«Wir sind n Liebespaar. Okay?» Für Perihan Mağdens «Ali und Ramazan»

Aktualisiert am 12. Juli 2014

Salih Alexander Wolter:
«Wir sind n Liebespaar. Okay?» Für Perihan Mağdens Ali und Ramazan

thumb-AliundRamazanDer packendste ‹schwule› Roman seit langem ist von einer Frau und kommt aus der Türkei: Ali und Ramazan von Perihan Mağden, einer prominenten gesellschaftskritischen Schriftstellerin und Zeitungskolumnistin, war dort 2010 ‹Buch des Jahres› und stand monatelang auf der Bestsellerliste. Hierzulande hat diese Geschichte bei einigen Rezensenten aus der ‹Community› Anstoß erregt. Aus stilistischen Gründen, wie sie sagen. ‹Kitsch› lautet der Vorwurf, der sich ästhetisch gibt und doch nur schlecht kaschieren kann, dass es die politischen Implikationen sind, die hier nicht gefallen. Als ‹Beleg› schreiben sie einer vom anderen diese unschuldige Stelle ab: «Ali und Ramazan vereinigen sich erstmals in jener Nacht, auf dem Bettsofa des Herrn Direktor, und das wieder und wieder, bis zum nächsten Morgen. Sie werden eins. Werden zu Ali und Ramazan. Bis in alle Ewigkeit. Bis zum Ende ihrer viel zu kurzen Ewigkeit.»

Sie sind zwei Jungen in einem İstanbuler Waisenhaus. Ali hat es nach einer Familientragödie, deren Einzelheiten im Unklaren bleiben, aus der Provinz Hatay im äußersten Süden der Türkei hierher verschlagen. Er gehört zur arabischen Minderheit der Nusayris, weshalb ihn Ramazan «mein Fellache» nennt, und sein prügelnder Vater war ein versoffener Fischer. (Das Abschreiben verrät sich unter anderem darin, dass daraus gleich bei mehreren schwulen Bloggern «Ali, der Kurde aus einem Bergdorf» wird! Aber klar, passt schon, von Kurden und dass es da irgendein Problem gibt, haben wir mal was gehört…) Der wunderschöne Ramazan wurde als Säugling im Innenhof einer Moschee ausgesetzt und vom Imam und seiner Frau nach dem Morgengebet der staatlichen Obhut übergeben. Womit dann auch die Religion ihre Rolle in diesem Buch gespielt hat. Das Berliner Homo-Magazin Siegessäule hebt dies in seiner Besprechung – eine löbliche Ausnahme – hervor: «Und nicht einmal fällt das Wort Islam.» Stattdessen erlebt das Kind von früh an, was bei uns vorzugsweise aus kirchlichen Einrichtungen bekannt geworden ist: fortgesetzten sexuellen Missbrauch, in diesem Fall durch den «Herrn Direktor». Ali und Ramazan freunden sich an, verlieben sich ineinander, und es geschieht: siehe oben. Ich möchte lieber nicht wissen, was nach dem literarischen Geschmack des schwulen Mainstreams bei zwei Jugendlichen passieren sollte, die es zum ersten Mal miteinander treiben und herausfinden, dass es gut ist, das Beste, was sie bisher erlebt haben – für Ali und Ramazan bewirkt es genau das, was Perihan Mağden beschreibt. Die beiden sind fortan unzertrennlich. Um noch einmal die Siegessäule zu zitieren: «Für so eine Liebe würde man auch Dreck schlucken.» Und den werden sie bekommen, reichlich.

Wir wissen, dass ihre Geschichte schlecht ausgeht, denn sie wird uns vom Ende her erzählt: Meldungen, die im Dezember 1992 im Massenblatt Hürriyet erschienen, auf Seite drei, dort, wo sich die Räuberpistolen finden und das Schlüpfrige. Da ist einmal vom tödlichen Sturz eines Strichers die Rede, der sich, die Taschen voller Geld, aus einer Wohnung im sechsten Stock eines vornehmen Apartmenthauses abseilen wollte, in der er zuvor seinen Freier umgebracht hatte. Dann von einem jungen Mann, einem Lösungsmittel-Schnüffler, der sich im Rohbau eines neuen Kinderheims erhängt hat. «Waren Ali und Ramazan also Schwuchteln? Endet man so als Schwuchtel? Reißt einfach das Kabel, man stürzt ab und ist tot?», fragt die Autorin. «Und wer sind die beiden überhaupt? Welche Bedeutung haben sie?» Es ist eine wahre Geschichte, deren traurige Fakten Perihan Mağden recherchiert hat und für deren innere Authentizität und Schönheit inmitten einer brutalen Wirklichkeit ihre Kunst bürgt. Kitsch wäre etwas ganz anderes: das nämlich, was viele deutsche Kritiker von einem ‹schwulen› Roman aus der Türkei offenbar erwarten, obwohl sie es besser wissen könnten, nachdem inzwischen beispielsweise Bücher von Murathan Mungan und küçük iskender in Übersetzung vorliegen (um nur zwei der bekanntesten ‹einschlägigen› Vertreter der türkischen Gegenwartsliteratur zu nennen). Doch nein, Ali und Ramazan gehen nicht zugrunde, weil ihnen eine dem religiösen Eiferertum verschriebene Gesellschaft aus purer Homophobie ihr Glück nicht gönnte. Sie gönnt es ihnen nicht, das stimmt, aber dem Glück der beiden steht zuallererst eine soziale Ordnung entgegen, in der arme Jungen wie sie keine Chance haben und die durch ein Coming-out nicht aus der Welt geschafft wird. «‹Scht›, macht Ramazan. ‹Nimm dieses Wort nich in den Mund. Wir sind keine Schwuchteln oder so was. Wir sind n Liebespaar. Okay?›»

Mit 18 werden Ali und Ramazan, die nur die Grundschule besucht haben, vom Waisenhaus vor die Tür gesetzt und sollen selbst sehen, wo sie bleiben. Damals hat die ‹marktwirtschaftliche Modernisierung› der Türkei begonnen, reihenweise fallen Jobs für Menschen ohne Ausbildung weg. Die beiden erfahren die Staatsgewalt, einer nach dem anderen beim Zwangsdienst in der Armee, Ramazan auch, als er auf einer Polizeiwache gefoltert wird. Er macht für Geld, was er gelernt hat, von früh an beim Herrn Direktor, und doch nur mit seinem Ali gern tut: Er fickt – damit sie zu einer kleinen Wohnung kommen und sich über Wasser halten können. Ali ist ein kräftiger junger Mann, doch weil ihm die Ehrlichkeit ins Gesicht geschrieben steht, findet er nicht einmal als Markthelfer Anstellung. Er beginnt zu trinken und zu schnüffeln, denn er kommt mit Ramazans Sexarbeit nicht klar. Dessen Kundschaft reicht vom einfachen Lastträger über den braven mittelständischen Familienvater, bei dem das angewärmte Milchfläschchen fürs Baby auf dem Tisch steht, bis zum exaltierten Oberschicht-Schwulen. Je wohlhabender die Freier sind, desto fordernder treten sie dem «Bezahlstecher» gegenüber auf: «‹Hach, unser Schnucki sieht ja nicht nur lecker aus, sondern ist auch ein richtig harter Kerl! Haben wir denn auch einen ordentlichen Bolzen im Paket?›» Umso weniger auch wollen sie Ramazans selbstbestimmte Grenze – er macht es nur aktiv, obwohl er weiß, dass jedes Mal auch dabei seine «Seele gefickt» wird – akzeptieren. Für seinen letzten Kunden, einen Komponisten türkischer Kunstmusik, hält er hin, in der Aussicht auf eine besonders hohe Summe, mit der es dann vielleicht reichen würde, um mit Ali irgendwo anders ein neues Leben anzufangen. So weit ihre «viel zu kurze Ewigkeit».

