigung jeder Form von rassistischer Diskriminierung. Das Dokument wurde im März 2015 unter dem Titel Rassistische Diskriminierung in Deutschland. Erscheinungsformen und menschenrechtliche Verpflichtungen zum Schutz vor rassistischer Diskriminierung von der Diakonie Deutschland e. V. als Broschüre veröffentlicht und kann hier auch als PDF heruntergeladen werden (externer Link zur Hirschfeld-Eddy-Stiftung; s. S. 18).

Mehrfach bezieht sich auch Prof. Dr. Gökçe Yurdakul von der Berliner Humboldt-Universität in ihrem wichtigen Beitrag Jüd/innen und Türk/innen in Deutschland: Inklusion von Immigrant/innen, politische Repräsentation und Minderheitenrechte, erschienen in dem von der Heinrich-Böll-Stiftung hg. Sammelband Inklusion: Wege in die Teilhabegesellschaft, Frankfurt a. M. & New York 2015: Campus Verlag, S. 363-377, auf das von Dr. Zülfukar Çetin und Salih Alexander Wolter verfasste Kapitel der Interventionen sowie auf die Oxford-Studie (Link s. o.). Der Beitrag wurde erneut veröffentlicht in dem von Uwe Hunger und Nils Johann Schröder hg. Band Staat und Islam. Interdisziplinäre Perspektiven, Wiesbaden 2016: Springer VS, S. 245-282. Prof. Dr. Yurdakul zitiert das Kapitel von Çetin und Wolter ebenfalls ausführlich in ihrem Aufsatz Jews, Muslims and the Ritual Male Circumcision Debate: Religious Diversion and Social Inclusion in Germany, erschienen 2016 in der internationalen Fachzeitschrift Cogitatio, vol. 4, no. 2 – Social Inclusion -, S. 77-86 (externer Link zum Artikel).

Der von Lisa Krall geschriebene Artikel «Beschneidung» des Gender Glossar, das sich als «ein transdisziplinäres Online-Nachschlagewerk, das wissenschaftliche Beiträge zu Begriffen, Themen, Personen und Institutionen aus dem Bereich der Gender Studies beinhaltet», versteht (externer Link zum Artikel) zitiert sowohl die Interventionen von Zülfukar Çetin, Heinz-Jürgen Voß und Salih Alexander Wolter als auch die Oxford-Studie von Prof. Dr. Kerem Öktem (Link s. o.).

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Aus wichtigen Rezensionen zu den Interventionen gegen die deutsche «Beschneidungsdebatte» (neuester Beitrag zuerst):

homepageImage_de_DEIn ihrer ausführlichen Besprechung in der Freiburger Zeitschrift für Geschlechterstudien, Ausgabe vom Herbst 2013, schreibt Lisa Krall u. a.: «Çetin und Wolter kritisieren im Sinne der Dialektik der Aufklärung, dass Integration in der deutschen Beschneidungsdebatte als Möglichkeit dazu verstanden wird, sich den christlichen Traditionen anzupassen und die eigenen ‹Defizite› ablegen zu können. […] Voß kann […] zeigen, dass die Darstellungen der Zirkumzision als schwerwiegend, folgenreich oder traumatisierend nicht gerechtfertigt sind, und vermutet, dass das gesundheitliche Wohlempfinden der Beschnittenen viel mehr von den kulturellen Erwartungen und der Akzeptanz der Gesellschaft abhänge, als von den Eingriffen. […] Die Autor_innen legen insgesamt eine umfassende und tiefgehende Analyse der geführten Diskussion vor […] und ermöglichen so einen kritischen Überblick über alarmierende Positionen und Argumentationen. Bleibt zu hoffen, dass die Publikation des Buches weiterhin auf großes Interesse stößt und sich im Sinne der Autor_innen eine kritische und reflektierte Diskussion über die Fachkreise hinaus etabliert.» Zur vollständigen Rezension geht es hier (externer Link).

DieFreiheitsliebe_smallDas vielgelesene Blog Die Freiheitsliebe meint: «Das Buch ist eine wichtige Intervention in eine Debatte, die auch in fortschrittlichen Kreisen zu viel Verwirrung führte und bewusst oder auch unbewusst auch bei einigen fortschrittlichen ZeitgenössInnen rassistisches Gedankengut offenbarte. Die Intervention ist auch mehr als ein Jahr nach Beginn der Debatte noch sehr lesenswert, da sie viel darüber verrät wie Diskussionen in der Gesellschaft geführt werden und wie Medizin als Argument missbraucht wird.» 

logo_femina_politica«Hinsichtlich der Frage, wie die rassistischen Prämissen und Implikationen der bisherigen Beschneidungsdebatte mit Vorstellungen normativer Heterosexualität und rigider Zweigeschlechtlichkeit verknüpft sind, haben Zülfukar Çetin, Heinz-Jürgen Voß und Salih Alexander Wolter mit ihrem Band ‹Interventionen gegen die deutsche Beschneidungsdebatte› (2012) bereits verschiedene interessante Vorschläge präsentiert. […] Neben einer Analyse der in der Debatte wirksamen rassistischen Subjekt- und Gesellschaftsideale und der Macht- und Herrschaftsinteressen beteiligter Subjekte liefert der Band auch pointierte geschlechterpolitische Verweise», hält Antke Engel in ihren Überlegungen zur ‹deutschen Beschneidungsdebatte› fest, die unter dem Titel «Okzidentalistische Überlegenheitsphantasien und heteronormatives Schweigen» in Heft 1/2013 von Femina Politica Zeitschrift für feministische Politikwissenschaft erschienen. Das Heft kann hier bestellt werden (externer Link).

zag63ZAG – Antirassistische Zeitschrift bietet in Nummer 63 eine doppelseitige Schwerpunkt-Rezension von Andreas Nowak, die nicht im Netz zugänglich ist. Sie widmet sich zum Schluss den «Beschneidungsgegner_innen» und fragt: «Was erhoffen sie sich durch die Abwertung anderer für sich selbst und welche Angebote machen sie an die Dominierenden und die Dominierten. Letztlich bleibt die Frage – und das ist die Gefahr – wie ihre Argumente in den dominanten Diskurs eingespeist werden und sich mit diesem amalgamieren, so dass diese Debatte womöglich nicht nur ein Sommertheater war, sondern eine tiefer greifende Veränderung der Diskurse und der Machtverteilung zuungunsten emanzipativer Kräfte bedeutet.» Das Heft kann hier bestellt werden (externer Link).

header-uniqueUNIQUE – Das Magazin der Uni Wien brachte in Heft 4/2013 einen Beitrag von Hagen Blix. Ein Auszug: «Im ersten Teil des Buches zeigen Zülfukar Çetin und Salih Alexander Wolter auf, dass das Verschmelzen von antimuslimischem Ressentiment und Antisemitismus in der Debatte kein Zufall ist. Die Grundstruktur der vorgebrachten Kritik ist von Argumentationsmustern einer protestantischen ‹Zivilisierungsmission› durchdrungen. […] Im zweiten Teil stellt der kritische Biologe Heinz-Jürgen Voß der ‹Wissenschaftlichkeit› der Beschneidungsgegner_innen eine Übersicht über medizinische Untersuchungen zur Beschneidung entgegen. Diese zeigen, dass deren Behauptungen so unhaltbar sind wie Vergleiche mit der Zwangsoperation Intersexueller oder weiblicher Genitalverstümmelung unangebracht und misogyn.» (Externer Link zur Rezension hier.)

Initiative MinderheitenIn Nr. 86 der österreichischen Stimme – Zeitschrift der Initiative Minderheiten bespricht Petra M. Springer das Buch und fasst zusammen: «Die Autoren weisen darauf hin, dass die Beschneidungsdebatte als Teil des Integrationsdiskurses zu sehen ist. Es werde nicht gleichberechtigt diskutiert und man könne nicht körperliche Selbstbestimmung und Religion einfach gegenüberstellen. Die Diskussion finde in einem gesellschaftlichen Rahmen statt, der von normativen Setzungen und von Herrschaft geprägt ist. Vor allem die westliche, weiße, primär männliche, heteronormative und christlich/protestantische Gesellschaft würde sich aufgrund der Beschneidung von Muslimen und Juden bedroht fühlen. Unter dem Deckmantel der Menschen- und Kinderrechte verberge sich letztendlich antimuslimischer Rassismus und latenter Antisemitismus.»

Rosen auf den Weg gestreut«Mit Adorno, Horkheimer und Foucault arbeiten die Autoren die christliche Prägung des Konzepts der Religionsfreiheit, wie sie gegen die Beschneidung in Anschlag gebracht wird, heraus und kritisieren den normativen Anspruch der Wissenschaft in der kapitalistischen Gesellschaft. Im Alltag schlägt sich dieser in einem nicht nur fach-idiotischen Expertentum nieder», schreiben die Berliner Rosen auf den Weg gestreut  und finden: «Der Band bietet wertvolle Argumente für Interventionen gegen den Antisemitismus und Rassismus, die in der Beschneidungsdebatte virulent geworden sind. Interventionen, die sich – auch wenn diese Debatte vorläufig vorbei ist – lohnen.» (PDF-Volltext des insgesamt sehr empfehlenswerten Heftes.)

safe_image.phpIm Magazin MARX 21 war der Band im Februar 2013 «Buch des Monats». Die ausführliche Rezension von Christine Buchholz MdB (DIE LINKE) endet wie folgt: «Das kleine, handliche und verständlich geschriebene Buch liefert nicht nur wichtige sachliche Argumente. Es ist vor allem deshalb so wertvoll, weil es gezielt in die Debatte innerhalb der gesellschaftlichen Linken eingreift. Denn es gehört zu den Paradoxien der Beschneidungsdebatte, dass Politiker von CDU und FDP Ansichten im Sinne einer toleranten, multikulturellen Gesellschaft vertreten haben, während die Positionen, die praktisch die Religionsfreiheit infrage gestellt haben, aus den Reihen von SPD, Grünen und LINKEN kamen.»

Analyse-Kritik-Logo«Die drei AutorInnen liefern eine kritische Analyse und Hintergrundinformationen zu der Debatte, die von antimuslimischen und antisemitischen Tendenzen sowie Unwissen über Vorhautbeschneidungen geprägt war.  […]  Bleibt zu hoffen, dass sich eine kritische Auseinandersetzung gemäß dem Wunsch der AutorInnen über die Fachkreise hinaus etabliert», meint Lisa Krall in analyse & kritik Zeitung für linke Debatte und Praxis, Ausgabe vom 15. Februar 2013. (Externer Link zur Rezension hier.)

taz Logo klein«Zülfukar Çetin und Salih Alexander Wolter fragen, warum ausgerechnet jene, ‹die über einen mehrheitsdeutschen Hintergrund verfügen, unentwegt über den Verlust der Vorhaut klagen (können), die sie selbst in der Regel besitzen› […] Die Blindheit gegenüber einer Realität der Ausgrenzung, die eisern regelt, wer über was sprechen darf, entlarvt die Sprecher selbst als deren Nutznießer. Schließlich bewegen wir uns in einem Kontext, in dem die christlich säkularisierte Mehrheit die ‹jüdisch-christliche Tradition›, die sie nun aufkündigt, erst konstruiert hatte – um eine lange Tradition des Antisemitismus vergessen zu machen – in dem sich die antiislamische Kulturkampf-These etabliert hat», schreibt Sonja Vogel in der taz vom 26. Januar 2013. (Externer Link zur Rezension hier.)

