Reader «Bildung mit links!» als freier Download

Hawel_Kalmring_Bildungs_mit_links• Marcus Hawel & Stefan Kalmring, Hg.: Bildung mit links! Gesellschaftskritik und emanzipatorische Lernprozesse im flexibilisierten Kapitalismus. Eine Veröffentlichung der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Hamburg 2014: VSA Verlag, 206 Seiten, broschiert, 16,80 €, ISBN 978-3-89965-597-1.

«Bildet euch, denn wir brauchen all eure Klugheit. Bewegt euch, denn wir brauchen eure ganze Begeisterung. Organisiert euch, denn wir brauchen eure ganze Kraft.» (Antonio Gramsci) Der Reader ist dem Politikwissenschaftler Dieter Schlönvoigt gewidmet, der die Rosa-Luxemburg-Stiftung entscheidend prägte. Geboten werden 14 Originalbeiträge, darunter der Text Intersektionalität in der Bildungsarbeit von Claudia de Coster, Salih [Alexander] Wolter und Koray Yılmaz-Günay. (S. 118-135). Heinz-Jürgen Voß – der den Band bei socialnet ausführlich rezensierte (externer Link) – schreibt über diesen Beitrag:

Neben einem knackigen Überblick über die – praktisch orientierte – Geschichte und Theorie, die hinter dem Begriff «Intersektionalität» stehen, erläutern sie die Notwendigkeit von intersektionalen Ansätzen für die Bildungsarbeit. Sie zeigen, dass Intersektionalität einem Denken in klaren und vermeintlich voneinander trennbaren Identitäten entgegenwirkt und beschreiben die «(Selbst-)Homogenisierung der Frauen- oder Schwulenbewegung» sowie den «Fokus vieler Gewerkschaften auf den weißen, eindeutig männlichen, heterosexuellen, nicht ‹behinderten› Facharbeiter» als Problem. Sie plädieren gegen einfache Konzepte von «Vielfalt» und «Diversity» in der Bildungsarbeit, die sich nicht den konkreten gesellschaftlichen Grundbedingungen zuwendeten. Vielmehr müsse reflektiert werden, «dass Bildung […] einer der wichtigsten Orte ist, an denen gesellschaftliche Ungleichheit produziert und reproduziert wird». Man dürfe damit «weder bei einem unkritischen Subjekt-Begriff noch bei einem unhinterfragten Begriff der Verschiedenheit stehenbleiben». Emanzipatorische Bildungsarbeit könne Anregungen aus Inklusions-Konzepten aufnehmen und müsse im Sinne eines «(Self-)Empowerment» und einer «(Selbst-)Organisierung» stattfinden. Eine solche Bildungsarbeit stehe aber auch vor Dilemmata: So benötigt der «Streit gegen eine Stigmatisierung […] die Bestätigung, dass es eine abgrenzbare Gruppe gebe, die ‹anders› ist.» Bildungsarbeit müsse damit gleichzeitig den Inhalt «der soziale[n] Konstruiertheit von Identitäten» und «die Notwendigkeit einer strategischen Identitätspolitik» aufnehmen, um erfolgreich zu sein. Es ergibt sich auch die Schwierigkeit, dass emanzipatorische Bildungsarbeit als «geschützter Rahmen und Raum» konzipiert sein sollte, aber in einer «gesellschaftlichen Umwelt statt[findet], die keine Schutzräume vorsieht».

Neben der Printversion gibt es das gesamte Buch auch zum freien Download hier (PDF-Volltext, externer Link). Für diese Veröffentlichung gelten die Bedingungen einer Creative Commons License: Creative Commons Attribution-Non-Commercial-NoDerivs 3.0 Germany License. Nach dieser Lizenz dürft ihr / dürfen Sie die Texte für nichtkommerzielle Zwecke vervielfältigen, verbreiten und öffentlich zugänglich machen unter der Bedingung, dass die Namen der Autor_innen und der Buchtitel inkl. Verlag genannt werden, der Inhalt nicht bearbeitet, abgewandelt oder in anderer Weise verändert wird und ihr/Sie ihn unter vollständigem Abdruck dieses Lizenzhinweises weitergebt/weitergeben. Alle anderen Nutzungsformen, die nicht durch diese Creative Commons Lizenz oder das Urheberrecht gestattet sind, bleiben vorbehalten.

