Queerfeministische Ökonomiekritik? Eine Randnotiz zum Ende des Kapitalismus

Salih Alexander Wolter:
Queerfeministische Ökonomiekritik? Eine Randnotiz zum Ende des Kapitalismus

Ein kleines Aufmerken verdient es doch, dass sie den Kapitalismus jetzt auch endlich – nein, nicht weggehauen, sondern dekonstruiert haben. Kathrin Ganz und Do. Gerbig nämlich, die so was natürlich am PC erledigen. Was sie in der arranca! 41 unter dem üppigen Titel Diverser leben, arbeiten und Widerstand leisten: Queerende Perspektiven auf ökonomische Praxen der Transformation veröffentlicht haben, nennen sie einen Beitrag zur «queerfeministischen Ökonomiekritik». Aber in dem Aufsatz wird bloß Diversity-Lyrik, wie sie artiger nicht einmal deutsche Großbanken vorzutragen verstehen, mit dem «subversiven» Gedankengut der Saison gestreckt – und unversehens hat der Kapitalismus fertig.

Dabei machen Ganz und Gerbig in der Einleitung noch in verbaler Street-Credibility : «Alles beginnt für uns damit, die Norm des Kapitalismus […] anzugreifen.» Klingt das nicht nach «Systemfrage stellen»? So lautete bündig die Überschrift einer Vorschau auf die zahlreichen Veranstaltungen, bei denen in diesem Jahr zum 8. März und noch Wochen danach überall in Deutschland junge Linke «Forderungen der ‹traditionellen› antikapitalistischen Frauenbewegung» aufnehmen und erweitern wollten. Denn in den Horizont einer umfassenden Gesellschaftskritik gehören längst auch intersektionale Ansätze, wie sie hierzulande vor allem von Schwarzen Lesben und migrantischen Queer- Aktivist_innen aus ihren spezifischen Erfahrungen von Mehrfachdiskriminierung heraus erarbeitet werden. Entsprechend wandten sich die linken Frauen gegen «einen Feminismus, ‹der sich nicht mit der Verschränkung verschiedener Herrschaftsstrukturen wie Rassismus, Kapitalismus und Geschlechterverhältnissen auseinandersetzt und sich nur um die Belange einer weißen Mittelschicht bemüht›». Sie lehnten also ausdrücklich einen Mainstream ab, «der individualistisch oder sogar an traditionellen Vorstellungen orientiert sei», und bezogen sich dazu teilweise gleichfalls auf queerfeministische Ökonomiekritik (Zitate aus junge welt vom 5. März 2010). Doch was Kathrin Ganz und Do. Gerbig unter diesem Stichwort abliefern, erscheint wie das Gegenprogramm, mit dem ein komplizierter gewordenes Leben gleichsam wieder zum Ponyhof verklärt wird. Die «Intersektionalitätsdebatte» dient ihnen dabei lediglich als Vorwand, das Kapitalverhältnis nicht länger so wichtig nehmen zu müssen – und genau deshalb können sie auch nicht an emanzipatorische Traditionen anknüpfen oder diese gar fortentwickeln. Clara Zetkin und Simone de Beauvoir waren bereits viel weiter.

Indes wollen Ganz und Gerbig, ähnlich «wie Judith Butler es für Geschlechtsidentität vorgeschlagen hat, […] das Konzept ‹Kapitalismus› als eine regulatorische Fiktion» begreifen – also gar nicht. Denn wer mit Geschlechtsidentität argumentiert, behauptet, dass die gesellschaftlich bedingte Ungleichheit von Menschen naturgegeben sei. Umgekehrt wird als Kapitalismus gerade das Gesellschaftssystem hinter den ungerechten herrschenden Verhältnissen erkennbar – und kann damit verändert werden –, die ihre Apologeten gern so darstellen, als wären sie quasi in einer von der Geschichte unabhängigen natürlichen Ordnung begründet. Folglich nennen sich Kapitalisten eher selten selbst so. Aber Kathrin Ganz und Do. Gerbig finden schnell heraus, wem das Konzept gehört: Durch ihre Sorte Queer-Theorie könnten, wie sie meinen – und das ist doch mal ein Angebot in einer Zeitschrift, die sich für ganz links erklärt –, «ausgrenzende Identitätsformen, wie beispielsweise die gewerkschaftlich repräsentierte Arbeiterklasse, […] destabilisiert» werden. Und wenn dann der Kapitalismus aufgehört hat, weil es endlich keine Gewerkschaften mehr gibt, bleibt allein die Wirtschaft übrig, von der die bürgerlichen Ökonomen stets gesagt haben, dass ihre Gesetze zeitlos gültig seien, und in der laut Ganz und Gerbig schon jetzt so vieles möglich ist, was der «binäre Code» des Klassengegensatzes bloß beharrlich verdecke. «Manchmal tauschen wir Güter und Dienstleistungen mit unseren Liebsten auch direkt», überlegen sie, und es fällt ihnen – wenn es darum gehen soll, «Gegen-Narrative zum kapitalozentrischen Denken jenseits kapitalistischer Ausbeutungsverhältnisse» zu schaffen (sic!) – allen Ernstes «der männliche ‹Normalarbeiter›» ein, «der in seiner Freizeit fischen geht und in einem ökonomischen Austauschprozess mit seiner reproduktionsarbeitenden Ehefrau steht. Wir glauben, dass diese dekonstruktivistische Perspektive auf sexuelle und ökonomische Identitäten transformatorische Praxen voranbringen kann.»

Das glaube ich leider auch – und wer weiß, bei der Hingabe, mit der in gewissen Zirkeln an der eigenen Verblödung gearbeitet wird, trägt eines Tages vielleicht auch ein kleines Vermögen Zinsen. Erst recht, wenn zu solchem Schwulst noch die von Antke Engel übernommene These kommt, «dass ökonomische Verwertungsinteressen nicht-normativen und hybriden Identitäten nicht mehr per se entgegenstehen, sondern diese geradezu befördern». Gehöre doch – ein wirklich schlagender Beweis – «das Vorhandensein von schwulen Szenevierteln» zu den entscheidenden «Standortfaktoren, wenn es darum geht, die ‹kreative Klasse› in eine Stadt zu locken». Wenigstens diese «Klasse» scheint also noch gebraucht zu werden – wofür auch immer. So haben wir also alle unsere «Freiräume», und ob wir nun dem malochenden Ehemann einen Fisch braten oder uns im Homokiez verwerten lassen dürfen: Wir «weichen lustvoll ab». Aber wovon denn noch?

Red & Queer 16, erschienen im Mai 2010
Rosige Zeiten, Ausgabe 128 (Juni/Juli 2010)

[PDF der Red & Queer 16 hier.]

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