Verqueert_Logo«Egal wie man in der Debatte steht, bietet der Band wichtige – und zudem wissenschaftlich fundierte! – Anregungen zum Weiterdenken. Er bietet zugleich die unabdingbare Grundlage, auf der man überhaupt nachdenken kann, wie emanzipatorische Religionskritik aussehen kann.» Ralf Buchterkirchen auf seinem Blog verqueert.de (externer Link zur Rezension).

Kritisch lesen LogoDie Beiträge in diesem Band sind «in vielerlei Hinsicht (aus-)wegweisend in einem Umfeld, das zunehmend die Rede über etwas mit dem Etwas selbst verwechselt», urteilt Koray Yılmaz-Günay auf kritisch-lesen.de, Ausgabe vom Januar 2013: «Es ist eine der größten Stärken der Analyse, den diskursiven Rahmen herauszuarbeiten, in dem die Opposition von Selbstbestimmung des Kindes versus dem Recht von Eltern zwar funktional ist, aber gewaltig in die Irre führt. Denn es geht darin um wesentlich mehr als um das Für und Wider einer Beschneidung von Jungen. […] Es ist ein Verdienst dieser ‹Interventionen›, vehement darauf hinzuweisen, dass sich ein Phänomen wie die Vorhautbeschneidung von Jungen nicht isoliert betrachten lässt, sondern dass es immer darum gehen muss, Gesellschaft in ihrer Komplexität und mit ihren ineinander verschränkten Machtasymmetrien zu denken. Und auch und immer wieder darauf, dass die Rede von einem ‹Wir› nicht ‹uns› alle meinen muss. Zu viel Gesagtes und vor allem Ungesagtes ist darin miteinander verwoben, zu viele Ungleichheiten beim Zugang zum Sprechen, aber auch sehr viel dekretiertes Schweigen. Mit dem Ritus soll wesentlich mehr verschwinden als ein vermeintlich überkommener Brauch.» (Externer Link zur Rezension hier.)

Muslimische Stimmen LogoDas Buch wurde am 2. Dezember 2012 in den schönen Räumen von Allmende e. V. – Haus alternativer Migrationspolitik und Kultur in Berlin-Kreuzberg vorgestellt. Yasemin Shooman befragte die Autoren und moderierte die anschließende Publikumsdiskussion. Eine zuverlässige Rekonstruktion der Positionen von Çetin, Voß und Wolter findet sich auf der Website von Muslimische Stimmen – Unabhängiges Projekt für Pluralismus und Austausch (externer Link zum Beitrag). 

MIGazin LogoBereits im Dezember 2012 gab das Fachportal MiGAZIN, ausgezeichnet mit dem Grimme Online Award, den «Buchtipp zum Wochenende»: die «Interventionen». Dort findet sich auch ein Auszug aus dem Buch (externer Link zum Beitrag).

Jahrbuch für Islamophobieforschung 2013 erschienen

Jahrbuch Islamophobieforschung 2013• Farid Hafez, Hg.: Jahrbuch für Islamophobieforschung 2013, Wien 2013: Verlag New Academic Press, 194 Seiten, kartoniert, 22,90 €, ISBN 978-3-7003-1859-0.

Der Band enthält u. a. den Beitrag  Fortsetzung einer «Zivilisierungsmission»: Zur deutschen Beschneidungsdebatte von Zülfukar Çetin und Salih Alexander Wolter (mit freundlicher Genehmigung des Herausgebers auch hier veröffentlicht – als PDF gibt es den Text hier). Die weiteren Beiträge sind von Wolfgang Palaver, Martin Meyrath, David Ch. Stoop, Oliver Wäckerlig/Rafael Walthert, Stefanie C. Boulila, Armin Muftić, Alexander Steffek, Rainer Feldbacher, Medina Velic und dem Herausgeber Farid Hafez selbst. Zur Verlagsseite für das Buch geht es hier (externer Link).

Koray Yılmaz-Günay & Salih Alexander Wolter: Pink Washing Germany? Der deutsche Homonationalismus und die «jüdische Karte»

Zuletzt aktualisiert am 4. November 2016 (Nachtrag zur wissenschaftlichen Rezeption erweitert)

Ein Band, in dem «die Beschreibung gesellschaftlicher Verhältnisse stets um die Handlungsebene zur emanzipatorischen Entwicklung von Politik ergänzt» wird. Heinz-Jürgen Voß auf kritisch-lesen.de (externer Link)

«Bei der Auslagerung von Homophobie wie von Antisemitismus zu Menschen, die als migrantisch und/oder muslimisch identifiziert werden, spielen schwule Meinungsbildner seit den 1990er Jahren eine wichtige Rolle. Der Zentralrat der Juden in Deutschland wird nicht müde, auf die Gefahren des antimuslimischen Rassismus und auf gemeinsame Interessen hinzuweisen, wie etwa in den Debatten um das Kopftuch oder die Beschneidung von Jungen. Demgegenüber bedient sich die ‹Community› einer Rhetorik gemeinsamen Leids mit ‹den› Jüd_innen, um eine strukturell rassistische und antisemitische Dominanzgesellschaft in ihren Grundfesten zu bestätigen. Indem sich der deutsche Homonationalismus positiv auf das ‹geläuterte Deutschland› bezieht, bewirkt er – gewollt oder ungewollt – vor allem eine Deutschwaschung der schwulen Szenen.» Koray Yılmaz-Günay/Salih Alexander Wolter (Wer MACHT Demo_kratie?, S. 73)

Im Juni 2013 veröffentlichte die Edition Assemblage in Münster den Sammelband Wer MACHT Demo__kratie? Kritische Beiträge zu Migration und Machtverhältnissen, hg. von Duygu Gürsel,  Zülfukar Çetin & Allmende e. V. (256 Seiten, broschiert,  16.80 €, ISBN 978-3-942885-34-8).  Er enthält Beiträge von Martina Benz, Houria Bouteldja, Zülfukar Çetin, Safter Çınar, Juan Pablo Díaz & Pablo Hermann & OKK (Organ Kritischer Kunst), Gaston Ebua, Urmila Goel, Ramon Grosfoguel, Duygu Gürsel, Cağrı Kahveci, Christiane Mende, Stephen Sulimma, Vassilis Tsianos, Ulu Turgay, Women in Exile sowie Koray Yılmaz-Günay & Salih Alexander Wolter.

Der Essay Pink Washing Germany? Der deutsche Homonationalismus und die «jüdische Karte» von Yılmaz-Günay/Wolter ist auch online zu lesen (PDF mit dem vollständigen Text). Eine gekürzte Fassung erschien vorab in ZAG Antirassistische Zeitschrift, Heft 63 (externer Link zum Beitrag). Am 17. August 2013 fand beim Berliner Festival gegen Rassismus ein gut besuchter Workshop zum Buch mit Herausgeber Zülfukar Çetin und den Autoren Safter Çınar, Turgay Ulu und Salih Alexander Wolter statt. Die erste Würdigung des Sammelbands, dem es in besonderer Weise gelingt,  «Aktivismus und theoretische Reflexion miteinander zu verbinden», gab es auf dem Mädchenblog (externer Link zur Rezension). Für kritisch-lesen.de besprach Heinz-Jürgen Voß das Buch und ging dabei ausführlich auf die Beiträge von Vassilis Tsianos und Yılmaz-Günay/Wolter ein, die jeweils die Beteiligung von weißen «Mittelschichts-Schwulen an rassistisch und klassistisch ausgrenzender Politik» analysieren (s. Link am Anfang dieses Artikels).

Nachtrag zur Rezeption von Pink Washing Germany? Der deutsche Homonationalismus und die «jüdische Karte»: Der Text wird u. a. in folgenden wissenschaftlichen Buchveröffentlichungen zitiert: Zülfukar Çetin & Savaş Taş: Kontinuitäten einer Kooperation: Antimuslimischer Rassismus in Zivilgesellschaft, Wissenschaft und Staat, in: Farid Hafez (Hg.): Jahrbuch für Islamophobieforschung 2014, Wien 2014: New Academic Press, S. 19-41; Heinz-Jürgen Voß: Homosexualität in den Naturwissenschaften, in: Florian Mildenberger u. a. (Hg.): Was ist Homosexualität? Forschungsgeschichte, gesellschaftliche Entwicklung und Perspektiven, Hamburg 2014: Männerschwarm Verlag, S. 345-373; Heinz-Jürgen Voß: Zwischen Wissenschaft und Bewegung. Hirschfeld zu geschlechtlichen Zwischenstufen – und das Abbrechen mit der Nazi-Zeit, in: Rüdiger Lautmann (Hg.): Capricen. Momente schwuler Geschichte, Hamburg 2014: Männerschwarm Verlag, S. 87-108; Friederike Schmidt & Anne-Christin Schondelmayer: Sexuelle und geschlechtliche Vielfalt – (k)ein pädagogisches Thema?, in: dies. & Ute B. Schröder (Hg.): Selbstbestimmung und Anerkennung sexueller und geschlechtlicher Vielfalt. Lebenswirklichkeiten, Forschungsergebnisse und Bildungsbausteine, Wiesbaden 2015 (das Buch lag bereits im Herbst 2014 vor): Springer VS, S. 223-240); Zülfukar Çetin: Der Schwulenkiez. Homonationalismus und Dominanzgesellschaft, in: Iman Attia u. a. (Hg.): Dominanzkultur reloaded. Neue Texte zu gesellschaftlichen Machtverhältnissen und ihren Wechselwirkungen, Bielefeld 2015: Transcript Verlag, S. 35-46); Jin Haritaworn: Queer Lovers and Hateful Others: Regenerating Violent Times and Places, London 2015: Pluto Press (Vertrieb in den USA durch die University of Chicago Press); Zülfukar Çetin & Heinz-Jürgen Voß: Schwule Sichtbarkeit – schwule Identität. Kritische Perspektiven, Gießen 2016: Psychosozial-Verlag.

Zülfukar Çetin, Heinz-Jürgen Voß & Salih Alexander Wolter: «Interventionen gegen die deutsche ‹Beschneidungsdebatte›»

Zuletzt aktualisiert am 19. Februar 2015

Vorab ein Zitat aus The Routledge Handbook of German Politics and Culture: «2012 was also the year when, after moral panics around oppressed Muslim women and homophobic and violent Muslim youths, the latest iteration of threatening Muslim Otherness emerged in the so-called Beschneidungsdebatte on whether circumcision of Muslim (and Jewish) boys violates human rights and should thus be outlawed. The debate overshadowed both the continuing revelation about the Nationalsozialistischer Untergrund, a white supremacist group that committed at least 10 racist murders, eight of which targeted Muslim men, and the 20-year-commemoration of the 1992 Mölln arson attack, which cost the lives of three Turkish Germans and injured nine (Çetin, Voß and Wolter 2012).» Fatima El-Tayeb: Germany and Europe – Negotiating identity in a multicultural present, in: The Routledge Handbook of German Politics and Culture, ed. by Sarah Colvin, Abingdon/England & New York 2015, p. 298.