Was Perihan Mağden, ohne ihre Helden zu idealisieren, eindrucksvoll zeigt und was von ihren schwulen deutschen Kritikern in Wahrheit abgelehnt wird, ist die «Klassenkenntnis», von der Pier Paolo Pasolini in seinen Freibeuterschriften einmal  sagte, dass ohne sie das Klassenbewusstsein unvollständig bleibe. So herum stellte sich das Problem zu seiner Zeit, in den frühen 1970er Jahren – lange bevor der akademische Begriff ‹Intersektionalität› geprägt wurde. Pasolini sah ‹Homosexualität›, sofern damit gleichgeschlechtliches Begehren, schwuler Sex gemeint war, als etwas «klassenunabhängig Universelles» an, etwas, was es in jeder Epoche menschlicher Geschichte und Kultur gegeben hat, und empfahl der politischen Linken, darin das Potential einer Ergänzung der marxistischen Analyse gesellschaftlicher Zusammenhänge zu erkennen. Die Idee, diese aufzugeben und eine ‹schwule Identität› unabhängig von der sozialen Position anzunehmen, lehnte er dagegen ab.

Die engagierte türkische Linke Perihan Mağden stellt ihrem Buch ein Zitat von Raoul Vaneigem voran: «Leute, die über Revolution reden oder über Klassenkampf, ohne sich dabei explizit auf das alltägliche Leben zu beziehen, die nicht verstehen, was subversiv an der Liebe ist und was positiv ist an der Zurückweisung von Beschränkungen, solche Leute haben eine Leiche in ihrem Mund.» Vielleicht kann sich davon hier und heute nicht angesprochen fühlen, wer schon vom Klassenkampf bestimmt nie redet – aber worauf kauen solche Leute eigentlich herum? Dieser Roman jedenfalls ist der Konfektionsware, die unter dem ‹schwulen› Label en gros angeboten wird, himmelhoch überlegen, denn er spricht von dem, was uns zwischen ‹Wir-sind-doch-wie-alle-anderen-auch›-Getue auf der einen und Sozialarbeiter-Gehabe auf der anderen Seite abhandengekommen scheint: von der ganz großen, der einmaligen Liebe zweier junger Männer.

Perihan Mağden: Ali und Ramazan. Roman, aus dem Türkischen von Johannes Neuner, Berlin 2011: Suhrkamp/Reihe Nova, 192 Seiten, broschiert, 13.95 €.

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Hinweis: Dies ist die leicht überarbeitete Fassung eines Beitrags, der unter dem Titel Ali und Ramazan zuerst in der Zeitschrift Rosige Zeiten, Ausgabe 139 (Mai/Juni 2012), S. 42/43, erschienen ist.

Jäcki und die Heere der Unempfindlichkeit. Hubert Fichtes letztes Jahr

Überarbeitete und erweiterte Fassung vom 18. Juli 2014

Salih Alexander Wolter:
Jäcki und die Heere der Unempfindlichkeit. Hubert Fichtes letztes Jahr

«Die Welt als Buch bricht zusammen.»

«Geilheit des Aufbruchs damals / Traurigkeit heute», notiert Hubert Fichte Ende März 1985 in Paris.1 Der Hamburger Schriftsteller, Ethnograph und Journalist hat dort mit seiner Lebensgefährtin, der Fotografin Leonore Mau, seinen 50. Geburtstag gefeiert und will jetzt allein weiter nach Marokko.

thumb-PlatzderGehenktenCoverAls er 15 Jahre zuvor für einen westdeutschen Sender ein Radiofeature über das Treiben auf der Djemma el Fna, dem legendären ‹Platz der Gehenkten› in Marrakech, verfasste, ließ er weg, was ihn dort besonders angezogen hatte.2 Denn der Paragraph 175 des Strafgesetzbuches, der in der Bundesrepublik weiter in der Nazi-Fassung gegolten hatte, war eben erst gelockert worden. «Die Drohung mit dem KZ bis zum zehnten Lebensjahr, weil ich Halbjude war. / Die Drohung mit dem Zuchthaus, weil ich schwul war»:3 So hat er einmal zusammengefasst, wie er – der junge ‹Detlev› seines ersten Romans Das Waisenhaus (1965) – die Kontinuität des Rechtsstaats erlebte. Die Erinnerung an die Verfolgung blieb für ihn prägend.

Einem breiteren Publikum wurde er 1968 mit dem ‹Gammler-Roman› Die Palette, aus dem er im ‹Star-Club› an der Reeperbahn las, als ‹Pop-Literat› bekannt. Damals begann neben Detlev der ‹Jäcki› Gestalt anzunehmen, der – an seiner Seite ‹Irma› mit ihrer Kamera – in Fichtes auf 19 Bände geplanter Geschichte der Empfindlichkeit nach St. Pauli noch andere Tropen erforschen will. Er hatte in den frühen 1960er Jahren in einer Pariser Sauna die Erfahrung gemacht, der er sein ganz eigenes Verständnis von ‹bi› verdankte und auf die in seinem neuen Buch eine der ‹Ricardtanten› anspielen wird («Ich sah Marcel Proust im Dampf»4): Oral befriedigt von einem ‹alten Franzosen› und gleichzeitig – zum ersten Mal – anal genommen von einem ‹jungen Araber›, genoss er «die Bewegung des Hin und Her, das Oszillieren zwischen den Polen».5 So jedenfalls interpretiert der Literaturwissenschaftler Peter Braun in seiner Reise durch das Werk von Hubert Fichte den Dreier und leitet daraus «eine Denkfigur für einen Raum dazwischen» ab, in dem der Autor später auch «seine Darstellung der afro-amerikanischen Religionen angesiedelt» habe.6 Aber seinen wohl berühmtesten Satz sagte Jäcki – «möglicherweise von der Erfahrung der Djemma el Fna […] beflügelt», so Braun7 – erst 1971, im Roman Detlevs Imitationen ‹Grünspan›: «Ich kann mir die Freiheit, wenn ich ehrlich bin, nur als eine gigantische, weltweite Verschwulung vorstellen…»8

Hingegen hält Fichte 1985 in seinem Tagebuch fest, «wie eine Welthysterie sich ausbreitet».9 Wenige Tage vor seiner Reise nach Paris und Marokko notiert er bei einem Besuch in Westberlin:

«Die Schwulen mit positiver Lymphreaktion geben ein Fest.
Der Kurde Ahmed.
– Warum sind alle in Deutschland so mürrisch, so traurig?
– Ist Krieg oder was?
Hussein der blonde Libanese.
Familienvater.
Mit jenem unaussprechlichen Mehr an Rundung am Arsch.
Wie er stöhnt und sich ficken lässt, oder fickt.
Was für ein Jammer.»10

Zurück aus Marrakech und mitten in der Arbeit am Platz der Gehenkten, der Teil des großen Zyklus sein soll, verzeichnet der Schriftsteller im Spätsommer «Aidstitel auf Time und Newsweek in der vorigen Woche, diese Woche Spiegel und Stern»11 und kommentiert, als der schwule Reiseführer Spartacus Gay Guide sein Erscheinen einstellt: «Die Welt als Buch bricht zusammen.»12

«Wo befinde ich mich, wenn ich schreibe?»

Auch das andere Reisen, von dem die Geschichte der Empfindlichkeit handelt, scheint unmöglich geworden – war vielleicht bereits eine Illusion, als Jäcki seinerzeit aufbrach. Der ständige Wechsel im Roman, fast unmerklich, zwischen den Wahrnehmungen von 1970 und denen dieses Frühjahrs, legt es nahe.

«Die chthonischen Tage sind vorbei», heißt es da, als Irma im Paris des Jahres 1985 ein Beispiel der postmodernen Banalität ablichtet, mit der wir es uns in den Metropolen eingerichtet haben. Hochgestoßene Granitplatten simulieren Kunst im öffentlichen Raum:

«Staatlich gefördertes Chaos.
Darunter bricht ein Springbrunnen hervor.
Es bedeutet sicher etwas Umweltfreundliches.
Oder etwas Aufklärerisches.
Unter dem Pflaster der Strand oder so.»

