«Wir sind n Liebespaar. Okay?» Für Perihan Mağdens «Ali und Ramazan»

Aktualisiert am 12. Juli 2014

Salih Alexander Wolter:
«Wir sind n Liebespaar. Okay?» Für Perihan Mağdens Ali und Ramazan

thumb-AliundRamazanDer packendste ‹schwule› Roman seit langem ist von einer Frau und kommt aus der Türkei: Ali und Ramazan von Perihan Mağden, einer prominenten gesellschaftskritischen Schriftstellerin und Zeitungskolumnistin, war dort 2010 ‹Buch des Jahres› und stand monatelang auf der Bestsellerliste. Hierzulande hat diese Geschichte bei einigen Rezensenten aus der ‹Community› Anstoß erregt. Aus stilistischen Gründen, wie sie sagen. ‹Kitsch› lautet der Vorwurf, der sich ästhetisch gibt und doch nur schlecht kaschieren kann, dass es die politischen Implikationen sind, die hier nicht gefallen. Als ‹Beleg› schreiben sie einer vom anderen diese unschuldige Stelle ab: «Ali und Ramazan vereinigen sich erstmals in jener Nacht, auf dem Bettsofa des Herrn Direktor, und das wieder und wieder, bis zum nächsten Morgen. Sie werden eins. Werden zu Ali und Ramazan. Bis in alle Ewigkeit. Bis zum Ende ihrer viel zu kurzen Ewigkeit.»

Sie sind zwei Jungen in einem İstanbuler Waisenhaus. Ali hat es nach einer Familientragödie, deren Einzelheiten im Unklaren bleiben, aus der Provinz Hatay im äußersten Süden der Türkei hierher verschlagen. Er gehört zur arabischen Minderheit der Nusayris, weshalb ihn Ramazan «mein Fellache» nennt, und sein prügelnder Vater war ein versoffener Fischer. (Das Abschreiben verrät sich unter anderem darin, dass daraus gleich bei mehreren schwulen Bloggern «Ali, der Kurde aus einem Bergdorf» wird! Aber klar, passt schon, von Kurden und dass es da irgendein Problem gibt, haben wir mal was gehört…) Der wunderschöne Ramazan wurde als Säugling im Innenhof einer Moschee ausgesetzt und vom Imam und seiner Frau nach dem Morgengebet der staatlichen Obhut übergeben. Womit dann auch die Religion ihre Rolle in diesem Buch gespielt hat. Das Berliner Homo-Magazin Siegessäule hebt dies in seiner Besprechung – eine löbliche Ausnahme – hervor: «Und nicht einmal fällt das Wort Islam.» Stattdessen erlebt das Kind von früh an, was bei uns vorzugsweise aus kirchlichen Einrichtungen bekannt geworden ist: fortgesetzten sexuellen Missbrauch, in diesem Fall durch den «Herrn Direktor». Ali und Ramazan freunden sich an, verlieben sich ineinander, und es geschieht: siehe oben. Ich möchte lieber nicht wissen, was nach dem literarischen Geschmack des schwulen Mainstreams bei zwei Jugendlichen passieren sollte, die es zum ersten Mal miteinander treiben und herausfinden, dass es gut ist, das Beste, was sie bisher erlebt haben – für Ali und Ramazan bewirkt es genau das, was Perihan Mağden beschreibt. Die beiden sind fortan unzertrennlich. Um noch einmal die Siegessäule zu zitieren: «Für so eine Liebe würde man auch Dreck schlucken.» Und den werden sie bekommen, reichlich.

Wir wissen, dass ihre Geschichte schlecht ausgeht, denn sie wird uns vom Ende her erzählt: Meldungen, die im Dezember 1992 im Massenblatt Hürriyet erschienen, auf Seite drei, dort, wo sich die Räuberpistolen finden und das Schlüpfrige. Da ist einmal vom tödlichen Sturz eines Strichers die Rede, der sich, die Taschen voller Geld, aus einer Wohnung im sechsten Stock eines vornehmen Apartmenthauses abseilen wollte, in der er zuvor seinen Freier umgebracht hatte. Dann von einem jungen Mann, einem Lösungsmittel-Schnüffler, der sich im Rohbau eines neuen Kinderheims erhängt hat. «Waren Ali und Ramazan also Schwuchteln? Endet man so als Schwuchtel? Reißt einfach das Kabel, man stürzt ab und ist tot?», fragt die Autorin. «Und wer sind die beiden überhaupt? Welche Bedeutung haben sie?» Es ist eine wahre Geschichte, deren traurige Fakten Perihan Mağden recherchiert hat und für deren innere Authentizität und Schönheit inmitten einer brutalen Wirklichkeit ihre Kunst bürgt. Kitsch wäre etwas ganz anderes: das nämlich, was viele deutsche Kritiker von einem ‹schwulen› Roman aus der Türkei offenbar erwarten, obwohl sie es besser wissen könnten, nachdem inzwischen beispielsweise Bücher von Murathan Mungan und küçük iskender in Übersetzung vorliegen (um nur zwei der bekanntesten ‹einschlägigen› Vertreter der türkischen Gegenwartsliteratur zu nennen). Doch nein, Ali und Ramazan gehen nicht zugrunde, weil ihnen eine dem religiösen Eiferertum verschriebene Gesellschaft aus purer Homophobie ihr Glück nicht gönnte. Sie gönnt es ihnen nicht, das stimmt, aber dem Glück der beiden steht zuallererst eine soziale Ordnung entgegen, in der arme Jungen wie sie keine Chance haben und die durch ein Coming-out nicht aus der Welt geschafft wird. «‹Scht›, macht Ramazan. ‹Nimm dieses Wort nich in den Mund. Wir sind keine Schwuchteln oder so was. Wir sind n Liebespaar. Okay?›»