Zülfukar Çetin, Heinz-Jürgen Voß  & Salih Alexander Wolter: Interventionen gegen die deutsche «Beschneidungsdebatte», Münster 2012: Edition Assemblage, 96 Seiten, broschiert, 9.80 €. ISBN 978-3-942885-42-3|WG 973. Zur Verlagsseite für diesen Titel geht es hier.

Die Edition Assemblage hat am 30. November 2012 einen Band mit Entgegnungen zur sogenannten Beschneidungsdebatte veröffentlicht. Die Autoren danken der Fachzeitschrift Sexuologie (Charité Berlin), in der Heinz-Jürgen Voß’  klare Darstellung der medizinischen Studien zur Zirkumzision zuerst erschienen ist, und dem von Farid Hafez herausgegebenen Jahrbuch für Islamophobieforschung, Wien 2013, dem der Text von Zülfukar Çetin und Salih Alexender Wolter entnommen wurde (externe Links). Den Aufsatz von Çetin und Wolter – Fortsetzung einer «Zivilisierungsmission»: Zur deutschen Beschneidungsdebatte – gibt es auch online hier (PDF), den Beitrag von Voß – Zirkumzision – die deutsche Debatte und die medizinische Basis – auch online hier (externe PDF). Ein Überblick über wichtige Rezensionen des Buchs findet sich hier.

Heinz-Jürgen Voß: «Intersexualität – Intersex: Eine Intervention»

Zuletzt aktualisiert am 22. August 2013

«Voß ist einer der leider raren Geschlechterforscher, bei dem die inhaltliche Kritik an der vereinnahmenden Ausblendung der Menschenrechtsverletzungen an Zwittern offensichtlich nicht nur zum einen Ohr rein und zum andern flugs wieder raus ging, sondern der die Argumente und Quellen auch zur Kenntnis nahm und seither immer mal wieder beweist, dass er seine Hausaufgaben gemacht hat und die Anliegen der Überlebenden von kosmetischen Genitaloperationen ernst nimmt», schreibt die Selbstorganisation von Inters* zwischengeschlecht.org (externer Link).

Eine «Streitschrift, die sich unbedingt eignet, die Auseinandersetzung um die Menschenrechte auch für intergeschlechtliche Menschen zu bereichern. […] Es bleibt die Hoffnung, dass das Bändchen auch von betreffenden Politiker_innen entscheidender Ausschüsse gesehen wird.» Mädchenblog (externer Link)

«Eine Ethik nämlich, die ihrem Namen gerecht würde, müsste sich radikal für das Selbstbestimmungsrecht der Intersexe einsetzen und deren Maximalforderungen bedingungslos umsetzen. Sie sind es schließlich, die die eigentliche Expertise besitzen […] Die von Voß vorgelegte Intervention […] stützt wissenschaftlich diesen Expert_innenstatus.» kritisch-lesen.de (externer Link)

«Mit der ebenso seltenen wie fruchtbaren Kombination aus biologischer und sozialwissenschaftlicher Perspektive entlarvt Voß das Konstrukt  der Zweigeschlechtlichkeit vielmehr als gesellschaftliches Produkt denn als medizinischen Fakt.» Missy Magazine (externer Link)

«Dieses Buch enthält alles, was mensch für den Kampf gegen die halbherzige ‹Empfehlung des Ethikrates› benötigt. […] kompakt und für alle leicht verständlich und nachvollziehbar. […] Das liest sich spannend!» queer.de (externer Link)

«Ein sehr gut lesbares Buch, das die neue Entwicklung der Intersex-Diskussion nicht nur darstellt, sondern auch konkrete Hilfestellungen gibt, den Kampf gegen die Empfehlung des Ethikrates wieder anzufachen.» Rosige Zeiten.

«Die Intervention zu Intersexualität – Intersex erweist sich als ein kleines, aber feines Buch, das einen gelungenen Einstieg in die aktuelle politische Debatte gibt. […] Das Buch ist flüssig und leicht verständlich geschrieben und macht Lust, sich weiter in das noch immer sehr konfliktbeladene und emotionale Thema um den Kampf auf Selbstbestimmung sowie um Respekt, Toleranz und Anerkennung von Vielfalt und Verschiedenheit einzulesen.» querelles-net (Direktlink zur Rezension)

• Heinz-Jürgen Voß: Intersexualität – Intersex: Eine Intervention, Lektorat: Salih Alexander Wolter, Münster 2012: Unrast Verlag, 80 Seiten, broschiert, 7.80 €. ISBN 978-3-89771-119-8.  Weitere Informationen zum Buch sowie Klappentext und Einleitung auf Das Ende des Sex: Biologisches Geschlecht ist gemacht (externer Link). «Das medizinische Einschneiden in den Körper sowie sein physisches und physiologisches Verändern erweisen sich […] als direkte Fortsetzung zweigeschlechtlicher gesellschaftlicher Norm.»

 

Anti-Homofobı Kitabı 3 (International Meeting against Homophobia)

Aktualisiert am 9. Mai 2014

AntihomofobikitabiErschienen in Ankara im November 2011 bei KAOS GL, hg. von Ali Erol, 271 S., enthält u. a. den folgenden Beitrag von Koray Yılmaz-Günay & Salih [Alexander] Wolter: Almanya’daki Müslüman Örgütlerin Homofobi Karşıtı Açıklamaları (externer Link/Volltext-PDF, s. S. 101-107 – bakınız s. 101-107).

Infoseiten zum Buch gibt es in türkischer und englischer Sprache (externe Links).

S. a. Koray Yılmaz-Günay & Salih [Alexander] Wolter: Almanya’da «Müslüman» Kimliği ve Homofobi, gedruckt in KAOS GL (Ankara), Ausgabe November/Dezember 2010 (externer Link).

Ist Krieg oder was? Queer Nation Building in Berlin-Schöneberg

Zuletzt am 4. November 2016 aktualisiert (Notiz zur Rezeption des Textes erweitert)

Der folgende Essay wurde eigens für Karriere eines konstruierten Gegensatzes: zehn Jahre «Muslime versus Schwule» – Sexualpolitiken seit dem 11. September 2001, hg. von Koray Yılmaz-Günay, verfasst. Bei der Edition Assemblage erschien im Dezember 20114 eine Neuausgabe des Bandes (216 Seiten, broschiert, 18,00 €, ISBN 978-3-942885-53-9).

Salih Alexander Wolter:
Ist Krieg oder was? Queer Nation Building in Berlin-Schöneberg

«Auch der Begriff der Nation […] bleibt mir fremd. Vielleicht, weil ich in einer Stadt aufgewachsen bin, die zu keinem Land gehört hat.»
Michael Wildenhain
1

«Ein Mummenschanz der Perversionen»

In unserem Namen ist die im Januar 2006 erschienene Broschüre der Berliner «Initiative Queer Nations» überschrieben. Diese wolle, heißt es im Grußwort des Regierenden Bürgermeisters von Berlin, «an die Tradition Magnus Hirschfelds anknüpfen» und in der Stadt eine Einrichtung zur wissenschaftlichen Erforschung von «Geschichte und Gesellschaftlichkeit der Homosexualitäten und der Diskriminierung Homosexueller» schaffen. Dass hier die eine oder andere «schmerzliche Erinnerungslücke» zu schließen wäre, wie von Klaus Wowereit beklagt,2 erweist sich auf den ersten Blick.

«Berlin als die Hauptstadt unseres Landes», schwärmt der Werbetext, für den der taz-Journalist Jan Feddersen, Mitbegründer und Vorstandsmitglied des Vereins, als Redakteur verantwortlich zeichnet, «ist näher denn je an den Lebensgefühlen, die Briten wie Christopher Isherwood Ende der Zwanzigerjahre in ihre Heimat berichteten: liberal, tolerant, im preußischen Sinne bestens geeignet, jeden und jede nachseiner und ihrer Fasson glücklich werden zu lassen.»3 Tatsächlich schreibt Isherwood in seinen Memoiren, er habe gewollt, dass die Leser_innen seiner Bücher «in Berlins grauen Straßen und heruntergekommenen Massen, in Armut, Stumpfsinn und Langeweile des überdimensionalen preußischen Provinznests, das zu Deutschlands scheinbarer Hauptstadt geworden war, Spannendes entdeckten». Dass Nachgeborene ihn um seine Zeit dort beneideten, erschien ihm deshalb «schmeichelhaft, aber auch ironisch».4

Er selbst drängte damals seine Zimmerwirtin in der Schöneberger Nollendorfstraße dazu, kommunistisch zu wählen,5 und empfand «eine herrliche Freiheit» nur in der Gesellschaft burschikoser junger Arbeiter– «und fast alle waren sie arbeitslos» – in einfachen Kreuzberger Kneipen6 . An den Westen der Stadt erinnert er sich dagegen so: «Kreischende Jungs in Frauenkleidern und Mädchen mit Monokel, Smoking und Kurzhaarfrisuren wie in Eton spielten dem schaudernden Betrachter hier Jubel, Trubel, Heiterkeit eines Sodom und Gomorrha vor, womit sie ihnen [sic] die Bestätigung gaben, dass Berlin immer noch die dekadenteste Stadt in Europa sei.» Für Isherwood ist das nur ein «Reklamespruch» im Wettbewerb der Metropolen gewesen, denn was «konnte man da den Berlinbesuchern noch bieten außer einem Mummenschanz der Perversionen?»7

Die Broschüre der «Queer Nations» fährt übrigens unmittelbar fort: «Die alljährliche Parade am Christopher-Street-Day zählt zu den mächtigsten touristischen Magneten Berlins: Kein schlechter Ton vermiest diesen sommerlichen Umzug jener, die noch vor gar nicht so langer Zeit verfolgt und bestraft und im bürgerlichen Sinne kaum mehr gesellschaftsfähig sein konnten.»8

Europäische oder anatolische Seite?

Die B 1, die hier erst Haupt-, dann Potsdamer Straße heißt, sei «der Bosporus von Schöneberg», war kürzlich im Berliner tip zu lesen, der der voranschreitenden Aufwertung des Stadtteils eine Titelgeschichte widmete.9 Das Magazin empfahl Interessierten den Verlauf der Bundesstraße zur groben Orientierung im «neuen Schöneberg», das im Berlin-Vergleich der letzten Jahre überdurchschnittliche Preissteigerungen bei Neuvermietungen von Standardwohnungen aufweist.10 Etwa zweieinhalb Kilometer lang zieht sie sich vom Innsbrucker Platz, wo S-Bahn-Ring und Autobahnauffahrt die südliche Grenze der Innenstadt markieren, bis hinauf zur Kurfürstenstraße, deren Nordseite schon zum Verwaltungsbezirk Mitte gehört, durch das dichtbesiedelte Terrain zwischen Wilmersdorf und Kreuzberg: «Westlich davon liegen die beliebten Wohnlagen, östlich die Problemgebiete.»