Und die Peripherie gleicht sich dem Stumpfsinn an, bis in die Körpersprache. Was sich in Marokko verändert hat:

«Die Männer halten sich nicht mehr an den Händen.
Keine zweite Erzählung mehr aus Händen, Füßen, Ohren, Augen, Wimpern zur Erzählung aus dem Mund.
Das Fernsehen lehrt auch hier die falsche Gefasstheit.»13

Jäcki ist im Taxi unterwegs, auf der Suche nach einem Zimmer in der von Touristen überfüllten Stadt. «Auf den Friedhöfen Züge von Menschen», beobachtet er: «In schrillen Farben steigen sie zwischen den Steintafeln hoch.» Er erkennt Kinder mit Pappkartons, Frauen mit Plastikbündeln, Wachsoldaten mit Maschinenpistolen im blaustichigen Flutlicht. «Die Armee hat alle Hütten da unten eingerissen, sagt der Taxifahrer.» Die Präsidenten, die im Palasthotel wohnten, wollten solche armseligen Unterkünfte nicht sehen.14 «Ein Literaturkongress wird erwartet», erinnert sich Jäcki an die Zeit, als Marrakech ein Fluchtpunkt des ‹westlichen› schwulen Untergrunds war («Die Beatgeneration: Ginsberg, Burroughs, Corso, Ferlinghetti – alle 60»): «Jean Genet soll ein Hippiesymposion leiten! / Dafür wird die Stadt gesäubert.»15

«Wo befinde ich mich, wenn ich schreibe? / Hier oder dort oder in der Mitte oder nirgends?», fragt sich Jäcki16 – «Bin ich ein Foto von Irma?»17 – zwischen den Händlern und Gauklern, Sufi-Musikern und späten Hippies auf der Djemma el Fna. In der Auseinandersetzung mit dem Metier der Gefährtin hat er seine Poetik ausgearbeitet: «Die ganze Geschichte in einer tausendstel Sekunde. Die Welt als reines Bild. Das ist die wahre Kunst. Nichts weiter mehr als ein Apparat», begeisterte er sich anfangs.18 Irma widersprach ihm, beharrte auf dem Eigensinn, der sich mit der Technik entwickeln muss, damit die Vorstellungsbilder entstehen können. Jäcki maulte, das bedeute «ja dann doch wieder Auffassung, Verwandlung. Synthese. Proust.»19 Voilà. Die «Wirklichkeit» ist nicht einfach ein «Abfallprodukt der Erfahrung […], mehr oder weniger identisch für alle, weil jeder weiß, was wir meinen mit: schlechtes Wetter, ein Krieg, […] ein blühender Garten», heißt es in der Suche nach der verlorenen Zeit.20 Und deshalb beginne für den Schriftsteller die Wahrheit erst, wenn er «zwei verschiedene Gegenstände nimmt, die Verbindung zwischen ihnen herstellt […] und sie einschließt in die zwingenden Glieder eines schönen Stils; oder auch erst, wenn er, wie das Leben es tut, in zwei Empfindungen etwas Gemeinsames aufzeigt».21

Hubert Fichte verlegte sich auf ein minimalistisches literarisches Programm, das an den ältesten Zeugnissen der Antike geschult war: Das Wort sollte nicht nur etwas benennen, sondern zugleich eigenständige rhythmische Macht sein. Umso schwerer wiegt ein jedes, wo so viel Weiß auf der Seite bleibt. Oft gebraucht der Autor das ‹N-Wort›, und sein Satz «Eine Gruppe Marokkaner führt eine Gruppe Affen vor»22 ist unerträglich. «Fichte verkennt nirgendwo die Bedeutung des scheinbar sehr Fremden, das er mit ansehen muss, für das Verstehen unserer eigenen […] Zivilisation», versicherte aber sein Freund, der große Gelehrte Hans Mayer. «Immer wieder kommt er auf die Gemeinsamkeiten zurück.»23

«Wir verstehen nichts von ihrem Leben»

In Marrakech macht einmal «Arafa, der schwarze Mann von der Klappe», Jäcki «doch noch an.»

«– Ich bin Maurer.
– Ich verdiene 15 Dirham am Tag.
– Wenn ich Arbeit finden kann.»

Der Weiße bleibt «der Freier» aus Hamburg:

«Zum Schluss noch den Dirham für den Bus.
– Um den Schein nicht anzubrechen.
Wie am Hauptbahnhof.»24

Ein andermal fragt ihn einer, «und mit ihm 1400 Jahre Hidschra», ob er noch einmal wolle:

«– Langsam,  bitten mit mir 2000 Jahre Christentum.
Als ich ihm danach Geld anbiete:
– Kein Geld, es ist für die Freude des Herzens.»25

Aber die gutsituierten europäischen Schwulen, die beim Ricard auf einer Caféterrasse am Rand der Djemma el Fna plaudern, glauben nicht an interkulturelle Begegnungen.

«– Und  hat man genug und lässt sie sitzen, sehen sie einen an, versteint vor Traurigkeit.
– Mit Traurigkeit lässt sich doch gar kein Geld machen!
– Sie verschwenden ein Gefühl, ohne etwas dafür zu kriegen.»26

So tauschen sie ihre Erfahrungen mit einheimischen Männern aus: «Wir verstehen nichts von ihrem Leben.»27 Dabei kennen sie die Rahmenbedingungen:

«– Zur Unabhängigkeit schenkte Mohammed V. Herrn Krupp ein Haus in Marrakech.
– Eine Widerstandskämpferin hat ein schwules Hotel in Agadir.
– Jetzt macht sie die Betten für die Herren, die sie früher in die Luft gejagt hat.»28

Aber kein Anflug von Schuldgefühl, sie sind sich sicher: «Es ist nicht der Kolonialismus.»29 Außerdem:

«– Ich bin selbst auf den Strich gegangen im Krieg.
– Noch 1943 standen die Frontsoldaten in einer Reihe unter den Spreebrücken.
– Sie ließen das Geschlechtsteil heraushängen, und man konnte sich einen aussuchen.
[…]
– Mein Geliebter verschwand im KZ.»

Das erzählt 1970 ein «Richter aus München», der findet: «Eigentlich altern wir Tunten doch ganz gut.»30 Und die ‹Ricardtanten› ahnen damals:

«– Mit ihrer Gay Liberation machen sie sich alles kaputt!
[…]
– Als Unterdrückte gingen wir auf dem Platz der Gehenkten weg wie warme Semmeln.
– Vor den Teutonen-Fritzes laufen die echten Männer hier auf und davon!»31

«Koran auf Bibelpapier ist unpraktisch.»

Als Jäcki die Liste seiner Sexpartner in Marrakech durchgeht, wird ihm die Feststellung des Offenkundigen wichtig: «Ich kann weniger Arabisch als Buchtar, Arafa, Gaouty.»32 Er sieht den Mietkalligraphen auf der Djemma el Fna bei der Arbeit zu:

«Die Skriben zeichnen Gitter aus gelber Tusche aufs Papier.
Dahinein schreiben sie.
Keile und Gekröse für Litaneien.»33

Keile und Gekröse – die Buchstaben der fremden Sprache, die er lernen will. In ihr erklingt von den Minaretten der Gebetsruf der Muezzins, der ihn im Roman leitmotivisch weckt. «Aufwachen. / Zwischen Traum und Traum», zwischen dem Aufenthalt von 1970 und dem von 1985:

«Die Stimmen der Sänger vom Turm.
Gottes Wort.
Sauer.»34

Wird damit der erstarkende Islamismus zum Thema, wie Peter Braun meint?35 Wird Hubert Fichte, der einst in Marokko zur befreienden Vorstellung von der ‹Verschwulung der Welt› fand, zum Verteidiger ‹westlicher Freiheiten› gegen die demagogischen Prediger, die im Zeichen der Aidsfurcht auch hier auf die alte Geschichte von Sodom zurückkommen, wie es ihnen amerikanische TV-Evangelisten vormachten? In der eigenen Tradition wurde sie nicht gegen Homosexuelle gewendet – aber die wusste auch nichts von ‹Homosexuellen›. Für sie war gleichgeschlechtliches Begehren einfach «ein Faktum, das dem Menschsein als solchem entspringt», wie es Georg Klauda in seiner Studie Die Vertreibung aus dem Serail formulieren sollte.36

Jäcki versucht sich an der Übersetzung einer französischen Übersetzung scheinbar zuständiger Stellen in der heiligen Schrift des Islam:

«Im Kopf eine Art Luther-Deutsch.
Koran auf Bibelpapier ist unpraktisch.
Die Tinte schlägt durch.»