Mit 18 werden Ali und Ramazan, die nur die Grundschule besucht haben, vom Waisenhaus vor die Tür gesetzt und sollen selbst sehen, wo sie bleiben. Damals hat die ‹marktwirtschaftliche Modernisierung› der Türkei begonnen, reihenweise fallen Jobs für Menschen ohne Ausbildung weg. Die beiden erfahren die Staatsgewalt, einer nach dem anderen beim Zwangsdienst in der Armee, Ramazan auch, als er auf einer Polizeiwache gefoltert wird. Er macht für Geld, was er gelernt hat, von früh an beim Herrn Direktor, und doch nur mit seinem Ali gern tut: Er fickt – damit sie zu einer kleinen Wohnung kommen und sich über Wasser halten können. Ali ist ein kräftiger junger Mann, doch weil ihm die Ehrlichkeit ins Gesicht geschrieben steht, findet er nicht einmal als Markthelfer Anstellung. Er beginnt zu trinken und zu schnüffeln, denn er kommt mit Ramazans Sexarbeit nicht klar. Dessen Kundschaft reicht vom einfachen Lastträger über den braven mittelständischen Familienvater, bei dem das angewärmte Milchfläschchen fürs Baby auf dem Tisch steht, bis zum exaltierten Oberschicht-Schwulen. Je wohlhabender die Freier sind, desto fordernder treten sie dem «Bezahlstecher» gegenüber auf: «‹Hach, unser Schnucki sieht ja nicht nur lecker aus, sondern ist auch ein richtig harter Kerl! Haben wir denn auch einen ordentlichen Bolzen im Paket?›» Umso weniger auch wollen sie Ramazans selbstbestimmte Grenze – er macht es nur aktiv, obwohl er weiß, dass jedes Mal auch dabei seine «Seele gefickt» wird – akzeptieren. Für seinen letzten Kunden, einen Komponisten türkischer Kunstmusik, hält er hin, in der Aussicht auf eine besonders hohe Summe, mit der es dann vielleicht reichen würde, um mit Ali irgendwo anders ein neues Leben anzufangen. So weit ihre «viel zu kurze Ewigkeit».

Was Perihan Mağden, ohne ihre Helden zu idealisieren, eindrucksvoll zeigt und was von ihren schwulen deutschen Kritikern in Wahrheit abgelehnt wird, ist die «Klassenkenntnis», von der Pier Paolo Pasolini in seinen Freibeuterschriften einmal  sagte, dass ohne sie das Klassenbewusstsein unvollständig bleibe. So herum stellte sich das Problem zu seiner Zeit, in den frühen 1970er Jahren – lange bevor der akademische Begriff ‹Intersektionalität› geprägt wurde. Pasolini sah ‹Homosexualität›, sofern damit gleichgeschlechtliches Begehren, schwuler Sex gemeint war, als etwas «klassenunabhängig Universelles» an, etwas, was es in jeder Epoche menschlicher Geschichte und Kultur gegeben hat, und empfahl der politischen Linken, darin das Potential einer Ergänzung der marxistischen Analyse gesellschaftlicher Zusammenhänge zu erkennen. Die Idee, diese aufzugeben und eine ‹schwule Identität› unabhängig von der sozialen Position anzunehmen, lehnte er dagegen ab.

Die engagierte türkische Linke Perihan Mağden stellt ihrem Buch ein Zitat von Raoul Vaneigem voran: «Leute, die über Revolution reden oder über Klassenkampf, ohne sich dabei explizit auf das alltägliche Leben zu beziehen, die nicht verstehen, was subversiv an der Liebe ist und was positiv ist an der Zurückweisung von Beschränkungen, solche Leute haben eine Leiche in ihrem Mund.» Vielleicht kann sich davon hier und heute nicht angesprochen fühlen, wer schon vom Klassenkampf bestimmt nie redet – aber worauf kauen solche Leute eigentlich herum? Dieser Roman jedenfalls ist der Konfektionsware, die unter dem ‹schwulen› Label en gros angeboten wird, himmelhoch überlegen, denn er spricht von dem, was uns zwischen ‹Wir-sind-doch-wie-alle-anderen-auch›-Getue auf der einen und Sozialarbeiter-Gehabe auf der anderen Seite abhandengekommen scheint: von der ganz großen, der einmaligen Liebe zweier junger Männer.

Perihan Mağden: Ali und Ramazan. Roman, aus dem Türkischen von Johannes Neuner, Berlin 2011: Suhrkamp/Reihe Nova, 192 Seiten, broschiert, 13.95 €.

__________

Hinweis: Dies ist die leicht überarbeitete Fassung eines Beitrags, der unter dem Titel Ali und Ramazan zuerst in der Zeitschrift Rosige Zeiten, Ausgabe 139 (Mai/Juni 2012), S. 42/43, erschienen ist.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.