Heinz-Jürgen Voß & Salih Alexander Wolter: «Nicht ohne Marx – und über ihn hinaus»

MALMOE LogoDie österreichische Zeitschrift Malmoe veröffentlichte in ihrer Ausgabe 66, erschienen Anfang März 2014, eine Reihe von kurzen Statements zum Thema «Welche Bedeutung hat Klasse heute?» (externer Link). Die sehr unterschiedlich ausgefallenen Antworten der angefragten Autor_innen sind nun online nachzulesen, darunter auch diese von Heinz-Jürgen Voß und Salih Alexander Wolter:

Nicht ohne Marx – und über ihn hinaus

Die «Klasse» – einst der Kernbegriff revolutionärer Theorie und Politik – wird in linken Ansätzen, die aktuell im deutschen Sprachraum diskutiert werden, oft nur noch mitgeschleppt. In der kulturwissenschaftlichen Wende der 1970er/1980er Jahre wurde Klasse schon beinahe für tot erklärt. Dass sie sich dennoch ins intersektionale Paradigma hinüberretten konnte, verdankt sie – kleine Ironie der Geschichte – der Borniertheit hiesiger Universitäten. Die lernten das neue Konzept nämlich lieber aus den Büchern nordamerikanischer Professorinnen, als es sich von den marginalisierten Frauen – oft Migrantinnen aus der Arbeiterklasse – erklären zu lassen, die es in ihren Kämpfen hierzulande zeitgleich entwickelt hatten. Nun haben es die deutschen und österreichischen Akademien also auch mit der Triade von Gender, Race, and Class zu tun, wissen aber mit der dritten dieser «Hauptkategorien sozialer Ungleichheit» nicht viel anzufangen, weil sie – anders als die Vordenkerinnen aus den USA – vor marxistischen Analysen zurückschrecken.

Offenbar aus dem gleichen Grund droht eine Linke, die sich auf die «Überwindung von Diskriminierung» beschränken will, deren Grundlagen aus den Augen zu verlieren. Denn die große Leistung des intersektionalen Ansatzes besteht gerade darin, scheinbar vorgegebene und unabänderliche Identitäten auf ineinandergreifende gesellschaftliche (Herrschafts-) Verhältnisse zurückzuführen. So werden Geschlecht und «Rasse» heute als ebenso wenig «natürlich» erkannt, wie es für die Klasse schon längst galt. Diese ergibt sich aus dem Kapitalverhältnis, das «Kapitalisten auf der einen Seite, Lohnarbeiter auf der andren» (MEW 23: 641) einander gegenüberstellt. Sicher genügt diese Formel nicht, eine komplexe Gegenwart zu fassen, in der z. B. einerseits auch millionenschwere Bankvorstände letztlich nur Angestellte sind, andererseits selbst prekarisierte Bewohner_innen der Metropolen noch von der Überausbeutung von vor allem Frauen im Globalen Süden profitieren. Aber falsch und gefährlich ist es, wenn neuerdings unter dem Stichwort «Anti-Klassismus» die Klasse mitunter quasi «re-naturalisiert» wird.

Stattdessen gilt es, den Begriff sowohl analytisch zu füllen, als auch mit der lebensweltlichen Erfahrung rückzukoppeln. Es gilt, das Zusammenspiel von Rassismus, Sexismus und Kapitalismus zu verstehen, mit dem Europa die Welt kolonisiert hat (Immanuel Wallerstein / Étienne Balibar), und zu erkennen, dass es heute eine hierarchische und ihrerseits globalisierte Strukturierung der Preise der Arbeitskraft gibt (Samir Amin, Gayatri Chakravorty Spivak). Und es gilt zu durchschauen, wie in unseren Gesellschaften «Diversity» funktioniert, indem unterschiedliche Bedürfnisse gegeneinander ausgespielt und soziale Unterschiede kulturalisiert werden. Wenn es ums Ganze gehen soll, braucht es einen erneuerten Klassenbegriff. Der wird ohne Marx nicht zu haben sein und zugleich über ihn hinausgehen müssen – rassismuskritisch, antisexistisch, verqueert.

«Zwischen Bewegung und Wissenschaft». Glückwunsch, Professor Heinz-Jürgen Voß!