Er stellt fest, dass die Offenbarungen nach ihrem Umfang absteigend geordnet sind, sodass die apokalyptischen frühesten Verse nach denen aus der Zeit stehen, als sich die neue Religion schon durchzusetzen begann und die vielen Dinge des täglichen Lebens zu verhandeln hatte:

«Die Texte des Koran werden kürzer von Sure zu Sure.
Die Texte des Platzes der Gehenkten werden länger.
Ich möchte das Gesetz der schrumpfenden Glieder durch das Gesetz der wachsenden Glieder ausgleichen.»37

So nimmt sich Jäcki nun einen jungen Schwarzen zum Vorbild, der als professioneller Erzähler auf der Djemma el Fna seine Geschichten immer weiterspinnt und ihn zugleich an das Versprechen des Aufbruchs erinnert:

Er «lockte sie von Inschrift zu Inschrift.
Now I want to be free.
Und noch:
Isn’t it right?»38

Indes:

«Wie messe ich Länge und Kürze?
Wie die Griechen, durch Längen und Kürzen.
Und die Pausen?
Das Nichts?»39

«Die Schwulen waren vorn vorn vorn…»

«Stügeros d’hüpedexato koitos», deklamiert der humanistisch gebildete Münchner Richter in Marrakech aus der Odyssee. Das Epos vom Reisenden, den kein Abweg davor bewahren kann, wieder zu Hause anzukommen. Vertrautes kulturelles Erbe in lateinischer Umschrift:

«– Doch ein trauriges Lager empfängt sie:
– Also hingen sie dort aneinandergereiht mit den Häuptern,
– Alle die Schling’ um den Hals, des kläglichsten Todes zu sterben,
– Zappelten dann mit den Füßen ein Weniges, aber nicht lange.
– Von Homer bis Himmler!»40

thumb-HamburgHauptbahnhofCoverHieran wird Fichte in Hamburg Hauptbahnhof. Register noch einmal anknüpfen. Die Fragmente dieses Bandes bilden den erzählerischen Abschluss der Geschichte der Empfindlichkeit, die es immerhin auf 17 der geplanten 19 Bände brachte. Von den «Ketten» ist da die Rede, in die Archilochos – «den Jäcki Arschilochos aussprach»41 – unser Denken gelegt sah, als er im 7. Jahrhundert v. u. Z. über den ‹Rhythmus› nachsann;42 deren Klirren an den unzähligen Unterdrückten sich durch die abendländische Geschichte ziehen sollte; die in der schwulen Weltliteratur zum Fetisch wurden, bei Proust, bei Genet. Und jetzt treten der Baron de Charlus und Querelle «in einem Hinterhof zwischen Othmarschen und Altona auf und spielen Mörder, SS-Mann, KZ-Wärter, bis die Seppelhose an der Seele festwächst, wie Jäcki sagte».

Ein Schlusswort des Schriftstellers Hubert Fichte, der sich damit von seinem Alter Ego emanzipiert:

«Die Schwulen waren vorn vorn vorn.
Und auch Jäcki begriff nicht, dass sie nur der Wurmfortsatz waren der Heere der Unempfindlichkeit.»43

Der Platz der Gehenkten war der letzte Roman, den Fichte druckfertig machen konnte. Im Hamburger Hafenkrankenhaus erlag er am 8. März 1986, kurz vor seinem nächsten Geburtstag, einem Lymphom. Sein Freund Professor Mayer vermutete, er wollte nicht älter als 50 werden.44

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Zitatnachweise/Anmerkungen:

1 Zit. nach Braun (2005): 282.
2 Vgl. ebd.: 284.
3 Zit. nach ebd.: 113.
4 Fichte (2006 [1989]): 164.
5 Braun (2005): 131.
6 Ebd.: 133.
7 Ebd.: 285.
8 Zit. nach ebd.: 285.
9 Zit. nach ebd.: 281.
10 Zit. Nach ebd.: 279f.
11 Zit. nach ebd.: 281.
12 Zit. Nach ebd.: 280.
13 Fichte (2006 [1989]): 217.
14 Ebd.: 210ff.
15 Ebd.: 139.
16 Ebd.: 215.
17 Ebd.: 107.
18 Zit. nach Braun (2005): 137.
19 Zit. nach ebd.: 138.
20 Proust (2004 [1927]): 293.
21 Ebd.: 292.
22 Fichte (2006 [1989]): 54.
23 Mayer (1998): 199.
24 Fichte (2006 [1989]): 158f.
25 Ebd.: 156.
26 Ebd.: 168.
27 Ebd.: 166.
28 Ebd.: 135.
29 Ebd.: 104.
30 Ebd.: 124.
31 Ebd.: 153.
32 Ebd.: 138.
33 Ebd.: 76.
34 Ebd.: 12 u. ö.
35 Vgl. Braun (2005): 286ff.
36 Klauda (2008): 51.
37 Fichte (2006 [1989]): 13.
38 Ebd.: 213f.
39 Ebd.: 13.
40 Ebd.: 106.
41 Fichte (1993): 45.
42 Vgl. Georgiades (1958): 65.
43 Fichte (1993): 45.
44 Vgl. Mayer (1998): 190: «Wir haben Kenntnis von seiner letzten Krankheit. Mir genügt sie nicht. Als ich die Todesnachricht in der Zeitung las (oder war es eine Mitteilung des Rundfunks?), spürte ich sogleich, wie sich ein Gedanke insgeheim vordrängte: er hat früh sterben wollen. Nach dem fünfzigsten Geburtstag, den er mit großer Freude und Dankbarkeit erlebt und auch genossen hatte. So starb er kurz vor dem 51. Geburtstag.»

Quellen:

Braun, Peter (2005): Eine Reise durch das Werk von Hubert Fichte. Frankfurt a. M.: Fischer Taschenbuch.

Fichte, Hubert (2006 [EA 1989]): Der Platz der Gehenkten. Roman. Frankfurt a. M.: Fischer Taschenbuch.

Fichte, Hubert (1993): Hamburg Hauptbahnhof. Register. Frankfurt a. M.: S. Fischer.

Georgiades, Thrasybulos (1958): Musik und Rhythmus. Zum Ursprung der abendländischen Musik. Reinbek b. Hamburg: Rowohlt Taschenbuch.

Klauda, Georg (2008): Die Vertreibung aus dem Serail: Europa und die Heteronormalisierung der islamischen Welt. Hamburg: Männerschwarm.

Mayer, Hans (1998): Hubert Fichte: Auf der Suche nach dem Vater. In: Ders.: Zeitgenossen. Erinnerung und Deutung. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, S. 188-208.

Proust, Marcel (2004 [franz. EA 1927]): Frankfurter Ausgabe, hg. von Luzius Keller. Werke II. Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Band 7: Die wiedergefundene Zeit. Roman, Frankfurt a. M.: Suhrkamp Taschenbuch.

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Hinweis: Dies ist die überarbeitete und leicht erweiterte Fassung eines Beitrags, der zuerst unter dem Titel Jäcki und die Heere der Unempfindlichkeit. Zum 25. Todestag von Hubert Fichte in der Zeitschrift Rosige Zeiten, Ausgabe 132 (März/April 2011), S. 23-25, erschienen ist.

 

Türkisch lernen mit Juan Goytisolo

Überarbeitete und erweiterte Fassung vom 18. August 2014

Salih Alexander Wolter:
Türkisch lernen mit Juan Goytisolo

«Da ich mich in dieses Viertel vollkommen integriert fühle…»

Einer meiner Lieblingssätze von Juan Goytisolo steht in keinem seiner Bücher, sondern in dem Band Die brennende Bibliothek des US-amerikanischen Autors Edmund White, der ihn in den 1980er Jahren für ein Interview im zentralen Pariser Viertel Le Sentier besuchte.

Der zweite Band von Juan Goytisolos Autobiographie (spanische Erstausgabe 1986) erschien unter dem Titel «Die Häutung der Schlange. Ein Leben im Exil» in der deutschen Übersetzung von Eugen Helmlé 1995 gebunden im Hanser Verlag, zwei Jahre später gab es die Taschenbuchausgabe bei Fischer – beide sind leider nur noch antiquarisch erhältlich. Das Coverfoto zeigt Juan Goytisolo (links) im Gespräch mit Jean Genet.
Der zweite Band von Juan Goytisolos Autobiographie (spanische Erstausgabe 1986) erschien unter dem Titel «Die Häutung der Schlange. Ein Leben im Exil» in der deutschen Übersetzung von Eugen Helmlé 1995 gebunden im Hanser Verlag, zwei Jahre später gab es die Taschenbuchausgabe bei Fischer – beide sind leider nur noch antiquarisch erhältlich. Das Coverfoto zeigt Juan Goytisolo (links) im Gespräch mit Jean Genet.