Im Schöneberger Norden ist diese soziale Topographie zuweilen noch mehr Anspruch als Wirklichkeit – nicht nur, weil Menschen aus allen Himmelsrichtungen zusammenströmen, wenn in der Kirche am Dennewitzplatz Lebensmittelpakete der Berliner Tafel ausgegeben werden. In den Nachkriegsblocks der Bülow- und Frobenstraße, einem Quartier westlich der Potsdamer, wo sich institutionelle Anleger am Erbe der aufgegebenen städtischen Baupolitik gesundstoßen, beschweren sich auch Alteingesessene über die Prostitution, die sich hier im Gefolge der EU-Erweiterung ausgebreitet habe. Dabei war die Gegend in der zentralen Randlage der Hauptstadt bereits zu Kaisers Zeiten einschlägig bekannt und bot später literarischen Gestaltungen der westberliner Tristesse das passende Lokalkolorit, vom Weltbestseller der Christiane F. bis zu Pieke Biermanns Huren-Krimi Potsdamer Ableben. Die Journalisten Benny Härlin und Michael Sontheimer beschrieben 1983 für die Kulturzeitschrift Transatlantik den Drogenstrich und die zahlreichen Billigpuffs und zitierten einen Kenner, der meinte, «wenn Sie mal vierhundert Meter links und rechts von der Bülowstraße einfach alle Leute einsammeln würden, da hätten sie gut und gern 10 000 Jahre Knast zusammen».11 Doch der Versuch, sich das eigene Milieu respektabel zu reden, ist nicht neu – die halbe Stadt hat sich so durch die Mauerjahre gemogelt.

Jüngeren Datums ist hingegen in Schöneberg die Frage: «Europäische oder anatolische Seite?» Sie impliziert die Lösung eines Problems, das nach 1989/90 gerade in dieser Hälfte Berlins dringend wurde, wo die sich abzeichnende Realität des «wirtschaftsgeographischen Begriffs ‹Deutschland›» (Georg Fülberth)12 den Verlust des in der jahrzehntelangen Systemauseinandersetzung inszenierten «Wir» umso spürbarer machte: Wie lässt sich die weitere Zugehörigkeit zu einer «Wertegemeinschaft» begründen, «die trotz des Endes des West-Ost-Konflikts mit ‹der Westen› umschrieben wird»? Die Antwort – «Es mussten neue Blöcke her, die in überzeugender Weise gegeneinander stehen»13 – verbindet sich, wie Koray Yılmaz-Günay gezeigt hat, mit dem gesellschaftlichen Aufstieg eines bestimmten Teils der bundesdeutschen Schwulenszene. Für diesen ist «Schöneberg» ebenso sehr Chiffre wie begehrter Lebensort – wobei alles, was damit heute assoziiert wird, im «Westen» liegt.

Hier zog vor dem Rathaus, in dem während des Kalten Kriegs der Durchhaltewillen verwaltet wurde, eine grüne Bezirksbürgermeisterin 1996 erstmals im Vorfeld des Christopher Street Days die Regenbogenfahne auf, und seit dem 1. August 2001 können drinnen Eingetragene Lebenspartnerschaften stilvoll im Goldenen Saal geschlossen werden. Weiter nördlich bietet, außer «schwulen» Blumenläden, der Kiez um Nollendorfplatz und Motzstraße ein gut sortiertes Nachtleben, samt Bars, in denen Jungs aus Rumänien anschaffen, und Clubs, die sich auf die unterschiedlichsten Fetische spezialisiert haben. Natürlich will man da wohnen, am liebsten in saniertem Jugendstil im Bayerischen Viertel, aber «dabei» ist man auch schon mit einer der Zwei-Zimmer-Hutschachteln, die im Wiederaufbauprogramm der 1950er/1960er Jahre auf den freigebombten Flächen übereinandergestapelt wurden und heute oft für teuer Geld als «Altersabsicherung» weggehen. Auch der «Lesben- und Schwulenverband in Deutschland» (LSVD) residiert hier seit einigen Jahren – in einer repräsentativen Altbau-Zimmerflucht, für die der Bezirk die Miete zahlt. Von da wäre es ein bequemer Spaziergang, gen Osten die Bülowstraße entlang, zum «Bosporus». Doch einflussreiche schwule Publizisten wurden nach dem 11. September 2001 nicht müde, die Gefahren dieser Nähe zu beschwören.

Aufbruch im «Problemgebiet»

Dabei kam die zweite deutsche Schwulenbewegung von der «anderen» Seite. Im Osten Schönebergs, in der Kulmer Straße, eröffnete 1977 die sozialistische Homosexuelle Aktion Westberlin – gegründet vor vierzig Jahren, im August 1971 – das Schwulenzentrum, bald einfach als SchwuZ bekannt. Es befand sich in einer Fabriketage – man nannte so was noch nicht «Loft» – im Hinterhaus einer Mietskaserne im «Sanierungsgebiet», das zum Abriss für die «autogerechte Stadt» vorgesehen war. Deshalb wurden hier bevorzugt «Gastarbeiterfamilien» angesiedelt, denen Menschen folgten, die dem Bürgerkrieg im Libanon oder der Militärdiktatur in der Türkei entkommen waren.

Damals ein Heranwachsender, erinnere ich mich, dass sich die Männer, die das SchwuZ in den späten 1970er und frühen 1980er Jahren aufsuchten, erkennbar nicht bemühten, bürgerlichen Normen zu entsprechen. Meist Studenten, die es um nichts in den Muff der westdeutschen Provinz zurückzog, vom drohenden Zwangsdienst zu schweigen, führten sie im «Tante-Magnesia-Raum» – eine Hommage an Magnus Hirschfeld, den Mentor der ersten Schwulenbewegung im Berlin Kaiser Wilhelms und der Weimarer Republik – leidenschaftliche Diskussionen über die Beiträge für ein radikales Blatt namens Schwuchtel und feierten an den Wochenenden ausgelassene Partys. Aber Konflikte mit der Nachbarschaft gab es allenfalls wegen der Lautstärke, wenn am frühen Sonntagmorgen «Brühwarm» über den Hof schallte: «Wann, wann, wann fangen wir endlich an, warm zu leben?»

Ist in Schöneberg einfach eine Entwicklung nachgeholt worden, die in den USA bereits Mitte der 1970er Jahre einsetzte? Dort verlor – so Annamarie Jagose in ihrer Einführung in die Queer Theory – das «Befreiungsmodell sowohl für die Schwulen- als auch für die Lesbenbewegung an Bedeutung».14 Sie machten sich nun daran, eine «Community» nach dem ethnischen Modell der amerikanischen Schwarzen aufzubauen, die auf «Gay Pride» basierte15 und anfangs «den kulturellen Unterschied hervorhob»16 . Beabsichtigt war, «die Homo-Identität einer legitimen Minderheit zu etablieren, deren offizielle Anerkennung Lesben und Schwulen die Bürgerrechte einbringen würde».17

Indes warnte etwa der schwule französische Philosoph Michel Foucault, der «im Kampf für die Rechte der Schwulen kein Endziel, sondern nur eine Zwischenetappe» sehen wollte,18 früh vor dem Eincruisen in den gesellschaftlichen Mainstream. Schon im Oktober 1981 schien es ihm «nur ein kleiner Fortschritt», sollten «die Menschen die Ehe kopieren müssen, damit ihre persönliche Beziehung anerkannt wird».19 Vielmehr gehe es darum, das heterosexuelle Modell der monogamen Zweierbeziehung durch «Freundschaft als Lebensweise» abzulösen. Am östlichen Bülowbogen hatten Schwule im gleichen Jahr erst einmal ein leerstehendes Gebäude besetzt, um im «Tuntenhaus» neue Formen des Zusammenlebens auszuprobieren.

«Der Türke war zu schön»

Im alten Schöneberg blieben die Beziehungen zwischen mehrheitsdeutschen Schwulen und «türkischen» oder «arabischen» Männern nicht notwendigerweise beschränkt auf «friedliche Koexistenz» und gelegentliche kurze, wenn auch intensive Begegnungen auf der «Klappe», wie im Homo-Jargon die gebührenfreien öffentlichen Bedürfnisanstalten hießen, die es damals anstelle der vollhygienischen und mit funktionaler Musik bespülten Individual-Bezahlklos der Firma Wall gab. In Lothar Lamberts Film Nachtvorstellungen von 1977 flieht ein junger Kerl vor seiner nervenden Freundin ins Kino, wo zufällig der schwule Streifen Der Türke war zu schön läuft, und beginnt sich in den Protagonisten hineinzuversetzen. «Filmebene, Tagtraum und Wirklichkeit gehen ineinander über», fasst das Nachschlagewerk Out im Kino zusammen, wie er sich nun seinerseits einem Mann zuwendet – der Lambert-Entdeckung Mustafa Iskarani.20 Und der schwule Schriftsteller Hubert Fichte konnte, als er im Frühjahr 1985 die ersten Reaktionen der westberliner Szene auf Aids festhielt, das gerade die Schlagzeilen der Weltpresse zu beherrschen anfing, noch ganz selbstverständlich notieren:

«Die Schwulen mit positiver Lymphreaktion geben ein Fest.
Der Kurde Ahmed.
– Warum sind alle in Deutschland so mürrisch, so traurig?
– Ist Krieg oder was?
Hussein der blonde Libanese.
Familienvater.
Mit jenem unaussprechlichen Mehr an Rundung am Arsch.
Wie er stöhnt und sich ficken lässt, oder fickt.
Was für ein Jammer.»21

Was nicht heißt, dass alles «multikulti» gewesen sei. Zwei andere Westberlin-Filme Lamberts belegen das Gegenteil: In 1 Berlin-Harlem aus dem Jahr 1974 findet ein Ex-GI als Schwarzer hier keine eigene Wohnung, doch dafür Schwule, die ihn gern «als exotisches Sexobjekt […] bei sich aufnehmen». Als er fälschlich der Vergewaltigung angeklagt wird, erwartet auch der Anwalt, der ihn vor Gericht freibekommt, eine sexuelle Gegenleistung.22 Und in Fucking City von 1981 gibt es nicht nur das Ehepaar, das über Kontaktanzeigen «junge Ausländer für Sexspiele» sucht, sondern ebenso den schwulen Fleischer, der nach Feierabend als Ledermann durch den Park streift. Als es ihm schließlich ein «Asylant» richtig angetan hat, soll seine Schwester diesen heiraten, damit er «auch künftig mit ihm seinen Spaß haben kann».23 Lambert zeigte Schwule, die – was den allgegenwärtigen Rassismus anbelangt, aber auch durch die Reproduktion von gesellschaftlichen Ausschlüssen untereinander, zumal in den «Herrenbars» mit Klingelknopf – unter den herrschenden Bedingungen Mittäter sind. Entsprechend wurde von sich allmählich etablierenden Homos früh zum Boykott gegen ihn aufgerufen.24 Aber wie es ein weiterer authentischer Zeitzeuge unter den Homo-Cineasten, Frank Ripploh (Taxi zum Klo, 1980), ausdrückte: «Im Schwulsein liegt Freisein, Schönsein, Ästhetik, sagen sie. In Wirklichkeit und in dem Film ist auch viel Dreck und Bürgerlichkeit dabei.»25

Geordnete Verhältnisse

Die Bürgerlichkeit heute verdeckt den Dreck besser – für den Deal «Aufenthaltserlaubnis gegen Sex» müsste der Fleischer nicht mehr die Schwester einspannen, er könnte ihn im Goldenen Saal selbst klarmachen. «Gemessen an den eigenen Ansprüchen war das ethnische Modell erfolgreich», stellt Annamarie Jagose fest.26 Das gilt auch hierzulande. Die Verhältnisse scheinen geordnet – wer sich als Hälfte eines Homo-Paars registrieren lässt, gehört (zu) «uns». Mehrdeutigkeiten wie «Schwuler» und «Familienvater», erst recht «Schwuler» und «Kurde» oder «Libanese» sind nicht mehr vorgesehen. Als sich die Berliner «Gays & Lesbians aus der Türkei», kurz GLADT, im November 2003 im Rathaus Schöneberg mit einem zweitägigen Kongress zur Situation türkeistämmiger Lesben, Schwuler und Transgender in der Bundesrepublik der Öffentlichkeit vorstellten, machte das hauptstädtische Homo-Magazin Siegessäule mit der Schlagzeile «Türken raus!» auf.27 Ein Spiel mit dem Coming-out-Slogan und zugleich rassistische Parole, war beides genau so gemeint: Nachdem «Türk_innen» ihr Coming-out hatten, sollten sie gefälligst als solche unsichtbar werden. Auf den Punkt brachte es 2008 der Titel von Nurkan Erpulats Stück «Bist du schwul, oder bist du Türke?».