Heinz-Jürgen Voß (links) Ende Mai 2014 im Eisenherz Buchladen, Berlin-Schöneberg, mit (auf dem Sofa v. l. n. r.) Rüdiger Lautmann, Florian Mildenberger, Manfred Herzer, Marita Keilson-Lauritz und Wolfgang von Wangenheim. ©Eisenherz Buchladen, Motzstraße 23, 10777 Berlin
Heinz-Jürgen Voß (links) Ende Mai 2014 im Eisenherz Buchladen, Berlin-Schöneberg, mit (auf dem Sofa v. l. n. r.) Rüdiger Lautmann, Florian Mildenberger, Manfred Herzer, Marita Keilson-Lauritz und Wolfgang von Wangenheim. ©Eisenherz Buchladen, Motzstraße 23, 10777 Berlin

Heinz-Jürgen Voß gehört seit gut zwölf Jahren zu meinen engsten Freund_innen. Gerade mal 34 Jahre alt, kann der diplomierte Biologe und promovierte Sozialwissenschaftler bereits eine ganze Reihe viel diskutierter Fachbücher vorweisen: von Making Sex Revisited (2010) über Geschlecht – Wider die Natürlichkeit (2011) bis zu Intersexualität – Intersex: Eine Intervention (2012) und Biologie und Homosexualität (2013). Dazu zahlreiche Veröffentlichungen in Zeitschriften und Sammelbänden – erst vor wenigen Tagen erschien der von seinem Doktorvater Rüdiger Lautmann herausgegebene Reader Capricen. Momente schwuler Geschichte mit Heinzis Beitrag über Magnus Hirschfeld (externer Link zum Verlag). Der Titel dieses Aufsatzes – «Zwischen Bewegung und Wissenschaft» – könnte auch über seiner eigenen Arbeit stehen, wovon zum Beispiel unser aktuelles gemeinsames Buch Queer und (Anti-) Kapitalismus zeugt. Jetzt gibt es etwas zu feiern: Dr. Heinz-Jürgen Voß wurde von der Hochschule Merseburg zum Mai 2014 auf die Professur «Sexualwissenschaft und sexuelle Bildung» berufen. Ganz herzlichen Glückwunsch!

Salih Alexander Wolter

Heinz-Jürgen Voß & Salih Alexander Wolter: Queer und (Anti-) Kapitalismus

Aktualisiert am 10. Juni 2015

Heinz-Jürgen Voß & Salih Alexander Wolter: Queer und (Anti-) Kapitalismus  • Heinz-Jürgen Voß & Salih Alexander Wolter: Queer und (Anti-) Kapitalismus, Stuttgart 2013 (2., durchgesehene Auflage 2015): Schmetterling Verlag, 160 Seiten, broschiert, 12,80 €, ISBN 3-89657-081-1. Zur Verlagsseite für diesen Titel geht es hier (dort sind auch das Inhaltsverzeichnis, die ersten Seiten des Buches und der Anfang des Abschnitts «Stonewall revisited» zu finden). Rezensionen und Hinweise zur wissenschaftlichen Rezeption finden sich hier. Und so lautet der Klappentext:

Die ‹Erfolgsgeschichte› der bürgerlichen Homo-Emanzipation in den westlichen Industriestaaten während der letzten Jahrzehnte fällt mit der neoliberalen Transformation der Weltwirtschaft zusammen. Während vor allem weiße schwule Männer Freiheitsgewinne verbuchen, kommt es zu einem entsolidarisierenden Umbau der Gesellschaft, verbunden mit zunehmend rassistischen Politiken im Innern; zugleich dient der ‹Einsatz für Frauen- und Homorechte› als Begründung für militärische Interventionen im globalen Süden. Dabei waren es schon 1969 in der New Yorker Christopher Street «[S]chwarze und Drag Queens/Transgender of colour aus der Arbeiterklasse», die den Widerstand gegen heteronormative Ausgrenzung und Gewalt trugen und «sich in Abgrenzung zu weißen Mittelklasse-Schwulen und [-]Lesben ‹queer› nannten, lange bevor deren akademische Nachfahren sich diese Identität aneigneten» (Jin Haritaworn). Doch auch hierzulande sind es die queer People of Color, die aktivistisch wie theoretisch gesamtgesellschaftliche Perspektiven jenseits des gängigen Homonationalismus entwickeln. 
Im Band betrachten wir die aktuell viel diskutierten Ansätze einer ‹queer-feministischen Ökonomiekritik› vor dem Hintergrund queerer Bewegungsgeschichte. Wir zeigen mögliche Verbindungen zum ‹westlichen Marxismus› Antonio Gramscis, zum postkolonialen Feminismus Gayatri Chakravorty Spivaks, zu den ‹Eine-Welt›-Konzepten von Immanuel Wallerstein und Samir Amin auf. Wegweisend ist für uns ein intersektionales Verständnis, wie es Schwarze Frauen und queere Migrant_innen in der Bundesrepublik bereits seit den 1980er Jahren erarbeitet haben. Uns interessiert in diesem Band, wie Geschlecht und Sexualität – stets verwoben mit Rassismus – im Kapitalismus bedeutsam sind, sogar dort erst aufkommen oder funktional werden. Theoretisch, historisch und immer mit Blick auf Praxis untersuchen wir die Veränderungen der Geschlechter- und sexuellen Verhältnisse der Menschen unter zeitlich konkreten kapitalistischen Bedingungen. Wem nützen die geschlechtlichen und sexuellen Zurichtungen der Menschen im Kapitalismus, und was lässt sich aus den historischen und aktuellen Kämpfen für queere Kapitalismuskritik lernen?

Einen einführenden Vortrag zum Thema «Queer und Kapitalismuskritik», den Heinz-Jürgen Voß im Juni 2013 beim e*camp – gegen Kapitalismus und sein Geschlechterverhältnis hielt, gibt es hier zu hören (extern: Infotext mit Links zu den mp3-Dateien).

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«What the fuckʾs wrong with yʾall?», schreit Sylvia Rivera 1973 bei der New Yorker Großveranstaltung zur Erinnerung an die Rebellion in der Christopher Street vier Jahre zuvor ihre Wut und Enttäuschung heraus. Die Stonewall-Veteranin of Color war auf ihrem Weg zur Bühne von weißen Schwulen geschlagen worden, und weiße Lesben hatten sie auf Flugblättern als ‹Frauendarsteller› zur unerwünschten Person erklärt. Was unter dem von der Schwarzen Befreiungsbewegung geborgten und abgewandelten Slogan Gay Power begonnen hatte, war zur Interessenvertretung eines sich etablierenden weißen Homo- ‹Mittelstands› geworden. Ein kurzer Mitschnitt von Riveras denkwürdigem Auftritt:

Y’all better quiet down! from Reina July on Vimeo (externer Link).

Queer Theory & Marxismus? (Eingriffe in theoretische Auseinandersetzungen 2009-2011)

HP_UmschlagRoZ_128Salih Alexander Wolter: Verqueerte Verhältnisse (Direktlink zum Text), gedruckt veröffentlicht in Rosige Zeiten, Ausgabe Dezember 2009/Januar 2010, im Internet auch unter www.schwule-seite.de.

Salih Alexander Wolter: Queerfeministische Ökonomiekritik? Eine Randnotiz zum Ende des Kapitalismus (Direktlink zum Text), mehrfach veröffentlicht, gedruckt in Red & Queer 16, erschienen im Mai 2010 (PDF), und in Rosige Zeiten, Ausgabe Juni/Juli 2010, leicht zugänglich auch unter www.arranca.org im Anhang zu dem Artikel von Kathrin Ganz & Do. Gerbig, auf den sich die Polemik bezieht, und unter www.schwule-seite.de.

Salih Alexander Wolter: Weder Gott noch Gen. Heinz-Jürgen Voß᾽ «Geschlecht – Wider die Natürlichkeit» (Direktlink zum Text), veröffentlicht in Red & Queer 19, erschienen im Januar 2011 (PDF), und in uz – Sozialistische Wochenzeitung, Ausgabe vom 18. Februar 2011.

Heinz-Jürgen Voßʾ «Geschlecht – Wider die Natürlichkeit»

Aktualisiert am 3. September 2013: Das Buch erscheint jetzt in der 3., unveränderten Auflage. Herzlichen Glückwunsch! S. W.