Dies ist für den in Barcelona 1931 in einer großbürgerlichen Familie geborenen Erzähler und Essayisten, der als einer der bedeutendsten Schriftsteller spanischer Sprache gilt, «die Definition von Großstadt schlechthin».1 Dort war er – mochte er zuletzt auch immer ausgedehntere Reisen in die sogenannte ‹islamische Welt› unternehmen – jahrzehntelang zu Hause: seit er 1956 Francos Spanien verließ, dessen noch vom Bürgerkrieg traumatisierte Gesellschaft und orientierungslose Jugend unter dem falangistischen Regime er in seinen sozialrealistischen frühen Romanen schilderte, die auf Anhieb internationalen Erfolg hatten. Er zog bei Monique Lange ein, die als Tochter jüdischer Intellektueller während der Besetzung Frankreichs durch Nazi-Deutschland in Indochina aufgewachsen war, sich in der Französischen Kommunistischen Partei engagierte und für den großen Verlag Gallimard arbeitete – wie dann bald auch er, der als Lektor besonders die junge lateinamerikanische Literatur förderte. Lange, die später selbst als Autorin hervortrat, machte ihren Gefährten mit Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir bekannt, führte ihn in den Kreis um Marguerite Duras ein und vermittelte ihm die für sein weiteres Leben entscheidende Freundschaft mit Jean Genet. Viele Jahre nachdem Goytisolo ihr offenbart hatte, «völlig, endgültig, unwiderruflich homosexuell» zu sein,2 heirateten sie, und erst nach ihrem Tod 1996 sollte er ganz nach Marrakesch übersiedeln.

Mit White sprach er über die vertraute Umgebung des Paars: «Nachdem so viele Türken in das Viertel gezogen waren, entdeckte ich eines Tages beim Spazierengehen, dass ich nicht verstand, was an die Wände geschrieben war.» Und es folgt dieser erstaunliche Satz, der wie beiläufig das genaue Gegenteil der bornierten Haltung ausdrückt, die in den europäischen Gesellschaften gemeinhin für selbstverständlich gilt: «Da ich mich in dieses Viertel vollkommen integriert fühle, beschloss ich, das zu tun, was notwendig war, nämlich Türkisch zu lernen.»3

«Ein heimlicher, intimer Faktor…»

Juan Goytisolo zeigt im zweiten Band seiner Autobiographie – Die Häutung der Schlange. Ein Leben im Exil (1986) –, wie hart er mit sich kämpfen, welche Abgründe in sich selbst er erkunden musste, um zu einer solchen Einstellung zu finden. Seine Leidenschaft für orientalische Philologien – «zunächst einmal maghrebinisches Arabisch und dann Türkisch» – erklärt er hier «aus dem hartnäckigen Wunsch und dem Willen heraus, mich einem physischen und kulturellen Körpermodell zu nähern, dessen Glanz und Glut mich wie ein Leuchtturm leitete».4

Er erzählt in dem Buch, wie zur Zeit des Algerienkriegs Ende der 1950er / Anfang der 1960er Jahre mitten in Paris immer wieder nordafrikanische Arbeiter «mit Kolbenschlägen in die Gefangenenwagen getrieben wurden oder in dichten Bataillonen aneinandergereiht auf der Place de l’ Étoile standen, […] brutal angestrahlt von den Scheinwerferbündeln der Polizei». Monique Lange und er – dessen Vorfahren ihr Vermögen mit einer Zuckerrohrplantage auf Kuba gemacht hatten, wo sie Sklav_innen hielten – unterstützten den Kampf gegen den Kolonialismus und stellten der algerischen Befreiungsbewegung FLN ihre Wohnung als konspirative Adresse zur Verfügung. Aber er erinnert sich in der zweiten Person:

«Dein augenblickliches Mitgefühl mit ihnen entsprach nicht nur deiner natürlichen Sympathie für […] die Unterdrückten und hatte auch keine ausschließlich politischen Gründe. Ein heimlicher, intimer Faktor […] verband dich unlösbar mit ihnen.»5

Er war fasziniert von der virilen Schönheit der Maghrebiner, nahm bei ihnen – obgleich er doch Zeuge ihrer Entrechtung wurde – ein «herrisches» Aussehen wahr und fürchtete «ihre Macht über mich».6 Die gründete allein in dem Verlangen, mit dem er sie anschaute und bei ihnen «die Elemente, Attribute und Charakteristika einer kriegsgewohnten extremen Männlichkeit» ausmachte,7 die ihm ebenso bewundernswürdig wie niederschmetternd erschien.

Goytisolo spricht in seiner Autobiographie von einer «Ähnlichkeit der Erfahrungen, übersetzt in identische Bilder und Triebe», die er im Lauf der Zeit bei einigen christlichen und muslimischen Dichtern des Mittelalters ebenso wie beim Marquis de Sade und dem «düsteren Sacher-Masoch» entdeckte.8 Bei Letzterem empfindet der Ich-Erzähler der 1870 erschienenen Venus im Pelz unter dem «Tigerblick»9 des schönen muskulösen ‹Griechen›, der «auf den schwarzen Locken ein rotes Fez» trägt,10 «Scham seiner wilden Männlichkeit gegenüber […] Wie ich mich so recht als den verschraubten schwächlichen Geistesmenschen fühle!»11 Dem Gefühl tut es in diesem Roman keinen Abbruch, dass der «Apollo»12 mit den «glühenden schwarzen Augen»13 genauso akademisch gebildet ist wie sein ‹übersinnlicher› heimlicher Verehrer, den er schließlich auspeitschen wird, bis ihm, «Hieb für Hieb»,14 die falsche Poesie vergeht.15 Hatte dagegen Juan Goytisolo schon zuvor Sex «niemals, absolut niemals mit Tunten oder Heterosexuellen meines kulturellen und gesellschaftlichen Milieus», so erstreckte sich von nun an «dieses strenge, ausschließende Kriterium auch auf meine eigene ethnische Gruppe». Sein erotisches Interesse erregten nur noch «die wettergegerbten rauen Söhne der sotadischen Zone».16

Mit diesem Ausdruck bezeichnete im 19. Jahrhundert der britische Offizier, Forschungsreisende und Diplomat Sir Richard Burton – der unter anderem eine seinerzeit als ‹pornographisch› angesehene Ausgabe von Tausendundeine Nacht veröffentlichte – einen «fiktiven geographischen Streifen, der […] de facto nicht durch klimatische Bedingungen, sondern durch das Blühen ‹invertierter› Lüste demarkiert» war und vom Mittelmeerraum tief nach Afrika hineinreichte sowie Südamerika und weite Teile Asiens umfasste.17 Aber während Goytisolo somit das «geistige Bühnenbild» des Orientalismus aufruft, errmahnt er sich zugleich, «die kritische Sicht der Wirklichkeit von […] deiner Libido abzugrenzen».18

«In einem polysemen Akkord Sexualität und Schreiben miteinander vereinen»

Das bedeutet nun keineswegs, dass Juan Goytisolo  der bequemen Trennung zwischen einer vermeintlich ‹unschuldigen› sexuellen Phantasie, die sich an im Kern rassistischen Obsessionen entzündet, und einer politisch korrekten Haltung, wie man sie mit Blick auf die faktischen Herrschaftsverhältnisse gern für sich in Anspruch nimmt, das Wort reden würde. Ganz im Gegenteil, nach dem ‹Coming-out› gegenüber seiner Lebensgefährtin sucht Goytisolo – indem er mit dem Roman Identitätszeichen (1966) den ‹fotografischen Objektivismus› seiner ‹engagierten› literarischen Anfänge aufgibt19 und sich auf das Abenteuer eines gleichsam den ganzen Körper einbeziehenden Schreibens einlässt – die «vollständige Verbindung von Phantasie und Vernunft»20 auf dem sprachlich vermittelten, also gesellschaftlichen Grund, der beiden gemeinsam ist.