Dreißig Jahre nach Foucaults Einspruch hat sich die Differenz, auf die die Aktivist_innen von einst so stolz waren, auf ein überschaubares und in allen westlichen Ländern mehr oder weniger gleichförmiges Repertoire von sexuell «Eindeutigem» reduziert. Statt zu einer «‹Anreizung› peripherer Lüste», wie sie sich der Vordenker der «Subversion» vom schwulen Aufbruch erhofft hatte, kam es zu der von Georg Klauda in Die Vertreibung aus dem Serail konstatierten «beispiellosen Verknappung von Verhaltensweisen, die als Ausdruck einer devianten sexuellen Identität konstruiert und wahrgenommen» werden.28 Von der breiten Öffentlichkeit als «gewagt» empfunden und vielerorts nach wie vor verpönt, gehören sie in einigen Vierteln deutscher Großstädte – und namentlich im Motzstraßenkiez von Berlin-Schöneberg – zum Straßenbild, ohne dass den weißen Homos dort «die Heteronormierung der eigenen Gesellschaft» (Klauda)29 überhaupt noch auffallen würde. Stattdessen erscheint es ihnen plausibel, das Problem der nach wie vor virulenten Homophobie an «die Muslime» zu delegieren. Warum? Sobald man «lesbische und schwule Subjekte als eine Gruppe zu fassen begann, die auch als Minderheit zum Mainstream gehörte, wiederholten sich» – wie Jagose ausführt – «Zentralisierungs- und Marginalisierungsprozesse». Und dabei verhielt es sich «nicht einfach so, dass die lesbische und schwule Community, die das ethnische Modell beschrieb, zufällig überwiegend weiß war. Vielmehr konnte die Kategorie race […] als nur unwesentliche oder bestenfalls zusätzliche Identitätskategorie verstanden werden, da die Organisation der Community eben auf einem einzigen Identifikationsmerkmal beruhte: der sexuellen Orientierung.»30

Die Eindimensionalität der neuen schwulen Lobby, die sich in Westberlin wie in der Bundesrepublik unter dem Eindruck der Aids-Krise zu formieren begann, erschien angesichts von deren Dramatik zunächst geradezu zwingend – stand doch die reale Gefahr der völligen Entrechtung von Angehörigen der sogenannten «Hauptrisikogruppe» im Raum. Aber wie es hierzulande längerfristig gelingen konnte, die eigene Position in der Gesellschaft über die Abwertung vermeintlich «Anderer» zu stärken, wird letztlich erst vor dem Hintergrund des Kurses verständlich, den Deutschland nach dem Anschluss der DDR nahm. So sehr es bis heute an einer ernsthaften öffentlichen Auseinandersetzung mit den Pogromen des entfesselten «fremdenfeindlichen» Mobs Anfang der 1990er Jahre fehlt, als überall im Land bestialische Morde verübt wurden – so eingespielt ist inzwischen der «zivilisierte» Rassismus, mit dem ihn die Herrschenden zu besänftigen und in ihre «neue Weltordnung» mitzunehmen gedachten.

Im Windschatten dieser Entwicklung vermochten eine Minderheit von Schwulen und noch weniger Lesben sich einen halbwegs anerkannten Platz zu sichern und in sorgfältig abgesteckten Revieren – die daher umso heftiger verteidigt werden – «nach seiner und ihrer Fasson glücklich» zu werden, sofern sie die nötigen finanziellen Voraussetzungen mitbringen. HIV und Aids bedeuten ein erhöhtes Armutsrisiko seit derselben «rot-grünen» Bundesregierung, die «uns» den Herzenswunsch nach amtlicher Anerkennung «sozialer Treue» erfüllte, zu der Volker Beck die Eingetragene Lebenspartnerschaft zum zehnten Jahrestag ihrer Einführung herabstufte31. Und wie erstrebenswert kann sie für Menschen sein, die auf Hartz IV angewiesen sind, in Zeiten, da viele Paare beim Jobcenter vorgeben, sich getrennt zu haben, um nicht noch weniger Unterstützung zu erhalten? Doch die Beglückten gaben im Gegenzug ihr Jawort zu den neuen imperialistischen Feldzügen und tragen im Inland bereitwillig zur Stimmungsmache gegen ohnehin besonders benachteiligte Bevölkerungsgruppen bei.

«Im weitesten Sinne dem muslimischen Kulturkreis zuzurechnen»

Es bedurfte als Anstoß nicht des Attentats auf den Filmemacher Theo van Gogh im November 2004 in Amsterdam, begangen von einem «jungen Islamisten aus der marokkanischen Einwanderer-Gemeinde» – wie die Zuschreibung in den Medien meist lautete32 –, um den «Krieg gegen den Terror» auch in Schöneberg zu eröffnen und hier im Ergebnis die Demarkationslinie «zwischen den Kulturen» auf den Stadtplan zu übertragen.

Das besorgte der aus Westdeutschland zugezogene Jan Feddersen, der bis dahin als Schlagerfreund und Propagandist der «Homo-Ehe» hervorgetreten war, schon ein Jahr früher und gewiss nicht zufällig am Wochenende, als sich GLADT, herausgewachsen aus einem Zusammenschluss schwuler Migranten aus dem Norden des Stadtteils, im Rathaus präsentierte. Den Kindern der «Gastarbeiterfamilien» und Flüchtlinge von einst sollte beigebracht werden, dass ihre Heimatstadt nicht dasselbe sein kann wie «die Hauptstadt unseres Landes». Der Artikel in der taz vom 8. November 2003 erinnerte zunächst an einen Ausspruch des holländischen Rechtspopulisten Pim Fortyn – der 2002 von einem Tierschützer aus der weißen Bevölkerung ermordet worden war, was kaum kritische Betrachtungen zur kulturellen Identität des Täters inspirierte hatte –: «Ich habe nichts gegen Araber, ich schlafe sogar mit ihnen.»33 Nachdem so vorab klargestellt schien, dass schwuler Rassismus schlimmstenfalls eine Sottise sein konnte, gab Feddersen die Kampfansage von Alexander Zinn weiter, der damals für den LSVD sprach und «auf politische Korrektheiten keine Rücksicht nehmen» wollte: «Wir gehören zur Bürgerrechtsbewegung der Homosexuellen – und wenn Einwanderer uns angreifen, dann darf das nicht tabuisiert werden.»

Der Autor nannte Beispiele, aus denen er einen «Trend» ablesen wollte, der «in der hauptstädtischen Schwulenszene (und nicht nur dort) ängstliches Gemurmel ausgelöst» habe. So sei die Geschäftsstelle des LSVD – seinerzeit noch in einem schlichten Ladenlokal östlich der Hauptstraße untergebracht – ein «beliebtes Objekt des aggressiven Spotts» von Jugendlichen aus der Nachbarschaft, und ein paar Blocks weiter nördlich gebe es am Schaufenster des Café PositHiv Farbschmierereien von Kids, «deren Aussehen, so heißt es überaus vorsichtig, auf einen türkischen oder arabischen Hintergrund hindeutet». Das Aids-Selbsthilfeprojekt werde deswegen gar «schließen müssen», behauptete Feddersen – tatsächlich verhalf der Alarm dem Café zum Umzug auf die Westseite des Schöneberger Nordens, noch bevor auch der LSVD dort komfortables Obdach fand. Schon vor Ort in Stellung war Bastian Finke von Maneo, «dem Schwulen Überfalltelefon im Berliner Homobürgerrechtszentrum Mann-o-Meter», der wisse, dass «39 Prozent der Gewaltakte» auf das Konto von jungen Männern gingen, «die im weitesten Sinne dem muslimischen Kulturkreis zuzurechnen sind, egal ob sie einen deutschen Pass haben oder einen der Türkei». Feddersens Fazit: Schöneberg drohe «jenseits der Nollendorfplatzszene […] für Schwule zur No-go-Area zu werden».

Nicht in meinem Namen

Sechseinhalb Jahre später hielt, wiederum im Rathaus Schöneberg, ein Berliner LSVD-Vorstandsmitglied dem Bundesverbandstag seiner Organisation «erregt die drohende ‹Überfremdung› deutscher Städte und damit einhergehende ‹veränderte Mehrheiten›» vor Augen.34 Maneo wird heute vom «rot-roten» Berliner Senat wie von den Grünen weiterhin gehätschelt und von den inzwischen in der Stadt aktiven neurechten Kleinparteien gern zur Beglaubigung ihrer «Islamkritik» zitiert35, auch wenn so ziemlich jede Zahl, die Bastian Finke jemals veröffentlicht hat, mehrfach widerlegt worden ist – selbst Homo-Medien wissen längst, dass die Statistiken des «Anti-Gewalt-Projekts» aller Wissenschaftlichkeit spotten.36

Was bleibt – abgesehen davon, dass Finke sein Auskommen hat –, ist das Gerücht von den «Muslimen», das Leute wie er, Alexander Zinn und Jan Feddersen in Umlauf gebracht haben. «Man weiß eigentlich auch, dass es in Berlin häufig junge Männer mit Migrationshintergrund sind, das soll man aber nicht sagen», schrieb zum Beispiel Martin Reichert am Vortag des Berliner Christopher Street Day 2010 zum Thema «Gewalt gegen Schwule» in der taz, wo dies unablässig gesagt wurde, und vermerkte im «Schwulenviertel Berlin-Schöneberg eine nicht mehr wegzudiskutierende Türkenfeindlichkeit».37 Die schien ihn, der hier stellenweise nahezu wortgleich wiederholte, was im Vorjahr in einem anonymen Hetzartikel auf Politically Incorrect zu lesen war, aber nicht weiter zu stören. Lieber setzte er, abermals analog dem rassistischen Weblog, vereinzelte Übergriffe auf mehrheitsdeutsche Schwule mit der Verfolgung der europäischen Juden in Beziehung und stellte einen abenteuerlichen Vergleich zwischen der Situation der Community und der des im Nahen Osten isolierten Staates Israel an.38

So wird das gezielt verbreitete Ressentiment denen als unterdrückte Wahrheit aufbereitet zurückgegeben, die befreit ihren unerschrockenen Vorkämpfern beipflichten sollen: «Das muss man doch einmal sagen dürfen.» Und das tun sie nun also und sprechen endlich «alles» aus – hier im Kiez wie anderswo in jenem «Deutschland», das sich so wenig «abgeschafft» hat, wie die Mehrheit seiner Bewohner_innen bisher in der Lage zu sein scheint, sich gesellschaftlich zu verorten statt in einer «Nation», die doch auch als «queere» imaginär bleibt. Mögen deshalb andere in ihrem Namen reden – nicht in meinem.

