«Ein Faktum, das dem Menschsein als solchem entspringt». Georg Klaudas notwendige Kritik des schwulen Islam-Diskurses

Eine Empfehlung vorab: Die folgende und weitere Rezensionen zur Vertreibung aus dem Serail finden sich ebenso wie Hinweise auf aktuelle Vorträge von Georg Klauda jetzt auch auf dessen neuer Website www.georgklauda.de. Salih Alexander Wolter am 24. Mai 2014 

Salih Alexander Wolter:
«Ein Faktum, das dem Menschsein als solchem entspringt». Georg Klaudas notwendige Kritik des schwulen Islam-Diskurses

Diese Studie1 will politisch genommen werden, also doch wohl «persönlich». Denn wo selbstbewusste deutsche Lesben und – um die geht es hier vor allem – Schwule vermeinen, sich mit «dem Islam» auseinanderzusetzen, stößt Georg Klauda sie auf ihre «Unfähigkeit, die Heteronormierung der eigenen Gesellschaft überhaupt noch als solche wahrzunehmen». Der 1974 geborene Diplom-Soziologe und Historiker – ehemals Schwulenreferent im AStA der FU Berlin und an den Anfängen der sexualemanzipatorischen Zeitschrift Gigi beteiligt – zeigt, dass «die Formierung einer ‹selbstbewussten› homosexuellen Identität» ebendiese Heteronormierung nicht nur zur Bedingung hat. Sie trägt, begriffen «als Teil eines von westlicher Seite voranzutreibenden Emanzipationsprozesses», sogar noch zu deren Durchsetzung – gegebenenfalls mit militärischem Zwang – in aller Welt bei, indem sie «einer dubiosen Ethnisierung der Menschenrechte» Vorschub leistet – «so als müsste man sich zu einer bestimmten Minderheit bekennen, um sexuelle Rechte überhaupt einklagen zu dürfen».

Georg Klauda fand den unmittelbaren Anlass, Michel Foucaults kritischen Ansatz – dem er in einem sich gegen queertheoretische Interpretationen abgrenzenden Verständnis folgt – auf den Punkt drängender politischer Relevanz zu bringen, indes vor Ort. Als im November 2003 im Berliner Rathaus Schöneberg der international beachtete erste Kongress zur Situation türkeistämmiger Lesben, Schwuler und Transgender stattfand, machte das hauptstädtische Homomagazin Siegessäule mit der Schlagzeile «Türken raus» auf. Mochte das noch als provokantes Spiel mit der Coming-out-Losung gemeint sein – das freilich jegliche Sensibilität für die vermissen ließ, die die Hassparole von klein auf zu hören bekommen –, so äußerte sich Jan Feddersen in der taz schon unmissverständlich. Indem er sich u. a. auf den Ärger bezog, den das Aids-Selbsthilfeprojekt Café PositHiv mit ein paar Kids aus der Nachbarschaft hatte, beschwor er unter dem Titel «Was guckst du? Bist du schwul?» die Gefahr, der Szene-Bezirk Schöneberg drohe «für Schwule zur No-go-Area zu werden». Und zur Abwehr führte Feddersen der Notwendigkeit einer «Zivilisierung des Vormodernen» das Wort, womit er junge Männer meinte, «die im weitesten Sinne dem muslimischen Kulturkreis zuzurechnen sind». An diesen infamen Artikel erinnert Klauda im Vorwort und verspricht: «Gegen diese Konstruktion von Lesben- und Schwulenfeindlichkeit als ein ‹vorzivilisatorisches› Relikt, das zunehmend auf den Fremden und ‹Anderen› abgewälzt wird, nimmt das vorliegende Buch wissenschaftlich Stellung.»