Salih Alexander Wolter:
Weder Gott noch Gen. Heinz-Jürgen Voßʾ Geschlecht – Wider die Natürlichkeit

Vorweg: Unvoreingenommen kann ich dieses Buch1 nicht besprechen. Ich bin mit seinem Autor (Foto links) seit langem eng befreundet, habe ihn darin bestärkt, es zu schreiben, und selbst gern das Lektorat übernommen – honorarfrei, versteht sich. Denn ich hoffe, dass es zu einer fruchtbaren Diskussion über das Verhältnis von Queer Theory und Marxismus beitragen wird. Mögliche Anschlüsse bietet eine Einsicht, die Robert Steigerwald bereits 1987 im «Blauen Heft» formulierte, das auf www.dkp-queer.de verfügbar ist: «Im Menschen wirkt kein Dualismus von biologisch angeborenen Verhaltensweisen einerseits und gesellschaftlichen andererseits, sondern Gesellschaftlichkeit wurde zu unserer Natur und bestimmt sämtliche unserer Verhaltensweisen.»

Heinz-Jürgen Voß, eben 31 geworden, gebürtiger Thüringer, aufgewachsen in Sachsen und in der queer-politischen Szene seit Jahren als quirliger linker Aktivist bundesweit bekannt, ist Diplom-Biologe und promovierte im vorletzten Dezember summa cum laude bei dem Sexualwissenschaftler Rüdiger Lautmann in Bremen. Diese Dissertation – unter dem Titel Making Sex Revisited. Dekonstruktion des Geschlechts aus biologisch-medizinischer Perspektive vor Jahresfrist veröffentlicht – wird seither ungewöhnlich breit und kontrovers rezipiert und geht demnächst in die dritte Auflage. Geschlecht – Wider die Natürlichkeit stellt einerseits eine auch für Nicht-Fachleute gut verständliche Zusammenfassung der Studie dar und nimmt andererseits die laufende Debatte auf, in der sich Voß gegen die verbreitete Tendenz stellt, «subversives» queeres Denken mit der kapitalistischen Ordnung zu versöhnen. Dabei ist seine inzwischen deutlich marxistische Positionierung seinem wissenschaftlichen Anspruch geschuldet: Statt sich mit den gängigen «Eindeutschungen angloamerikanischer Herrschaftskritiken, die zu praxisfreien Denkmodellen umgemodelt wurden», zu begnügen, zeigt er – wie ein Fach-Rezensent des Erstlings lobte – «klar und deutlich, wie Wege der Erkenntnis in Zukunft zu beschreiten sind: nicht vereinfachend, sondern komplex, multikausale Ursachen erwägen, materielle Aspekte nicht vergessen, stets die Frage ‹Cui bono?›».

Entsprechend erkundet Voß – der dazu ohne Scheu auf die «abgewickelte» DDR-Sozialforschung zurückgreift, wo der heute akzeptierte akademische Kanon Leerstellen aufweist – immer auch die ökonomischen Bedingungen, die das Geschlechtsleben ebenso mitbestimmen, wie sie das wechselnde Interesse beeinflussen, mit dem es betrachtet wird. So hat 1990 Judith Butlers Gender Trouble (deutsch Das Unbehagen der Geschlechter), ein Grundwerk der Queer Theory, die bis dahin gesichert geglaubte Erkenntnis, dass es eben Männer und Frauen gebe, nachhaltig erschüttert. Was unter aufgeklärten Menschen für das «gesellschaftliche Geschlecht» (englisch gender) – also die «Geschlechterrollen» – spätestens seit Simone de Beauvoir galt: dass es sich dabei nämlich um bloße Zuweisungen handelt, die zur Disposition gestellt werden können, behauptete Butler nun auch für den «vermeintlichen festen, ‹natürlichen› – vorgegebenen und unabänderlichen – Kern», das «biologische Geschlecht» (englisch sex). Ebenfalls 1990 erschien Making Sex von Thomas Laqueur, der zu zeigen suchte, dass es im Zeitalter der Aufklärung zum Bruch zwischen einem seit der Antike tradierten «Ein-Geschlechter-Modell» und der heute üblichen binären, das heißt auf Zweigeschlechtlichkeit fixierten, Sicht gekommen sei. Seither werden allenthalben postmoderne Diskurstheorien gegen die zeitgenössische Naturwissenschaft ausgespielt, die einer emanzipatorischen gesellschaftlichen Entwicklung angeblich entgegensteht. Dagegen belegt Voß durch ebenso sorgfältige wie umfangreiche Quellenarbeit, dass Laqueurs These historisch unhaltbar ist, und diskutiert zugleich den aktuellen Forschungsstand aus Systembiologie und Epigenetik, nach dem sowohl eine Vielzahl von Geschlechtern denkbar ist als auch – dass es «Geschlecht» letztlich gar nicht gibt. Die damit eröffnete Möglichkeit, «eine gesellschaftliche Utopie von Geschlecht zu entwickeln», verführt Voß aber nicht dazu, im bei bürgerlichen Jung-Intellektuellen so beliebten «Gender-Diskurs» einen Ersatz für den notwendigen Kampf um eine gerechte Gesellschaftsordnung zu sehen – weiß er doch, dass der gemachte Geschlechtsunterschied, etwa bei der hierzulande besonders krass ungleichen Entlohnung von Männern und Frauen, nur allzu real ist.