  1. Aus einem Vorabdruck aus Michael Wildenhains Roman Träumer des Absoluten, in: Neues Deutschland vom 23./24. August 2008. [zurück]
  2. In unserem Namen, Broschüre des Berliner Vereins «Initiative Queer Nations», Berlin 2006, Seite 5. [zurück]
  3. Ebd., Seite 12. [zurück]
  4. Christopher Isherwood, Christopher und die Seinen, Verlag Bruno Gmünder, Berlin 1992, Seite 169. [zurück]
  5. Ebd., Seite 120. [zurück]
  6. Ebd., Seite 34. [zurück]
  7. Ebd., Seite 33. [zurück]
  8. In unserem Namen, Seite 12. [zurück]
  9. Artikel In zentraler Randlage, in: tip 15/11, erschienen im Juli 2011. [zurück]
  10. Vgl. Artikel Der zähe Kampf der letzten Mieter, in: taz Berlin vom 2. August 2011. [zurück]
  11. Benny Härlin & Michael Sontheimer, Die freudlose Gasse, in: Transatlantik, Ausgabe vom Januar 1983. [zurück]
  12. Vgl. Georg Fülberth, Finis Germaniae. Deutsche Geschichte seit 1945, PapyRossa Verlag, Köln 2007, Seiten 277–281. [zurück]
  13. Koray Yılmaz-Günay, Frauen und Homosexuelle im «Clash of Civilizations», in: Rechtspopulismus in Berlin – Rassismus als Bindeglied zwischen der «Mitte» der Gesellschaft und Neonazismus?, Broschüre des Berliner Bündnisses «Rechtspopulismus stoppen», Berlin 2011, Seite 42. [zurück]
  14. Annamarie Jagose, Queer Theory. Eine Einführung, Querverlag, Berlin 2005, Seite 79. [zurück]
  15. Ebd., Seite 48. [zurück]
  16. Ebd., Seite 79. [zurück]
  17. Ebd., Seite 81. [zurück]
  18. Michel Foucault, Ästhetik der Existenz. Schriften zur Lebenskunst, Suhrkamp Taschenbuch, Frankfurt a. M. 2007, Seite 116. [zurück]
  19. Ebd., Seite 117. [zurück]
  20. Axel Schock & Manuela Kay, Out im Kino. Das lesbisch-schwule Filmlexikon, Querverlag, Berlin 2003, Seite 257. [zurück]
  21. Zitiert nach: Peter Braun, Eine Reise durch das Werk von Hubert Fichte, Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main 2005, Seite 279 f. [zurück]
  22. Schock & Kay, Seite 17. [zurück]
  23. Ebd., Seite 133. [zurück]
  24. Vgl. ebd., Seite 113. [zurück]
  25. Ebd., Seite 331. [zurück]
  26. Jagose, Seite 82. [zurück]
  27. Siegessäule, Ausgabe vom November 2003. [zurück]
  28. Georg Klauda, Die Vertreibung aus dem Serail. Europa und die Heteronormalisierung der islamischen Welt, Männerschwarm Verlag, Hamburg 2008, Seite 13 (vgl. meine ausführliche Rezension, in: Rosige Zeiten, Ausgabe Dezember 2008/Januar 2009 [Direktlink zum Text]). [zurück]
  29. Ebd., Seite 123. [zurück]
  30. Jagose, Seite 83. [zurück]
  31. Vgl. Interview mit Volker Beck, in: Siegessäule, Ausgabe vom August 2011. [zurück]
  32. In Deutschland mag öfter die Rede vom «Zuwanderer» gewesen sein – eine Wortschöpfung, die aus dem CDU-Jargon in die Amtssprache und damit leider auch in die der Mainstream-Medien übernommen wurde. [zurück]
  33. Jan Feddersen, Was guckst du? Bist du schwul?, in: taz vom 8. November 2003. [zurück]
  34. Dirk Ruder, «Deutschland» soll helfen, in: junge Welt vom 17./18. April 2010. [zurück]
  35. Vgl. die Presseerklärung Den «Bewegungsschwestern» ans Herz gelegt des Berliner Bündnisses «Rechtspopulismus stoppen», veröffentlicht am 18. April 2011 (PDF). [zurück]
  36. Vgl. Ralf Buchterkirchen unter www.schwule-seite.de (Direktlink). [zurück]
  37. Martin Reichert, Jetzt reicht’s langsam!, in: taz vom 18. Juni 2010. [zurück]
  38. Vgl. Andreas Hieronymus, Schwule und Muslim_innen zwischen Homophobie und Islamophobie, in: Karriere eines konstruierten Gegensatzes: zehn Jahre «Muslime versus Schwule» – Sexualpolitiken seit dem 11. September 2001, hg. von Koray Yılmaz-Günay, Berlin 2011, S. 137. In einem der Beispiele für die Propaganda von PI-News heißt es dort: «In Berlin häufen sich die Angriffe auf Homosexuelle. Jeder weiß, dass die Täter fast ausnahmslos junge Moslems sind. Aber das darf man ja nicht denken, geschweige denn aussprechen.» [zurück]

Notiz zur Rezeption des Textes:

Anna Böcker verweist in ihrem Beitrag Rassismus schreiben und schweigen in dem wissenschaftlichen Sammelband Gewalt und Handlungsmacht. Queer_Feministische Perspektiven, hg. vom Gender Initiativkolleg, Campus Verlag, Frankfurt a. M. 2012, S. 66 wie folgt auf den Schluss von Ist Krieg oder was? Queer Nation Building in Berlin-Schöneberg: «Es gibt unzählige aktuelle Beispiele für die Mobilisierung emanzipatorischer Rhetorik für ihr entgegenstehende Projekte von Abschottung, militärischer Aggression und Ausgrenzung, wie etwa die Funktionalisierung der Kritik von Sexismus, Homophobie und Antisemitismus, um Muslim_innen auszugrenzen und Mehrheitsdeutsche als fortschrittlich zu konstruieren – während aber die grundlegende heterosexistische Gesellschaftsstruktur intakt bleibt (oder sich gegebenenfalls leicht verbessert). Konkret wird beispielsweise homophobe Gewalt nicht dadurch verringert, dass sie aus der ‹Mitte der Gesellschaft› wegprojiziert wird, sondern zusätzlich rassistische Gewalt befördert. Ähnlich kann gefragt werden, ob muslimische Frauen marginalisierende Kampagnen sonderlich feministisch sind. Im Rahmen der Theoretisierung von Homonationalismus (als Kurzform von ‹homonormative nationalism›) werden solche Zusammenhänge sexualisierter Rassialisierungen umfassend analysiert, prominent von Jasbir Puar (2007) mit Terrorist Assemblages: Homonationalism in Queer Times. In den Worten von Encarnación Gutiérrez Rodríguez (2011: 95) untersucht Puar in  ‹ihrer Analyse der biopolitischen Logik homonationaler Diskurse […] die Schnittflächen der Diskurse um sexuelle Rechte und dem offiziellen staatlichen Anti-Terror- und Kriegsdiskurs, in dem der Islam als prä-moderner homophober Gegenpol zum sexuell aufgeklärten modernen Westen konstruiert wird›. Seitens kritischer Wissensproduktion gilt es, Alternativen zu entwerfen, diesen Politiken und der Vereinnahmung zu widersprechen (zum Beispiel Wolter 2011: 24) und auch die eigene Arbeit auf eben die Fallstricke zu überprüfen, die eine solche Vereinnahmung ermöglicht.» Gina Gleissner bezieht sich in ihrer an der Wiener Universität 2014 vorgelegten Diplomarbeit Imperial Rainbow. Rassifizierende «Othering»-Prozesse im LGBTIQ Kontext – Theoretische Konzepte und exemplarische Anwendungen u. a. auf Ist Krieg oder was? …  Ihre sehr lesenswerte Arbeit ist online hier zu finden (PDF – externer Link). Benno Gammerl & Rainer Herrn verweisen auf den vorliegenden Text in ihrem Aufsatz Gefühlsräume – Raumgefühle. Perspektiven auf die Verschränkung von emotionalen Praktiken und Topografien der Moderne, erschienen in sub\urban – zeitschrift für kritische stadtforschung, Band 3, Heft 2 (2015), S. 7-22, und online hier zugänglich (externer Link).  Ausführlich zitiert Zülfukar Çetin Ist Krieg oder was? … in seinem wichtigen Beitrag Der Schwulenkiez. Homonationalismus und Dominanzgesellschaft für den von Iman Attia, Swantje Köbsell & Nivedita Prasad hg. wissenschaftlichen Sammelband Dominanzkultur reloaded. Neue Texte zu gesellschaftlichen Machtverhältnissen und ihren Wechselwirkungen, Transcript Verlag, Bielefeld 2015, S. 35-46, der dem Andenken der im April 2015 überraschend verstorben Birgit Rommelpacher gewidmet ist (externer Link zur Verlagsseite hier). Auch Jin Haritaworn von der York University in Toronto verweist in seinem sehr empfehlenswerten Werk Queer Lovers and Hateful Others: Regenerating Violent Times and Places, Pluto Press, London 2015 (Vertrieb in den USA durch die University of Chicago Press), auf den vorliegenden Text. Wiederum ausführlich zitiert wird Ist Krieg  oder was? … im neuen Buch von Zülfukar Çetin & Heinz-Jürgen Voß, Schwule Sichtbarkeit – schwule Identität. Kritische Perspektiven, Psychosozial-Verlag, Gießen 2016.

Türkisch lernen mit Juan Goytisolo

Überarbeitete und erweiterte Fassung vom 18. August 2014

Salih Alexander Wolter:
Türkisch lernen mit Juan Goytisolo

«Da ich mich in dieses Viertel vollkommen integriert fühle…»

Einer meiner Lieblingssätze von Juan Goytisolo steht in keinem seiner Bücher, sondern in dem Band Die brennende Bibliothek des US-amerikanischen Autors Edmund White, der ihn in den 1980er Jahren für ein Interview im zentralen Pariser Viertel Le Sentier besuchte.

Der zweite Band von Juan Goytisolos Autobiographie (spanische Erstausgabe 1986) erschien unter dem Titel «Die Häutung der Schlange. Ein Leben im Exil» in der deutschen Übersetzung von Eugen Helmlé 1995 gebunden im Hanser Verlag, zwei Jahre später gab es die Taschenbuchausgabe bei Fischer – beide sind leider nur noch antiquarisch erhältlich. Das Coverfoto zeigt Juan Goytisolo (links) im Gespräch mit Jean Genet.
Der zweite Band von Juan Goytisolos Autobiographie (spanische Erstausgabe 1986) erschien unter dem Titel «Die Häutung der Schlange. Ein Leben im Exil» in der deutschen Übersetzung von Eugen Helmlé 1995 gebunden im Hanser Verlag, zwei Jahre später gab es die Taschenbuchausgabe bei Fischer – beide sind leider nur noch antiquarisch erhältlich. Das Coverfoto zeigt Juan Goytisolo (links) im Gespräch mit Jean Genet.