Es ist, um es gleich zu sagen, einer der in Deutschland seit Jahren profundesten Beiträge zur sexualpolitischen Debatte geworden – und zugleich eine glänzende Streitschrift wider die Borniertheit, mit der man sie hierzulande im Allgemeinen führt; genau die Stellungnahme also, die jetzt gebraucht wird. Denn was sich in jenem Herbst ankündigte, war der vielleicht endgültige Bruch zwischen solchen Homos, die sich als akzeptierte Minderheit im Rahmen gegebener Normen etablieren wollen, und den anderen, die – auch weil man sie nur um den Preis der Selbstverleugnung dazugehören lässt – den Mechanismus infrage stellen, der die Normen – und damit von ihnen abweichende Minderheiten – erst produziert. Die Berliner Gays & Lesbians aus der Türkei (GLADT) jedenfalls, die für den Kongress noch mit dem Lesben- und Schwulenverband (LSVD) kooperiert hatten, verweigerten sich der kolonisatorischen Aufgabe, die mit zu erfüllen ihnen Feddersen zumuten wollte. Zu eindeutig war ja auch die Rede vom «Kulturkreis» – wird doch klar, nach welchen Kriterien der taz-Redakteur die Zugehörigkeit im Zweifel bestimmt, wenn er z. B. über den GLADT-Mitbegründer Koray Yılmaz-Günay notiert, dass «dessen dunkelblonde Haare nicht eben auf eine türkische Herkunft verweisen». GLADT erhob Einspruch gegen den Rassismus sogenannter Bürgerrechtler: «Der LSVD behauptet, eine ‹Bürgerrechtsorganisation› zu sein. Unsere Rechte vertritt er nicht!», erklärte der seinerzeit noch kleine Verein, als im Jahr darauf eine Aufsatzsammlung zum Thema «Islam und Homosexualität» erschien, die der Lesben- und Schwulenverband zusammengestellt hatte. Denn dieser beschreibe Homophobie und Gewalt «statt als soziale immer wieder als ethnische bzw. auf die vermeintliche Religionszugehörigkeit zurückzuführende Phänomene» und konstruiere dabei «ein ‹Wir› […] aus weißen, aufgeklärten, nicht-homophoben, nicht-sexistischen, urbanen usw. Deutschen».

Hier wird bereits analysiert, was Klauda – der die GLADT-Erklärung von 2004 (PDF) ausführlich zitiert – «die logische Konsequenz der rassistischen Machtverhältnisse in Deutschland» nennt, «in denen ‹Ausländer›[…] zum Gegenstand beständiger Anklage, Ermahnung und Zurechtweisung geworden sind»: «Während schwule Aktivisten innerhalb der Dominanzkultur […] bloße Bittsteller bleiben, die um Toleranz und Verständnis werben müssen, übernehmen sie im ausländerpolitischen Diskurs sogleich die Position des ‹Staatsanwalts›».

Der Islam also. Die Frage, was er denn nun wirklich zur Homosexualität sage, wird bemühten Imamen von Hinterhofmoscheen ebenso wie wichtigtuerischen «Fernsehexperten des Islam» (Navid Kermani) immer wieder gern gestellt. Aber ganz richtig lautet die Antwort, die Georg Klauda darauf gefunden hat: Nichts. «Tatsächlich ergibt der Begriff der ‹Homosexualität› im Horizont der heiligen Schriften des Islam gar keinen Sinn, weil er Denkweisen transportiert, die mit dem Verständnis, das vormoderne Gesellschaften sich von dieser Sache gemacht hatten, auf grundlegende Weise kollidieren. Traditionelle islamische Juristen gingen etwa von der Prämisse aus, dass die erotische Attraktion gegenüber dem eigenen Geschlecht ein natürliches Faktum ist, das dem Menschsein als solchem entspringt.» Sowohl die «Aussage, der Islam verdamme ‹die Homosexualität›, ist im höchsten Maße irreführend» als auch die Deutung, «er toleriere ‹Homosexualität›[…] Beiden Auffassungen liegt der gleiche Fehler zugrunde, ein epistemologisches Konzept, das in unserer Gesellschaft verankert ist, nämlich Subjekte in normal und anormal, in ‹homosexuell› und ‹heterosexuell› einzuteilen, auch in anderen Kontexten einfach ungeprüft vorauszusetzen.»