Die so plausibel erscheinende Vorannahme einer Geschlechter-Dichotomie – oder neuerdings auch wieder von «rassischen» Besonderheiten – verstärkt wiederum eine populärwissenschaftliche Interpretation genetischer Erkenntnisse, die der Biologie eine ähnliche Macht über das Schicksal des Menschen andichtet, wie sie in früheren Zeiten der göttliche Schöpfungsplan haben sollte: So reproduzieren sich in der Ideologie der Natürlichkeit die bestehenden Verhältnisse. Theorien, die sich angesichts dessen von der Naturwissenschaft abwenden und von einem auf wirkliche Veränderungen zielenden Engagement ablenken, unterstützen diese Entwicklung noch. Dagegen verweist Voß auf Marx, der uns lehrt, «zu verstehen, dass der Mensch stets ein gesellschaftliches Wesen ist – und warum uns das Verständnis für diese Gesellschaftlichkeit so schnell entgleitet».

Red & Queer 19, erschienen im Januar 2011
uz – Sozialistische Wochenzeitung, Ausgabe vom 18. Februar 2011

[PDF der Red & Queer 19 hier. Im online-Archiv der uz findet sich der Artikel hier.]

  1. Heinz-Jürgen Voß: Geschlecht – Wider die Natürlichkeit, Stuttgart 2011 (3. Auflage 2013): Schmetterling Verlag/Reihe theorie.org (s. auch hier). [zurück]

Queerfeministische Ökonomiekritik? Eine Randnotiz zum Ende des Kapitalismus

Salih Alexander Wolter:
Queerfeministische Ökonomiekritik? Eine Randnotiz zum Ende des Kapitalismus

Ein kleines Aufmerken verdient es doch, dass sie den Kapitalismus jetzt auch endlich – nein, nicht weggehauen, sondern dekonstruiert haben. Kathrin Ganz und Do. Gerbig nämlich, die so was natürlich am PC erledigen. Was sie in der arranca! 41 unter dem üppigen Titel Diverser leben, arbeiten und Widerstand leisten: Queerende Perspektiven auf ökonomische Praxen der Transformation veröffentlicht haben, nennen sie einen Beitrag zur «queerfeministischen Ökonomiekritik». Aber in dem Aufsatz wird bloß Diversity-Lyrik, wie sie artiger nicht einmal deutsche Großbanken vorzutragen verstehen, mit dem «subversiven» Gedankengut der Saison gestreckt – und unversehens hat der Kapitalismus fertig.