Dies ist für den in Barcelona 1931 in einer großbürgerlichen Familie geborenen Erzähler und Essayisten, der als einer der bedeutendsten Schriftsteller spanischer Sprache gilt, «die Definition von Großstadt schlechthin».1 Dort war er – mochte er zuletzt auch immer ausgedehntere Reisen in die sogenannte ‹islamische Welt› unternehmen – jahrzehntelang zu Hause: seit er 1956 Francos Spanien verließ, dessen noch vom Bürgerkrieg traumatisierte Gesellschaft und orientierungslose Jugend unter dem falangistischen Regime er in seinen sozialrealistischen frühen Romanen schilderte, die auf Anhieb internationalen Erfolg hatten. Er zog bei Monique Lange ein, die als Tochter jüdischer Intellektueller während der Besetzung Frankreichs durch Nazi-Deutschland in Indochina aufgewachsen war, sich in der Französischen Kommunistischen Partei engagierte und für den großen Verlag Gallimard arbeitete – wie dann bald auch er, der als Lektor besonders die junge lateinamerikanische Literatur förderte. Lange, die später selbst als Autorin hervortrat, machte ihren Gefährten mit Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir bekannt, führte ihn in den Kreis um Marguerite Duras ein und vermittelte ihm die für sein weiteres Leben entscheidende Freundschaft mit Jean Genet. Viele Jahre nachdem Goytisolo ihr offenbart hatte, «völlig, endgültig, unwiderruflich homosexuell» zu sein,2 heirateten sie, und erst nach ihrem Tod 1996 sollte er ganz nach Marrakesch übersiedeln.

Mit White sprach er über die vertraute Umgebung des Paars: «Nachdem so viele Türken in das Viertel gezogen waren, entdeckte ich eines Tages beim Spazierengehen, dass ich nicht verstand, was an die Wände geschrieben war.» Und es folgt dieser erstaunliche Satz, der wie beiläufig das genaue Gegenteil der bornierten Haltung ausdrückt, die in den europäischen Gesellschaften gemeinhin für selbstverständlich gilt: «Da ich mich in dieses Viertel vollkommen integriert fühle, beschloss ich, das zu tun, was notwendig war, nämlich Türkisch zu lernen.»3

«Ein heimlicher, intimer Faktor…»

Juan Goytisolo zeigt im zweiten Band seiner Autobiographie – Die Häutung der Schlange. Ein Leben im Exil (1986) –, wie hart er mit sich kämpfen, welche Abgründe in sich selbst er erkunden musste, um zu einer solchen Einstellung zu finden. Seine Leidenschaft für orientalische Philologien – «zunächst einmal maghrebinisches Arabisch und dann Türkisch» – erklärt er hier «aus dem hartnäckigen Wunsch und dem Willen heraus, mich einem physischen und kulturellen Körpermodell zu nähern, dessen Glanz und Glut mich wie ein Leuchtturm leitete».4

Er erzählt in dem Buch, wie zur Zeit des Algerienkriegs Ende der 1950er / Anfang der 1960er Jahre mitten in Paris immer wieder nordafrikanische Arbeiter «mit Kolbenschlägen in die Gefangenenwagen getrieben wurden oder in dichten Bataillonen aneinandergereiht auf der Place de l’ Étoile standen, […] brutal angestrahlt von den Scheinwerferbündeln der Polizei». Monique Lange und er – dessen Vorfahren ihr Vermögen mit einer Zuckerrohrplantage auf Kuba gemacht hatten, wo sie Sklav_innen hielten – unterstützten den Kampf gegen den Kolonialismus und stellten der algerischen Befreiungsbewegung FLN ihre Wohnung als konspirative Adresse zur Verfügung. Aber er erinnert sich in der zweiten Person:

«Dein augenblickliches Mitgefühl mit ihnen entsprach nicht nur deiner natürlichen Sympathie für […] die Unterdrückten und hatte auch keine ausschließlich politischen Gründe. Ein heimlicher, intimer Faktor […] verband dich unlösbar mit ihnen.»5

Er war fasziniert von der virilen Schönheit der Maghrebiner, nahm bei ihnen – obgleich er doch Zeuge ihrer Entrechtung wurde – ein «herrisches» Aussehen wahr und fürchtete «ihre Macht über mich».6 Die gründete allein in dem Verlangen, mit dem er sie anschaute und bei ihnen «die Elemente, Attribute und Charakteristika einer kriegsgewohnten extremen Männlichkeit» ausmachte,7 die ihm ebenso bewundernswürdig wie niederschmetternd erschien.

Goytisolo spricht in seiner Autobiographie von einer «Ähnlichkeit der Erfahrungen, übersetzt in identische Bilder und Triebe», die er im Lauf der Zeit bei einigen christlichen und muslimischen Dichtern des Mittelalters ebenso wie beim Marquis de Sade und dem «düsteren Sacher-Masoch» entdeckte.8 Bei Letzterem empfindet der Ich-Erzähler der 1870 erschienenen Venus im Pelz unter dem «Tigerblick»9 des schönen muskulösen ‹Griechen›, der «auf den schwarzen Locken ein rotes Fez» trägt,10 «Scham seiner wilden Männlichkeit gegenüber […] Wie ich mich so recht als den verschraubten schwächlichen Geistesmenschen fühle!»11 Dem Gefühl tut es in diesem Roman keinen Abbruch, dass der «Apollo»12 mit den «glühenden schwarzen Augen»13 genauso akademisch gebildet ist wie sein ‹übersinnlicher› heimlicher Verehrer, den er schließlich auspeitschen wird, bis ihm, «Hieb für Hieb»,14 die falsche Poesie vergeht.15 Hatte dagegen Juan Goytisolo schon zuvor Sex «niemals, absolut niemals mit Tunten oder Heterosexuellen meines kulturellen und gesellschaftlichen Milieus», so erstreckte sich von nun an «dieses strenge, ausschließende Kriterium auch auf meine eigene ethnische Gruppe». Sein erotisches Interesse erregten nur noch «die wettergegerbten rauen Söhne der sotadischen Zone».16

Mit diesem Ausdruck bezeichnete im 19. Jahrhundert der britische Offizier, Forschungsreisende und Diplomat Sir Richard Burton – der unter anderem eine seinerzeit als ‹pornographisch› angesehene Ausgabe von Tausendundeine Nacht veröffentlichte – einen «fiktiven geographischen Streifen, der […] de facto nicht durch klimatische Bedingungen, sondern durch das Blühen ‹invertierter› Lüste demarkiert» war und vom Mittelmeerraum tief nach Afrika hineinreichte sowie Südamerika und weite Teile Asiens umfasste.17 Aber während Goytisolo somit das «geistige Bühnenbild» des Orientalismus aufruft, ermahnt er sich zugleich, «die kritische Sicht der Wirklichkeit von […] deiner Libido abzugrenzen».18

«In einem polysemen Akkord Sexualität und Schreiben miteinander vereinen»

Das bedeutet nun keineswegs, dass Juan Goytisolo  der bequemen Trennung zwischen einer vermeintlich ‹unschuldigen› sexuellen Phantasie, die sich an im Kern rassistischen Obsessionen entzündet, und einer politisch korrekten Haltung, wie man sie mit Blick auf die faktischen Herrschaftsverhältnisse gern für sich in Anspruch nimmt, das Wort reden würde. Ganz im Gegenteil, nach dem ‹Coming-out› gegenüber seiner Lebensgefährtin sucht Goytisolo – indem er mit dem Roman Identitätszeichen (1966) den ‹fotografischen Objektivismus› seiner ‹engagierten› literarischen Anfänge aufgibt19 und sich auf das Abenteuer eines gleichsam den ganzen Körper einbeziehenden Schreibens einlässt – die «vollständige Verbindung von Phantasie und Vernunft»20 auf dem sprachlich vermittelten, also gesellschaftlichen Grund, der beiden gemeinsam ist.

Unverkennbar ist im letzten Zitat der Anklang an Friedrich Nietzsche, der 1872 in seiner Geburt der Tragödie von der ‹dionysischen› Antike kündete, deren Geheimnis die Versöhnung «zwischen der Kunst des Bildners […] und der unbildlichen Kunst der Musik» gewesen sei.21 Entsprechend verachtete er den später aufgekommenen Roman als literarische Gattung,22 weil er die ‹Musik› echter Dichtung für «das eine große Cyklopenauge des Sokrates» geopfert habe, «in dem nie der holde Wahnsinn künstlerischer Begeisterung geglüht hat»23. Goytisolo erweist in dem Buch, an dem er in den nächsten Jahren wie um sein Leben schreiben und dabei aus dem ‹Roman› bis dahin Unerhörtes herausholen wird, Nietzsche einmal seine versteckte Reverenz:

«verbotene Leidenschaft, unerlaubtes Gefühl, funkelnder Verrat: schließ die Augen, zerschmettere den Bildschirm: sein finsteres Zyklopenauge will dich erstarren machen, eine blinde Statue wie Lots Weib».24

Doch erst musste er, wie er in der Häutung der Schlange berichtet, «zur nackten Wahrheit deines herben Gartens der Lüste […] gelangen».25 Der öffnete sich ihm zum ersten Mal in einer Absteige im Pariser Norden, in den Armen eines Bauhelfers aus dem Maghreb. Juan Goytisolo ist bemüht, sich nicht etwa als uneigennützig darzustellen, wenn er schildert, wie er damals das Vertrauen von zum Teil analphabetischen ‹Gastarbeitern› gewann, für die er nach dem Sex Briefe an Behörden, manchmal auch an Angehörige verfasste:

«[D]er Akt des Schreibens und des Wortergreifens an ihrer Stelle, der mit der gleichen Ausschließlichkeit geschah, mit der sie einige Stunden oder einige Minuten zuvor über meinen Körper verfügt hatten, sollte häufig das offensichtliche Wohlwollen des Schreibens mit dem geheimen Behagen der Erektion vermischen.»26

Immer öfter blitzte nun, während Goytisolo mit den anderen Linksintellektuellen der französischen Hauptstadt über Resolutionen diskutierte oder auf Partys plauderte, in seinem Innern die Metapher eines spanischen Barockdichters auf und mit ihr das Bild von ineinander verschlungenen Männerkörpern:

«Als ich die Soledades von Góngora las und auf die Proben, wild und feurig, jener Ringkämpfer stieß, die durch gegenseitige Schlingen aneinandergekettet / wie harte Ulmen in umgarnenden Reben, offenbarten mir die schlangenartige Schlüpfrigkeit des Satzes und die Kopulation des fleischgewordenen Wortes die tagtägliche Verwandlung der Begierde Góngoras im Destillierkolben seiner Poesie, seine fruchtbare Fähigkeit, in einem polysemen Akkord Sexualität und Schreiben miteinander zu vereinen.»27

Rückforderung des Conde don Julián

Durch das Beispiel seines Freundes Genet begriff Juan Goytisolo, dass sich von jedwedem ‹Vaterland› verabschieden muss, wer das «Territorium des Dichters» erreichen will.28