So weiß die islamische Überlieferung zwar gewiss von Sex zwischen Männern. Er gilt als verboten, und traditionell standen darauf theoretisch je nach Rechtsschule unterschiedlich strenge Strafen. Dabei ist die Vorstellung, dass «der» Islam hier die Todesstrafe verlange, wiederum «grob irreführend», und selten kam es überhaupt zu einer Verurteilung – nach den Regeln des Koran, der den Indizienbeweis verwirft und vier Augenzeugen des Delikts fordert, wäre sie nahezu ausgeschlossen. Im Übrigen ist der «Verbotsdiskurs […] nicht die ganze Wahrheit über den Islam. Eine Gegenposition […] nahmen schon früh die» – gleichwohl immer zu den Gläubigen gerechneten – «Sufis ein»: Klauda kann hier auf die «zahllosen und auch über deutsche Bibliotheken leicht zugänglichen Belege über die historische Bedeutung gleichgeschlechtlicher Liebe in der islamischen Welt» verweisen. Doch vor allem gab es dort darauf bis ins 20. Jahrhundert hinein keine Perspektive, «die identitäre Denkformen naturalisiert». Die längste Zeit machte es, wie schon für Ibn Hazm (gestorben 1064), den großen Theologen des andalusischen Islam und Verfasser der klassischen arabischen Liebeskunst Das Halsband der Taube, «keinen begrifflichen Unterschied, ob sich die Rollen von ‹Liebenden› und ‹Geliebten› nun auf einen Mann und eine Frau oder eben auf zwei männliche Personen verteilen».

Derweil bahnte sich im christlichen Europa des Hochmittelalters die von Michel Foucault als im Vergleich zum einfachen Verbot für die Moderne charakteristisch herausgestellte «andere Form der Macht» an, nämlich eine «Differenzierung, die eigentümlicherweise nicht mehr an spezifischen Handlungen, sondern an den Subjekten selbst haftet». Bereits im 13. Jahrhundert behalf sich Thomas von Aquin, immer um den Nachweis der Vernünftigkeit kirchlicher Lehre bemüht, indem er den «Sodomiten», der ja anscheinend ganz unsinnige Lust am Unerlaubten empfand, «mit einer von der menschlichen Gattung abweichenden Sondernatur» ausstattete. Seither versteht sich im Abendland die erotische Attraktion, die einer für jemanden vom gleichen Geschlecht fühlt, nicht mehr dadurch von selbst, dass er ein Mensch ist – sondern dass er irgendwie «verkehrt» sei. Erst diese, wie Klauda betont, «eben nicht nur essentialisierende, sondern auch minorisierende Haltung der christlichen Theologie» ermöglichte den späteren Homosexuellen als prekäre «Spezies» (Foucault).

Georg Klauda geht es nicht um eine Apologie des Islam, auch nicht des echten – wenngleich er es zu Recht «fatal» nennt, «wie der Westen mit dem Herrschafts- und Definitionsanspruch des Islamismus kollaboriert, indem er ihm seinen kulturellen Authentizitätswahn unbesehen abnimmt». Dagegen bestimmt Klauda z. B. die «Schwulenverfolgung im Iran» nach der sogenannten Islamischen Revolution «als Teil eines Modernisierungsprozesses […], der dem aus Europa adaptierten Muster einer Verschiebung vom Gesetz zur Norm folgt und die diskursive Produktion einer neuen, als ‹abweichend› markierten Sexualität beinhaltet». Damit wird die vom tonangebenden Teil der hiesigen Schwulenbewegung «in paternalisierender Überheblichkeit» gepflegte «Auffassung der Geschichte als ein zielgerichteter Fortschrittsprozess, dessen Vorreiter die westlich-liberalen Gesellschaften seien», verabschiedet, das Problem nach Hause zurückgeholt. Denn natürlich sind wir empört, wenn wir an das Bild der in Iran hingerichteten «schwulen» Teenager denken (leider nicht so präsent sind uns meist Fälle wie der von Klauda angeführte eines geistig Behinderten, der zur gleichen Zeit in den USA bereits seit Jahren im Zuchthaus saß, nur weil er als 18-Jähriger einverständlichen Oralverkehr mit einem 16-Jährigen hatte). Aber sofern wir es nicht – unwillig, uns «mit der Genealogie der eigenen Gesellschaft auseinanderzusetzen» – als Ausdruck einer fremden kulturellen Tradition missverstehen wollen, kann es uns auch zeigen, was gerade im Abendland so lange möglich war und in letzter Konsequenz immer möglich ist, wo «Menschen nach sexuellen Identitätskategorien sortiert» werden.