Dabei machen Ganz und Gerbig in der Einleitung noch in verbaler Street-Credibility : «Alles beginnt für uns damit, die Norm des Kapitalismus […] anzugreifen.» Klingt das nicht nach «Systemfrage stellen»? So lautete bündig die Überschrift einer Vorschau auf die zahlreichen Veranstaltungen, bei denen in diesem Jahr zum 8. März und noch Wochen danach überall in Deutschland junge Linke «Forderungen der ‹traditionellen› antikapitalistischen Frauenbewegung» aufnehmen und erweitern wollten. Denn in den Horizont einer umfassenden Gesellschaftskritik gehören längst auch intersektionale Ansätze, wie sie hierzulande vor allem von Schwarzen Lesben und migrantischen Queer- Aktivist_innen aus ihren spezifischen Erfahrungen von Mehrfachdiskriminierung heraus erarbeitet werden. Entsprechend wandten sich die linken Frauen gegen «einen Feminismus, ‹der sich nicht mit der Verschränkung verschiedener Herrschaftsstrukturen wie Rassismus, Kapitalismus und Geschlechterverhältnissen auseinandersetzt und sich nur um die Belange einer weißen Mittelschicht bemüht›». Sie lehnten also ausdrücklich einen Mainstream ab, «der individualistisch oder sogar an traditionellen Vorstellungen orientiert sei», und bezogen sich dazu teilweise gleichfalls auf queerfeministische Ökonomiekritik (Zitate aus junge welt vom 5. März 2010). Doch was Kathrin Ganz und Do. Gerbig unter diesem Stichwort abliefern, erscheint wie das Gegenprogramm, mit dem ein komplizierter gewordenes Leben gleichsam wieder zum Ponyhof verklärt wird. Die «Intersektionalitätsdebatte» dient ihnen dabei lediglich als Vorwand, das Kapitalverhältnis nicht länger so wichtig nehmen zu müssen – und genau deshalb können sie auch nicht an emanzipatorische Traditionen anknüpfen oder diese gar fortentwickeln. Clara Zetkin und Simone de Beauvoir waren bereits viel weiter.

Indes wollen Ganz und Gerbig, ähnlich «wie Judith Butler es für Geschlechtsidentität vorgeschlagen hat, […] das Konzept ‹Kapitalismus› als eine regulatorische Fiktion» begreifen – also gar nicht. Denn wer mit Geschlechtsidentität argumentiert, behauptet, dass die gesellschaftlich bedingte Ungleichheit von Menschen naturgegeben sei. Umgekehrt wird als Kapitalismus gerade das Gesellschaftssystem hinter den ungerechten herrschenden Verhältnissen erkennbar – und kann damit verändert werden –, die ihre Apologeten gern so darstellen, als wären sie quasi in einer von der Geschichte unabhängigen natürlichen Ordnung begründet. Folglich nennen sich Kapitalisten eher selten selbst so. Aber Kathrin Ganz und Do. Gerbig finden schnell heraus, wem das Konzept gehört: Durch ihre Sorte Queer-Theorie könnten, wie sie meinen – und das ist doch mal ein Angebot in einer Zeitschrift, die sich für ganz links erklärt –, «ausgrenzende Identitätsformen, wie beispielsweise die gewerkschaftlich repräsentierte Arbeiterklasse, […] destabilisiert» werden. Und wenn dann der Kapitalismus aufgehört hat, weil es endlich keine Gewerkschaften mehr gibt, bleibt allein die Wirtschaft übrig, von der die bürgerlichen Ökonomen stets gesagt haben, dass ihre Gesetze zeitlos gültig seien, und in der laut Ganz und Gerbig schon jetzt so vieles möglich ist, was der «binäre Code» des Klassengegensatzes bloß beharrlich verdecke. «Manchmal tauschen wir Güter und Dienstleistungen mit unseren Liebsten auch direkt», überlegen sie, und es fällt ihnen – wenn es darum gehen soll, «Gegen-Narrative zum kapitalozentrischen Denken jenseits kapitalistischer Ausbeutungsverhältnisse» zu schaffen (sic!) – allen Ernstes «der männliche ‹Normalarbeiter›» ein, «der in seiner Freizeit fischen geht und in einem ökonomischen Austauschprozess mit seiner reproduktionsarbeitenden Ehefrau steht. Wir glauben, dass diese dekonstruktivistische Perspektive auf sexuelle und ökonomische Identitäten transformatorische Praxen voranbringen kann.»

Das glaube ich leider auch – und wer weiß, bei der Hingabe, mit der in gewissen Zirkeln an der eigenen Verblödung gearbeitet wird, trägt eines Tages vielleicht auch ein kleines Vermögen Zinsen. Erst recht, wenn zu solchem Schwulst noch die von Antke Engel übernommene These kommt, «dass ökonomische Verwertungsinteressen nicht-normativen und hybriden Identitäten nicht mehr per se entgegenstehen, sondern diese geradezu befördern». Gehöre doch – ein wirklich schlagender Beweis – «das Vorhandensein von schwulen Szenevierteln» zu den entscheidenden «Standortfaktoren, wenn es darum geht, die ‹kreative Klasse› in eine Stadt zu locken». Wenigstens diese «Klasse» scheint also noch gebraucht zu werden – wofür auch immer. So haben wir also alle unsere «Freiräume», und ob wir nun dem malochenden Ehemann einen Fisch braten oder uns im Homokiez verwerten lassen dürfen: Wir «weichen lustvoll ab». Aber wovon denn noch?