Unverkennbar ist im letzten Zitat der Anklang an Friedrich Nietzsche, der 1872 in seiner Geburt der Tragödie von der ‹dionysischen› Antike kündete, deren Geheimnis die Versöhnung «zwischen der Kunst des Bildners […] und der unbildlichen Kunst der Musik» gewesen sei.21 Entsprechend verachtete er den später aufgekommenen Roman als literarische Gattung,22 weil er die ‹Musik› echter Dichtung für «das eine große Cyklopenauge des Sokrates» geopfert habe, «in dem nie der holde Wahnsinn künstlerischer Begeisterung geglüht hat»23. Goytisolo erweist in dem Buch, an dem er in den nächsten Jahren wie um sein Leben schreiben und dabei aus dem ‹Roman› bis dahin Unerhörtes herausholen wird, Nietzsche einmal seine versteckte Reverenz:

«verbotene Leidenschaft, unerlaubtes Gefühl, funkelnder Verrat: schließ die Augen, zerschmettere den Bildschirm: sein finsteres Zyklopenauge will dich erstarren machen, eine blinde Statue wie Lots Weib».24

Doch erst musste er, wie er in der Häutung der Schlange berichtet, «zur nackten Wahrheit deines herben Gartens der Lüste […] gelangen».25 Der öffnete sich ihm zum ersten Mal in einer Absteige im Pariser Norden, in den Armen eines Bauhelfers aus dem Maghreb. Juan Goytisolo ist bemüht, sich nicht etwa als uneigennützig darzustellen, wenn er schildert, wie er damals das Vertrauen von zum Teil analphabetischen ‹Gastarbeitern› gewann, für die er nach dem Sex Briefe an Behörden, manchmal auch an Angehörige verfasste:

«[D]er Akt des Schreibens und des Wortergreifens an ihrer Stelle, der mit der gleichen Ausschließlichkeit geschah, mit der sie einige Stunden oder einige Minuten zuvor über meinen Körper verfügt hatten, sollte häufig das offensichtliche Wohlwollen des Schreibens mit dem geheimen Behagen der Erektion vermischen.»26

Immer öfter blitzte nun, während Goytisolo mit den anderen Linksintellektuellen der französischen Hauptstadt über Resolutionen diskutierte oder auf Partys plauderte, in seinem Innern die Metapher eines spanischen Barockdichters auf und mit ihr das Bild von ineinander verschlungenen Männerkörpern:

«Als ich die Soledades von Góngora las und auf die Proben, wild und feurig, jener Ringkämpfer stieß, die durch gegenseitige Schlingen aneinandergekettet / wie harte Ulmen in umgarnenden Reben, offenbarten mir die schlangenartige Schlüpfrigkeit des Satzes und die Kopulation des fleischgewordenen Wortes die tagtägliche Verwandlung der Begierde Góngoras im Destillierkolben seiner Poesie, seine fruchtbare Fähigkeit, in einem polysemen Akkord Sexualität und Schreiben miteinander zu vereinen.»27

Rückforderung des Conde don Julián

Durch das Beispiel seines Freundes Genet begriff Juan Goytisolo, dass sich von jedwedem ‹Vaterland› verabschieden muss, wer das «Territorium des Dichters» erreichen will.28

Als er 1965 von Tanger aus über die Meerenge hinweg die Umrisse Spaniens erblickte, wo sich die verhasste Diktatur von Kapital, Militär und Kirche auch die Sprache unterworfen hatte, imaginierte er sich in den historischen ‹Verräter› Julián hinein, durch den die Iberische Halbinsel im 8. Jahrhundert u. Z. dem arabischen Eroberer Tarik in die Hände fiel. Der wird bei Goytisolo zum Liebhaber Juliáns, beschrieben mit einer ‹verheißungsvollen› Reminiszenz an Leopold von Sacher-Masoch:

«eine stärkere Dosis Haschisch genügt: und eine warme kraftvolle Tierhaftigkeit: Tarik ist an deiner Seite, und in seinen Augen scheint der unbarmherzige Blick eines Tigers zu schimmern».29

Als die Reconquista nach mehr als 700 Jahren die – auch in erotischer Hinsicht – relativ tolerante muslimisch-jüdisch-christliche Zivilisation von Al Andalus endgültig besiegt hatte, breitete sich, auf den Terror der Inquisition gestützt, im Land ein besonders bigotter Katholizismus aus, und bald begannen die kolonialistischen Raubzüge in Südamerika. Juan Goytisolos furiose Rückforderung des Conde don Julián (1970) ist, wie der mexikanische Autor Carlos Fuentes in einem Nachwort schreibt, ein «Aufschrei […] gegen den Triumph all dessen, was die Verheißung der Freiheit und Liebe und Freude in Spanien auslöschte».30 Dieses wie eine Fuge komponierte Sprachkunstwerk, in dem sämtliche Klischees, die ein sexuell verklemmtes Abendland ‹dem› muslimischen Mann mit seiner mächtigen ‹Schlange› angedichtet hat, bis zur Kenntlichkeit parodiert werden – es ist auch der «Krieg», von dem Goytisolo sagt, dass er ihn gegen sich selbst führen musste:31 ein erlesenes sadomasochistisches Ritual, das bis «zu den Wurzeln des bürgerlichen Tods» getrieben wird, der ihm «zu leben erlaubt hat».32 So hat er diesen Krieg gewonnen – vielleicht, gegen seine erklärte Absicht, sogar für ‹sein› Land. Denn zwar konnten der «Conde und seine islamischen Kohorten», so Fuentes, «nur in der Vorstellung und mit Worten wieder in Spanien einfallen, aber Worte und Vorstellungen können eine explosive Gewalt besitzen, wenn sie gegen eine sich nach außen abschließende Gesellschaft eingesetzt werden, die die Erfindung einer anderen Wirklichkeit verbietet».33

Der ‹Anti-Orientalist›

Die New York Times porträtierte Juan Goytisolo vor einigen Jahren ausführlich unter dem treffenden Titel The Anti-Orientalist.34 Den hat er sich zu Recht erworben. Denn plante er zunächst vielleicht bloß, in der Nachfolge Friedrich Nietzsches, eine ‹Umwertung› der orientalistischen ‹Erkenntnisse›, um die ‹Anderen› der ‹christlich-abendländischen Tradition›, die in Westeuropa nach den faschistischen Massenmorden so gern beschworen wurde35, eins zu eins entgegenzusetzen – so stieß er im Lauf der Arbeit an seinem Meisterwerk auf weit Subversiveres. Er wurde zum großen Wiederentdecker des vielfach geplünderten, dabei entstellten, totgeschwiegenen oder eingefriedeten Erbes von Al Andalus, das er in seinen folgenden experimentellen Romanen Johann ohne Land (1975), Engel und Paria (1980), Reise zum Vogel Simurgh (1988), Quarantäne (1991) und Das Manuskript von Sarajevo (1995) – alle in ausgezeichneten Übersetzungen im Suhrkamp Verlag erhältlich – den Geflüchteten dieser Welt, den Trans* und überhaupt allen, die eine «ikonenhafte Identität»36 unterlaufen, als Bezugspunkt erschließen will.

Goytisolo hat sich in den vergangenen Jahrzehnten unter anderem als Vorsitzender der UNESCO-Kommission zur Rettung des mündlichen Erbes der Menschheit und durch seinen Einsatz für die Rechte von Refugees in der EU als Humanist erwiesen. Er hat sich, angesichts des ‹globalisierten› Kapitalismus und der neuen imperialistischen Kriege, nach 1989 wieder verstärkt für marxistische Positionen interessiert – davon zeugt sein Roman Die Marx-Saga  (1993) – und mit Essaybänden wie Kibla – Reisen in die Welt des Islam (deutsch 2000) und Gläserne Grenzen. Einwände und Anstöße (deutsch 2004) sowie mit zahlreichen Artikeln für die größte spanische Tageszeitung El País versucht, zu einem tieferen Verständnis für die im ‹Westen› verleumdeten Muslim_innen beizutragen. Indes vertraue ich vor allem auf die politische Wirksamkeit seiner Literatur, die auf die tradierten Formen des Engagements verzichtet und stattdessen ganz auf «aus uralter Knechtschaft befreites Wort» setzt, wie es in der Rückforderung des Conde don Julián  heißt.37

Dort hat Goytisolo einen «Doppelraum von Bürger und Buch» aufgetan, wie ihn das Du im Roman Landschaften nach der Schlacht (1982), der im Pariser Sentier beginnt, schließlich auch im «turkoberlinischen Kreuzberg» entdeckt, wo es bummeln, sich verlaufen – oder eben selbst «labyrinthische Strecken erfinden» kann.38 So ist Literatur, wie Juan Goytisolo sie in der Häutung der Schlange gültig definiert, Widerstand gegen das, «was unsere Wahrnehmungsmöglichkeiten einschränkt oder betäubt, uns kulturell, ideologisch oder sexuell bedingt, uns der Gehirnwäsche unterzieht und unsere Sinne betäubt: der Gegendiskurs zum Diskurs».39

Zum herrschenden ‹Integrations›-Diskurs zum Beispiel.