Klauda jedenfalls ist weniger optimistisch als Michel Foucault, was die subjektive Wirkung des stets auf Heteronormativität bezogen bleibenden Homo-Diskurses angeht. Statt in einer «‹Anreizung› peripherer Lüste» besteht sie für ihn eher «in einer beispiellosen Verknappung von Verhaltensweisen, die als Ausdruck einer devianten sexuellen Identität konstruiert und wahrgenommen» werden. So sind etwa in der «Islamischen Republik» die von persischen Sufis von alters her getragenen Ohrringe auf einmal verpönt, weil man sie, einer westlichen Mode gemäß, als Ausweis einer gay identity interpretiert. Im Westen wiederum fühlen sich Männer, die den angesagten metrosexuellen Look pflegen, zugleich zu verstärkter «Überwachung des eigenen Verhaltens im Dienste eines strikten heterosexuellen Identitätsmanagements» verpflichtet.

Der Sozialwissenschaftler Michael Bochow beobachtete in Berlin in den 90er Jahren rechte Jugendliche, die den Bezirk Kreuzberg mieden «mit der Begründung, dass dort so viele Türken wohnten, die alle schwul seien. Sie meinten damit die Verkehrsformen türkischer […] junger Männer, die bei der Begrüßung Wangenküsse unter Freunden austauschen und wesentlich mehr Umarmungen und physische Kontakte pflegen», als dies offenbar deutschen Jungs akzeptabel scheint, so sie nicht als andersrum gelten wollen. Klaudas ernüchternde Erkenntnis: «Die Homophobie von Jugendlichen ist mit dem identitären Homo/Hetero-Binarismus untrennbar verbunden und auf dessen Basis unaufhebbar.» Die türkische Sprache verfügte seit osmanischer Zeit über unglaublich viele Wörter, um Gleichgeschlechtliches in jeder denkbaren Nuance zu bezeichnen. Doch keins davon brachte die «Sünde» auf den Begriff, den sich das christlich konditionierte Europa davon machte und der diese «Liebe aus den normativen Lebensentwürfen der Bevölkerungsmehrheit rigoros abgesondert hat». Wenn inzwischen auch Berliner Unterschichtsjugendliche mit türkischen, kurdischen oder arabischen Wurzeln gelernt haben, dass als «Schwuler» zu verachten sei, wer von der vorgegebenen Männlichkeitsnorm abweicht, beweist das, wie sehr sie die hier herrschenden kulturellen Regeln verinnerlicht haben.

Mögen auch diejenigen dieses Buch lesen, die aus Steuermitteln die immer schriller werdende xenophobe Propaganda des Lesben- und Schwulenverbandes indirekt finanzieren – jüngst warnte Alexander Zinn vom Lesben- und Schwulenverband über die Presse gar vor der angeblich bevorstehenden Einführung der Scharia an den Berliner Schulen. Bei Georg Klauda lässt sich stattdessen etwas über die wirklichen Probleme lernen, und vielleicht stellt sich ja eine Ahnung ein, wie man ihnen zukünftig begegnen sollte. Was jedoch den LSVD, die Dummheit einmal beiseite, treiben könnte, deutet Klauda nur dezent an. Koray Yılmaz-Günay von GLADT war da in einem Interview direkter: «Dem Verband sind die liebsten Migranten immer die gewesen, die Probleme verursachen […] Solange sich auf Kosten von ethnischen Minderheiten ein Profil entwickeln lässt, das Fördergelder akquirieren hilft, ist er schnell bei der Sache.» (junge welt vom 28. Januar 2006)

Heute hat GLADT zahlreiche Mitstreiter_innen unterschiedlichster – auch mehrheitsdeutscher – Herkünfte sowie geschlechtlicher und sexueller Identitäten. Der Verein ist ganz von hier und auch überhaupt nicht religiös orientiert – dennoch wird dort im Miteinander für mich – um zum Schluss ganz persönlich zu werden – manchmal die von Michel Foucault gepriesene «Freundschaft als Lebensweise» greifbar, wie sie nach Klauda in der traditionellen «islamischen Welt» eine «Alternative zum westlichen Identitätsmodell darstellt». Gut möglich, das ist richtig queer.

Rosige Zeiten, Ausgabe 119 (Dezember 2008/Januar 2009)

[Der Artikel wurde vorab bereits im Oktober 2008 auf www.schwule-seite.de veröffentlicht (Direktlink zum Text).]

  1. Georg Klauda: Die Vertreibung aus dem Serail. Europa und die Heteronormalisierung der islamischen Welt, Hamburg 2008: Männerschwarm Verlag. [zurück]

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