Die Komplizenschaft verweigern

Salih Alexander Wolter:
Die Komplizenschaft verweigern

Was beim «großen CSD-Finale» in Berlin an jenem 19. Juni 2010 passiert ist, dürfte inzwischen allgemein bekannt sein; so viel ist seither über die Einzelheiten berichtet, so oft sind sie kommentiert worden. Etwa die entlarvende Ansage eines feisten Homofunktionärs von der Bühne am Brandenburger Tor herab an eine Gruppe queerer Migrant_innen – als sie Judith Butler mit Beifall für die Ansprache dankten, mit der sie eben den «Zivilcourage-Preis» des CSD e. V. zurückgewiesen hatte, rief er ihnen zu: «Wir sind hier in der Mehrheit, ihr seid nur eine Minderheit.» Der Eklat hat auf einen Schlag zum Hauptthema gemacht, was vom schwul-lesbischen Paradeweg in die sogenannte «Mitte der Gesellschaft» jahrelang an den Rand der Aufmerksamkeit gedrängt worden war. Auf einmal geben sich die Medien nicht mehr mit dem zufrieden, was die Pressestelle des LSVD zum Bewusstseinsstand der Community verlautbart, sondern beginnen, genauer hinzuschauen – sogar die der Szene selbst. Und plötzlich haben es alle immer schon gewusst: Es gibt bei uns Rassismus.

So berichtet die Siegessäule jetzt anlässlich der skandalösen Türpolitik des CSD-Sponsors Connection Club: «Die Entwicklung, dass Asiaten nicht in bestimmte schwule Etablissements in Schöneberg eingelassen werden, gibt es schon länger.» So ist es – und es geht dort noch weit schlimmer zu. Bereits Ende 2003 fabulierte Jan Feddersen, der Szenebezirk in dem viele Migrant_innen zu Hause sind, drohe «für Schwule zur No-go-Area zu werden». In der taz forderte der langjährige CSD-Funktionär damals unter Berufung auf das fragwürdige «Antigewaltprojekt» Maneo eine «Zivilisierung des Vormodernen» und meinte damit junge Männer, «die im weitesten Sinne dem muslimischen Kulturkreis zuzurechnen sind». Mittlerweile ist im Homokiez, wie dasselbe Blatt kurz vor dem diesjährigen Umzug konstatierte, «eine nicht mehr wegzudiskutierende Türkenfeinlichkeit entstanden». Dies schien den Journalisten freilich nicht sonderlich zu stören, der sich übrigens auch nicht scheute, vereinzelte Angriffe auf Schwule mit der Geschichte der europäischen Judenverfolgung in Beziehung zu setzen und einen abenteuerlichen Vergleich zur Situation des heutigen Israel zu ziehen: Man wisse doch «eigentlich», dass die Täter «häufig junge Männer mit Migrationshintergrund sind, das soll man aber nicht sagen». Indes wurde, nicht nur in der taz, genau dies unablässig gesagt – wenngleich es der Polizeibericht, wie zuletzt nach einer Serie brutaler homo- und transphober Überfälle während der Pride-Woche, stets besser wusste.

«Homosexuelle geben viel Geld aus, bleiben lange und reden darüber in E-Mails und Blogs, wie gut ihnen die Stadt gefallen hat», wird ein Mitarbeiter der Berliner Tourismus-Gesellschaft in der Berliner Zeitung vom Parade-Wochenende zitiert. Am Montag danach empörte sich Thomas Birk, homopolitischer Sprecher der Grünen im Abgeordnetenhaus, im Tagesspiegel über Judith Butlers «Affront» und nannte ihn «fatal für das Image der Stadt». In der jungen Welt vom 25. Juni hieß es dazu: «Tatsächlich fatal ist die Politik des selbsternannten Antigewaltprojekts Maneo, in dessen Vorstand Birks Partner Rudolf Hampel sitzt, das aufgrund seiner rassistischen Ausfälle gegen Migranten über die Grenzen Berlins hinaus bekannt wurde.» Zu ergänzen wäre nur, dass die offizielle Homepage des CSD e. V. Hampel unter der sinnigen Überschrift «Der harte Kern» als zuständig fürs Sponsoring führt. Es wurde höchste Zeit, endlich auch über die Borniertheit des lokalen schwulen Establishments zu reden.

Noch zum Schöneberger Motzstraßenfest, eine Woche vor dem CSD, kam allein von DKP queer öffentliche Kritik, als es der «Regenbogenfonds schwuler Wirte» unterließ, sich angesichts rassistischer Übergriffe im Vorjahr als Veranstalter deutlich zu positionieren, wie dies GLADT, einem Verein von überwiegend türkeistämmigen Schwulen, Lesben und Trans*-Personen, und den Schwarzen Lesben von LesMigraS versprochen worden war. Mit Aktivist_innen aus diesem Umfeld traf sich Butler – wie wiederum zuerst auf der Website von DKP queer gemeldet und von der weltberühmten Philosophin später in mehreren Interviews bestätigt – am Freitag vor der Parade und entschied sich für den «praktischen Akt der Zivilcourage», zu dem GLADT ihr am folgenden Abend gratulieren konnte.

Judith Butler sagte nein zur verbreiteten «Komplizenschaft mit dem Rassismus» und erneuerte zugleich für die Queer Theory, die untrennbar mit ihrem Namen verbunden ist, den Anspruch auf radikale Gesellschaftskritik – während unter dem queeren Label hierzulande allzu oft intellektueller Modeschmuck zur Aufhübschung angeblich alternativloser kapitalistischer Verhältnisse feilgeboten wird. Dagegen warnte Butler, als sie nach der Laudatio von Bundesministerin a. D. Renate Künast von den Grünen das Wort ergriff, queere Menschen davor, sich von jenen benutzen zu lassen, «die Kriege führen wollen». Sie widersprach denen, die uns glauben machen möchten, es gehe darum, «dass unsere schwul-lesbisch-queere Freiheit geschützt werden muss» – ob mit militärischen Mitteln, wie in Irak und Afghanistan, oder eben in Form des antimuslimischen Rassismus, wie er in Berlin-Schöneberg und anderenorts in Europa um sich greift. So wurde klar, dass es sich bei Missständen, wie sie nun ans Licht der Öffentlichkeit kommen, nicht etwa um bloße Kollateralschäden beim Eincruisen der Community in den gesellschaftlichen Mainstream handelt – vielmehr ist der Kurs an sich falsch.

Red & Queer 17, erschienen im September 2010

[PDF der Red & Queer 17 hier. Der Artikel wurde auch auf www.schwule-seite.de veröffentlicht.]

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.