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Zitatnachweise/Anmerkungen:

1 White (1996 [1994]): 355.
2 Goytisolo (1997 [1986]): 283.
3 White (1996 [1994]): 355.
4 Goytisolo (1997 [1986]): 265.
5 Ebd.: 75.
6 Ebd.: 253f.
7 Ebd.: 259.
8 Ebd.: 359.
9 Sacher-Masoch (2006 [1870]): 135.
10 Ebd.: 44.
11 Ebd.: 114.
12 Ebd.: 113.
13 Ebd.: 93.
14 Ebd.: 136.
15 Ich schließe mich der Deutung von Helmut Strutzmann (1985: 197) an, wonach es in Sacher-Masochs Roman vor allem um die Suche nach dem «zum Orgasmus und Liebesglück peitschenden Mann» geht. Gilles Deleuze (in: Sacher-Masoch (2006 [1870]): 216) interpretiert ihn dagegen konventioneller: Das «männliche […] Gesicht bezeichnet das Ende der masochistischen Phantasien und Praktiken: als der Grieche die Peitsche ergreift und Severin schlägt, löst sich der übersinnliche Reiz schnell».
16 Goytisolo (1997 [1986]): 259.
17 Klauda (2007).
18 Goytisolo (1997 [1986]): 75.
19 Vgl. Asholt (1986): 388.
20 Goytisolo (1997 [1986]): 357.
21 Nietzsche (2004 [1872]): 19.
22 Vgl. ebd.: 88.
23 Ebd.: 86.
24 Goytisolo (1986 [1970]): 118.
25 Goytisolo (1997 [1986]): 355.
26 Ebd.: 268.
27 Goytisolo (1997 [1986]): 137.
28 Ebd.: 147.
29 Goytisolo (1986 [1970]): 127.
30 In: 230.
31 Goytisolo (1997 [1986]): 356.
32 Ebd.: 357.
33 In: Goytisolo (1986 [1970]): 235.
34 Eberstadt (2006).
35 Ich danke Koray Yılmaz-Günay dafür, dass er mir seinen unveröffentlichten Text Antichrist = Muselmann? Zur Funktion des ‹Islam› im Werk Friedrich Nietzsches zur Verfügung gestellt und mich auch auf die sehr empfehlenswerten kritischen Arbeiten von Ian Anderson zum Thema hingewiesen hat.
36 Goytisolo (2004): 76.
37 Goytisolo (1986 [1970]): 118.
38 Goytisolo (1990 [1982]): 173.
39 Goytisolo (1997 [1986]): 134.
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Quellen:

Asholt, Wolfgang (1986): Juan Goytisolo: «Señas de identidad». In: Roloff, Volker/Wentzlaff-Eggebert, Harald (Hg.): Der spanische Roman vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Düsseldorf: Schwann-Bagel, S. 379-397.

Eberstadt, Fernanda (2006): The Anti-Orientalist. In: The New York Times Magazine, Ausgabe vom 16. April 2006. Online: http://www.nytimes.com/2006/04/16/magazine/16goytisolo.html?pagewanted=all&_r=0 (Zugriff: 16. Juli 2014).

Goytisolo, Juan (1986 [mexikan. EA 1970]): Rückforderung des Conde don Julián. Roman. Mit einem Nachwort von Carlos Fuentes. Frankfurt a. M.: Suhrkamp Taschenbuch.

Goytisolo, Juan (1990 [span. EA 1982]): Landschaften nach der Schlacht. Roman. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.

Goytisolo, Juan (1997 [span. EA 1986]): Die Häutung der Schlange. Ein Leben im Exil. Frankfurt a. M.: Fischer Taschenbuch.

Goytisolo, Juan (2004): Gläserne Grenzen. Einwände und Anstöße. Frankfurt a. M.: Suhrkamp Taschenbuch.

Klauda, Georg (2007): Sotadic Love – ein Orientalist sortiert die Welt. Online: http://fqueer.blogsport.de/?p=62 (Zugriff: 16. Juli 2014).

Nietzsche, Friedrich (2004 [EA 1872]): Die Geburt der Tragödie. Stuttgart: Reclam Universal Bibliothek.

Sacher-Masoch, Leopold von (2006 [EA 1870]): Venus im Pelz. Roman. Mit einer Studie von Gilles Deleuze über den Masochismus. Frankfurt a. M.: Insel Taschenbuch.

Strutzmann, Helmut (1985): Nachwort. In: Leopold von Sacher-Masoch: Venus im Pelz und andere Erzählungen, hg. v. Helmut Strutzmann. Wien: Christian Brandstätter, S. 179-206.

White, Edmund (1996 [US-amerik. EA 1994]): Die brennende Bibliothek. Essays. München: Kindler.

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Hinweis: Dies ist die überarbeitete und erweiterte Fassung eines Beitrags, der zuerst unter dem Titel Ein schwuler ‹Anti-Orientalist›. Der spanische Autor Juan Goytisolo wird 80 in der Zeitschrift Rosige Zeiten, Ausgabe 131 (Januar/Februar 2011), S. 29-31, erschienen ist.

Fucking Germany

Salih Alexander Wolter:
«Sein ganzer Traum von Männlichkeit». Cem Yıldız sagt, wo es langgeht

Cem Yıldız ist in Berlin-Schöneberg zu Hause, wo Trends für den schwulen Mainstream der Bundesrepublik gesetzt werden – nur beruflich war er lange Zeit «vom Outfit her eher Neukölln». Heute ist er 31 und absolviert eine Ausbildung zum Heilpraktiker. Er bekundet, selbst nie ein Problem damit gehabt zu haben, auch auf Männer zu stehen, und sagt, er raste aus, wenn er mitbekomme, dass «Homos zusammengeschlagen, bedroht und blöd angemacht» werden. Wenn es ungewollt geschieht, wäre hinzuzufügen. Denn mit seinem Bericht Fucking Germany. Das letzte Tabu oder Mein Leben als Escort bietet er eine gänzlich andere als die in den Medien gepflegte Perspektive auf das Thema ‹Schwule als Opfer› bzw. ‹hypermaskuline Jugendliche nichtdeutscher Herkunft› als Täter.1 Doch Yıldız kann auf zuverlässiges empirisches Material zurückgreifen: Über ein Jahrzehnt gab er – der «kein Akademikerkind» ist, aber «auch nicht aus einer Problemfamilie» stammt – auf Bestellung «den ‹authentischen› knallharten Türkenmacker von der Straße», in Berlin und auf Kurztrips auch andernorts im Land. Bezahlt wurde er dafür vor allem von homosexuellen Männern, und besonders gern buchten die ihn für die «Ghetto-Nummer» – inszenierte Überfälle mit anschließender brutaler Vergewaltigung. Seine Erfahrung: «Je krasser die Filme und Klischees, die sie im Kopf haben, desto höher die Nachfrage nach dem wilden, gewalttätigen Ali.»

Vom angesagten Porno zur politischen Kampagne kann es in Schöneberg ein kurzer Weg sein. So beginnt der LSVD Berlin jetzt, mit zusätzlichem Geld vom Staat einen ‹Regenbogenschutzkreis› um den Homokiez zu ziehen. («Am Ende geht es eben bei diesem Geschäft – wie bei allen anderen Geschäften auch – um Geld», heißt es bei Cem Yıldız über das seine, das ein reelles ist.) Bald werden wohl bunte Aufkleber an den Guckloch-Türen ‹unserer› bevorzugten Cruisingbars darauf hinweisen, dass hier verfolgte Schwule Zuflucht finden – und damit eindrucksvoll von der gefühlten Gefahr zeugen. Doch wo inzwischen sogar die bekannt merkwürdigen statistischen Erhebungen des ortsansässigen ‹Anti-Gewalt-Projekts› Maneo nicht mehr hergeben als die interessierte Vermutung, es könnte aber zumindest die ‹Dunkelziffer› einschlägiger Vorfälle im Viertel gestiegen sein – da belegt Yıldız’ Buch, dass sich andererseits aus den «Angst- und Bedrohungsszenarien […], die gerade durch die Köpfe der Menschen geistern», durchaus ganz konkrete Situationen machen lassen.