Als er 1965 von Tanger aus über die Meerenge hinweg die Umrisse Spaniens erblickte, wo sich die verhasste Diktatur von Kapital, Militär und Kirche auch die Sprache unterworfen hatte, imaginierte er sich in den historischen ‹Verräter› Julián hinein, durch den die Iberische Halbinsel im 8. Jahrhundert u. Z. dem arabischen Eroberer Tarik in die Hände fiel. Der wird bei Goytisolo zum Liebhaber Juliáns, beschrieben mit einer ‹verheißungsvollen› Reminiszenz an Leopold von Sacher-Masoch:

«eine stärkere Dosis Haschisch genügt: und eine warme kraftvolle Tierhaftigkeit: Tarik ist an deiner Seite, und in seinen Augen scheint der unbarmherzige Blick eines Tigers zu schimmern».29

Als die Reconquista nach mehr als 700 Jahren die – auch in erotischer Hinsicht – relativ tolerante muslimisch-jüdisch-christliche Zivilisation von Al Andalus endgültig besiegt hatte, breitete sich, auf den Terror der Inquisition gestützt, im Land ein besonders bigotter Katholizismus aus, und bald begannen die kolonialistischen Raubzüge in Südamerika. Juan Goytisolos furiose Rückforderung des Conde don Julián (1970) ist, wie der mexikanische Autor Carlos Fuentes in einem Nachwort schreibt, ein «Aufschrei […] gegen den Triumph all dessen, was die Verheißung der Freiheit und Liebe und Freude in Spanien auslöschte».30 Dieses wie eine Fuge komponierte Sprachkunstwerk, in dem sämtliche Klischees, die ein sexuell verklemmtes Abendland ‹dem› muslimischen Mann mit seiner mächtigen ‹Schlange› angedichtet hat, bis zur Kenntlichkeit parodiert werden – es ist auch der «Krieg», von dem Goytisolo sagt, dass er ihn gegen sich selbst führen musste:31 ein erlesenes sadomasochistisches Ritual, das bis «zu den Wurzeln des bürgerlichen Tods» getrieben wird, der ihm «zu leben erlaubt hat».32 So hat er diesen Krieg gewonnen – vielleicht, gegen seine erklärte Absicht, sogar für ‹sein› Land. Denn zwar konnten der «Conde und seine islamischen Kohorten», so Fuentes, «nur in der Vorstellung und mit Worten wieder in Spanien einfallen, aber Worte und Vorstellungen können eine explosive Gewalt besitzen, wenn sie gegen eine sich nach außen abschließende Gesellschaft eingesetzt werden, die die Erfindung einer anderen Wirklichkeit verbietet».33

Der ‹Anti-Orientalist›

Die New York Times porträtierte Juan Goytisolo vor einigen Jahren ausführlich unter dem treffenden Titel The Anti-Orientalist.34 Den hat er sich zu Recht erworben. Denn plante er zunächst vielleicht bloß, in der Nachfolge Friedrich Nietzsches, eine ‹Umwertung› der orientalistischen ‹Erkenntnisse›, um die ‹Anderen› der ‹christlich-abendländischen Tradition›, die in Westeuropa nach den faschistischen Massenmorden so gern beschworen wurde35, eins zu eins entgegenzusetzen – so stieß er im Lauf der Arbeit an seinem Meisterwerk auf weit Subversiveres. Er wurde zum großen Wiederentdecker des vielfach geplünderten, dabei entstellten, totgeschwiegenen oder eingefriedeten Erbes von Al Andalus, das er in seinen folgenden experimentellen Romanen Johann ohne Land (1975), Engel und Paria (1980), Reise zum Vogel Simurgh (1988), Quarantäne (1991) und Das Manuskript von Sarajevo (1995) – alle in ausgezeichneten Übersetzungen im Suhrkamp Verlag erhältlich – den Geflüchteten dieser Welt, den Trans* und überhaupt allen, die eine «ikonenhafte Identität»36 unterlaufen, als Bezugspunkt erschließen will.

Goytisolo hat sich in den vergangenen Jahrzehnten unter anderem als Vorsitzender der UNESCO-Kommission zur Rettung des mündlichen Erbes der Menschheit und durch seinen Einsatz für die Rechte von Refugees in der EU als Humanist erwiesen. Er hat sich, angesichts des ‹globalisierten› Kapitalismus und der neuen imperialistischen Kriege, nach 1989 wieder verstärkt für marxistische Positionen interessiert – davon zeugt sein Roman Die Marx-Saga  (1993) – und mit Essaybänden wie Kibla – Reisen in die Welt des Islam (deutsch 2000) und Gläserne Grenzen. Einwände und Anstöße (deutsch 2004) sowie mit zahlreichen Artikeln für die größte spanische Tageszeitung El País versucht, zu einem tieferen Verständnis für die im ‹Westen› verleumdeten Muslim_innen beizutragen. Indes vertraue ich vor allem auf die politische Wirksamkeit seiner Literatur, die auf die tradierten Formen des Engagements verzichtet und stattdessen ganz auf «aus uralter Knechtschaft befreites Wort» setzt, wie es in der Rückforderung des Conde don Julián  heißt.37

Dort hat Goytisolo einen «Doppelraum von Bürger und Buch» aufgetan, wie ihn das Du im Roman Landschaften nach der Schlacht (1982), der im Pariser Sentier beginnt, schließlich auch im «turkoberlinischen Kreuzberg» entdeckt, wo es bummeln, sich verlaufen – oder eben selbst «labyrinthische Strecken erfinden» kann.38 So ist Literatur, wie Juan Goytisolo sie in der Häutung der Schlange gültig definiert, Widerstand gegen das, «was unsere Wahrnehmungsmöglichkeiten einschränkt oder betäubt, uns kulturell, ideologisch oder sexuell bedingt, uns der Gehirnwäsche unterzieht und unsere Sinne betäubt: der Gegendiskurs zum Diskurs».39

Zum herrschenden ‹Integrations›-Diskurs zum Beispiel.

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Zitatnachweise/Anmerkungen:

1 White (1996 [1994]): 355.
2 Goytisolo (1997 [1986]): 283.
3 White (1996 [1994]): 355.
4 Goytisolo (1997 [1986]): 265.
5 Ebd.: 75.
6 Ebd.: 253f.
7 Ebd.: 259.
8 Ebd.: 359.
9 Sacher-Masoch (2006 [1870]): 135.
10 Ebd.: 44.
11 Ebd.: 114.
12 Ebd.: 113.
13 Ebd.: 93.
14 Ebd.: 136.
15 Ich schließe mich der Deutung von Helmut Strutzmann (1985: 197) an, wonach es in Sacher-Masochs Roman vor allem um die Suche nach dem «zum Orgasmus und Liebesglück peitschenden Mann» geht. Gilles Deleuze (in: Sacher-Masoch (2006 [1870]): 216) interpretiert ihn dagegen konventioneller: Das «männliche […] Gesicht bezeichnet das Ende der masochistischen Phantasien und Praktiken: als der Grieche die Peitsche ergreift und Severin schlägt, löst sich der übersinnliche Reiz schnell».
16 Goytisolo (1997 [1986]): 259.
17 Klauda (2007).
18 Goytisolo (1997 [1986]): 75.
19 Vgl. Asholt (1986): 388.
20 Goytisolo (1997 [1986]): 357.
21 Nietzsche (2004 [1872]): 19.
22 Vgl. ebd.: 88.
23 Ebd.: 86.
24 Goytisolo (1986 [1970]): 118.
25 Goytisolo (1997 [1986]): 355.
26 Ebd.: 268.
27 Goytisolo (1997 [1986]): 137.
28 Ebd.: 147.
29 Goytisolo (1986 [1970]): 127.
30 In: 230.
31 Goytisolo (1997 [1986]): 356.
32 Ebd.: 357.
33 In: Goytisolo (1986 [1970]): 235.
34 Eberstadt (2006).
35 Ich danke Koray Yılmaz-Günay dafür, dass er mir seinen unveröffentlichten Text Antichrist = Muselmann? Zur Funktion des ‹Islam› im Werk Friedrich Nietzsches zur Verfügung gestellt und mich auch auf die sehr empfehlenswerten kritischen Arbeiten von Ian Anderson zum Thema hingewiesen hat.
36 Goytisolo (2004): 76.
37 Goytisolo (1986 [1970]): 118.
38 Goytisolo (1990 [1982]): 173.
39 Goytisolo (1997 [1986]): 134.
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Quellen:

Asholt, Wolfgang (1986): Juan Goytisolo: «Señas de identidad». In: Roloff, Volker/Wentzlaff-Eggebert, Harald (Hg.): Der spanische Roman vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Düsseldorf: Schwann-Bagel, S. 379-397.

Eberstadt, Fernanda (2006): The Anti-Orientalist. In: The New York Times Magazine, Ausgabe vom 16. April 2006. Online: http://www.nytimes.com/2006/04/16/magazine/16goytisolo.html?pagewanted=all&_r=0 (Zugriff: 16. Juli 2014).

Goytisolo, Juan (1986 [mexikan. EA 1970]): Rückforderung des Conde don Julián. Roman. Mit einem Nachwort von Carlos Fuentes. Frankfurt a. M.: Suhrkamp Taschenbuch.

Goytisolo, Juan (1990 [span. EA 1982]): Landschaften nach der Schlacht. Roman. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.

Goytisolo, Juan (1997 [span. EA 1986]): Die Häutung der Schlange. Ein Leben im Exil. Frankfurt a. M.: Fischer Taschenbuch.

Goytisolo, Juan (2004): Gläserne Grenzen. Einwände und Anstöße. Frankfurt a. M.: Suhrkamp Taschenbuch.

Klauda, Georg (2007): Sotadic Love – ein Orientalist sortiert die Welt. Online: http://fqueer.blogsport.de/?p=62 (Zugriff: 16. Juli 2014).

Nietzsche, Friedrich (2004 [EA 1872]): Die Geburt der Tragödie. Stuttgart: Reclam Universal Bibliothek.

Sacher-Masoch, Leopold von (2006 [EA 1870]): Venus im Pelz. Roman. Mit einer Studie von Gilles Deleuze über den Masochismus. Frankfurt a. M.: Insel Taschenbuch.

Strutzmann, Helmut (1985): Nachwort. In: Leopold von Sacher-Masoch: Venus im Pelz und andere Erzählungen, hg. v. Helmut Strutzmann. Wien: Christian Brandstätter, S. 179-206.

White, Edmund (1996 [US-amerik. EA 1994]): Die brennende Bibliothek. Essays. München: Kindler.

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Hinweis: Dies ist die überarbeitete und erweiterte Fassung eines Beitrags, der zuerst unter dem Titel Ein schwuler ‹Anti-Orientalist›. Der spanische Autor Juan Goytisolo wird 80 in der Zeitschrift Rosige Zeiten, Ausgabe 131 (Januar/Februar 2011), S. 29-31, erschienen ist.

Zur «Pfeiffer-Studie» (2010)

Koray Yılmaz-Günay & Salih Alexander Wolter: Wer darf Deutscher sein? (Direktlink zum Text), erschienen in Ossietzky, Ausgabe vom 13. November 2010.

Salih Alexander Wolter: Womit sich der Armut keine Stulle belegt. «Rot-Rot» bestellt sich eine rassistische Jugendstudie, erschienen im Berliner Anstoß (Zeitung der DKP Berlin), Ausgabe Dezember 2010.

Dieser Text hier:

Salih Alexander Wolter über die Pfeiffer-Studie
Salih Alexander Wolter über die Pfeiffer-Studie