Bleibt die Frage, wer dabei wirklich oben liegt. Jennifer Petzen stellte sie im Titel ihrer wegweisenden Studie über «türkische und deutsche Maskulinitäten in der schwulen Szene».2 Cem Yıldız fand die Antwort früh in seinem Job als «türkischer Stecher»: Nach einer «Zwei-Stunden-Session mit einem Ober-Maso» hatte er sich «noch den Schwanz im Bad gewaschen und wollte gehen. Doch irgendwas ließ mich stutzen, vielleicht war es das aufmüpfige Grinsen des Typs, der eben noch unter mir gelegen hatte. ‹Ey, Alter›, sagte ich dann zu ihm, ‹ich mache ja hier eigentlich die ganze Zeit nur, was du willst.›»

Und genau das tat er, der bis heute nebenher gelegentlich als DJ in Technoclubs auflegt, nach seiner abgebrochenen Konditorlehre jahrelang – mit Hilfe von reichlich Kokain, später auch Viagra, und innerhalb bestimmter Grenzen, um sich zu schützen. Denn Kunden wie dem Psychiater, der begehrt, «langsam, aber strukturiert vernichtet» zu werden, ist es egal, was aus Yıldız würde, sollte er darauf mit letzter Konsequenz eingehen. Aber befristet gewährte er die ersehnte Erlösung vom Ich. Der «selbstbewusste Homo, der in einer Agentur oder so was arbeitet, ‹kreativ› ist», mag sie in der Tiefgarage gefunden haben, wo er sich gegen Bares demütigen, verprügeln und vor laufender Überwachungskamera nehmen ließ – von «einem aggressiven Heterotypen, also einem ‹richtigen Mann›, der ihn genauso behandelt, wie er sich fühlt, wie ein Stück Dreck». Von einem ‹Türken›, meint das in solcher Vorstellung. Wird doch die «rohe Natur» des «Südländers», dem man vorwirft, nicht integriert zu sein, zugleich – wie Petzen schrieb – «in der mehrheitsdeutschen Schwulen-Community als sexuell unwiderstehlich fetischisiert». Aber wenn er «den weißen Mann auf Verlangen dominiert», dient seine «Macht» nur dazu, dessen «koloniales Begehren zu befriedigen». Cem Yıldız weiß das: «Ich bin für sie nur eine Phantasie, die so drängend ist, dass sie unbedingt wahr werden muss. [… ]So dringend, dass sie bereit sind, hundert Euro dafür zu bezahlen.»

Yıldız’ Buch ist mehr als ein «kleiner Beitrag zur Wahrheit». Es wirft aus einem Winkel, der weithin tabuisiert wird, helles Licht auf etwas, was auch in der Homoszene grundfalsch läuft und dort nur noch notdürftig mit der Regenbogenfahne drapiert und durch triefende Selbstgerechtigkeit kaschiert wird. Doch schon Marcel Proust (gestorben 1922) fand ja, als er im letzten Band der Suche nach der verlorenen Zeit dem geheimen Leben seiner schwulen Hauptfigur nachging, offenbar weniger die sexuellen Exzesse im Pariser Männerbordell verwerflich als vielmehr das unerträglich, was sich ihm gerade dort von unserer gesellschaftlichen Normalität enthüllte. Sicher besteht heute mehr ‹Reisefreiheit›, was die erotische ‹Grenzüberschreitung› anbelangt – und ‹frei› ist schließlich auch der 24jährige rumänische Papa, der sich als Stricher in Berliner Parks für zwanzig Euro einen blasen lässt, damit seine beiden kleinen Töchter daheim an der ungarischen Grenze etwas Warmes auf den Tisch bekommen. Aber wenn «es keine Verklemmungen mehr gäbe und statt der Lüge und der Angst nur noch Offenheit, Vertrauen und Mut herrschten, dann müsste niemand mehr für etwas so Menschliches wie Sex bezahlen».

Bei Proust beschwor Monsieur de Charlus erst, während seine Augen wie gebannt einem auf der Straße vorbeigehenden «Senegalesen» folgten, der indes «nicht zu bemerken geruhte, wie sehr er bewundert wurde», noch einmal den imaginierten Orient des französischen Klassizismus.3 Wenn er dann, ein paar Seiten weiter, in dem Etablissement darauf «bestand, dass man ihm um Hände und Füße Eisenringe von erprobter Festigkeit legte», und er nach ausgesucht «grausamen Instrumenten verlangte […], so lag auf dem Grund von dem allem […] sein ganzer Traum von Männlichkeit». Dagegen taten die jungen Arbeiter und Soldaten, die dort anschafften, mit ihm «sozusagen in aller Unschuld und für einen mittelmäßigen Lohn Dinge […], die ihnen kein Vergnügen bereiteten». Doch sie «machten sich seit langem nicht mehr klar, was an dem Leben, das sie führten, moralisch oder unmoralisch sein mochte, weil es gleichzeitig das der Menschen ihrer Umgebung war». So lenkt Proust den Blick von den Projektionen einer lüsternen und gewalttätigen Fremde auf die triste Wirklichkeit der Gesellschaft, die sie hervorbringt. Er schließt mit der Überlegung, es könnte jemandem, der in ferner Zukunft «ihre Geschichte liest, so vorkommen, als tauche sie manche zarte und reine Gewissen in einen Lebensraum, der ungeheuerlich und verderblich erscheinen mag, in dem jene sich aber zurechtfanden».

Cem Yıldız fand sich zurecht. Es scheint, dass er auch jenseits des Rollenspiels, das er verkaufte, einer ist, der weiß, wo es langgeht.

Rosige Zeiten, Ausgabe 128 (Juni/Juli 2010)

[Der Artikel erschien vorab im Mai 2010 – leider unter einem entstellten Titel – auf www.schwule-literatur.de, ist auch auf www.schwule-seite.de veröffentlicht und wurde erneut abgedruckt in dem Band Karriere eines konstruierten Gegensatzes: zehn Jahre «Muslime versus Schwule». Sexualpolitiken seit dem 11. September 2001, hg. von Koray Yılmaz-Günay, Berlin 2011 [Neuausgabe: Münster 2014]. → Dazu Marty Huber in Kulturrisse – Zeitschrift für radikaldemokratische Kulturpolitik, hg. von der IG Kultur Österreich, Heft 1/2012 (April): «In diese Machtverhältnisse eingestrickt sind immer auch Begehrensfragen, die besonders im Kommentar Sein ganzer Traum von Männlichkeit. Cem Yıldız sagt, wo es langgeht von Salih Alexander Wolter zutage treten. Wolter bespricht darin das Buch Fucking Germany von Cem Yıldız, der seine Erfahrungen als türkischer Sexarbeiter in Berlin niedergeschrieben hat – Exotisierung, Orientalismus und Rassismus gehen dabei Hand in Hand.» (Direktlink zur Rezension hier.)]

  1. Cem Yıldız: Fucking Germany. Das letzte Tabu oder Mein Leben als Escort, Frankfurt a. M. 2009: Westend Verlag. Taschenbuchausgabe München 2011: Serie Piper. [zurück]
  2. Jennifer Petzen: Wer liegt oben? Türkische und deutsche Maskulinitäten in der schwulen Szene, zuerst im Sammelband Insider – Outsider. Bilder, ethnisierte Räume und Partizipation im Migrationsprozess, hg. vom Forscher_innen-Netzwerk IFADE, transcript Verlag, Bielefeld 2005. Erneut gedruckt in Karriere eines konstruierten Gegensatzes: zehn Jahre «Muslime versus Schwule». Sexualpolitiken seit dem 11. September 2001, hg. von Koray Yılmaz-Günay, Berlin 2011 [Neuausgabe: Münster 2014]. [zurück]
  3. Die Proust-Zitate entstammen der Frankfurter Ausgabe, Werke II. Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Band 7: Die wiedergefundene Zeit, Suhrkamp Taschenbuch, Frankfurt a.M. 2004. [zurück]