Red & Queer 16, erschienen im Mai 2010
Rosige Zeiten, Ausgabe 128 (Juni/Juli 2010)

[PDF der Red & Queer 16 hier.]

Verqueerte Verhältnisse

Salih Alexander Wolter:
Verqueerte Verhältnisse

Verqueerte Verhältnisse betitelt die AG Queer Studies der Hamburger Universität den vor kurzem erschienenen zweiten Sammelband zu ihrer Vorlesungsreihe «Jenseits der Geschlechtergrenzen».1 Dieses queer-feministische wissenschaftliche Angebot, hervorgegangen aus einem 1990 mit schwulem Schwerpunkt begründeten Projekt, ist umso bemerkenswerter, als in der Bundesrepublik insgesamt – sehr zurückhaltend formuliert – «Rückschritte bezüglich der Anerkennung und Einschreibung von geschlechter- und sexualitätenpolitischen Themen in das akademische Feld zu beobachten sind» (S. 31f). Offenbar soll bald kein informierter Einspruch mehr das Publikum gelegentlich irritieren – und schon gar nicht soll die lästige Machtfrage gestellt werden -, wenn beispielsweise «rassistische Feminismen» à la «Alice Schwarzer und der Kreis um die Zeitschrift Emma» (S. 11) ihr borniertes «Wissen» über Migrant_innen auf sämtlichen verfügbaren Kanälen verbreiten. Das wäre dann, im Wortsinn, dumm gelaufen – wie so vieles, seit man sich an hiesigen Hochschulen dem verschreibt, was Wirtschaft und herrschende Politik für «Exzellenz» halten. Dabei ließe sich im heute angesagten Sprech doch auch bedauern, dass «Deutschland» darauf verzichtet, sich um internationale Wettbewerbsfähigkeit auf einem zukunftsweisenden Gebiet der Sozialwissenschaften zu bemühen.

Dem Tunnelblick des heimischen Mainstream setzt der aktuelle Band, acht Jahre nach dem viel beachteten Erstling, Elemente eines pluralen widerständigen Denkens entgegen, das noch da, wo es mir dem hegemonialen Diskurs auf den Leim zu gehen scheint, zumindest wichtige Fragen aufwirft. Der Titel nimmt einerseits Bezug auf die wachsende Komplexität von Macht- und Herrschaftsverhältnissen, die dringend erfordert, «Sexualität und Geschlecht […] in ihrer Verwobenheit mit anderen gesellschaftlichen Normsystemen wie ‹Rasse›, Ethnizität, Klasse, Behinderung oder Alter und vor dem Hintergrund der derzeitigen kapitalistischen/neoliberalen Vergesellschaftung» zu analysieren (S. 17). Entsprechend öffnen sich auch hierzulande Wissenschaftler_innen «intersektionalen» Ansätzen und suchen erfreulicherweise vor allem Anschluss an die im angelsächsischen Raum florierenden Postcolonial Studies – die wiederum in der Bundesrepublik, abgesehen von María do Mar Castro Varelas Professur an der Berliner Alice-Salomon-Fachhochschule, «bisher kaum eine Institutionalisierung an den Universitäten erfahren» (S. 20). Allgemein wird angesichts der «sich vertiefenden Spaltung der Gesellschaft, zunehmender ökonomischer Ungleichheit und der Entstehung eines neuen Prekariats […] das Begehren nach Kapitalismuskritik innerhalb der Queer Studies intensiver» (S. 24f). So klingt andererseits im Wort von den «verqueerten Verhältnissen» Utopie mit an. Es verweist auch auf das, was die Herausgeber_innen intendieren mögen, wenn Queer für sie «insbesondere eine kritische Forschungsperspektive bedeutet» (S. 9): Jacques Derrida hat es einmal – nicht von ungefähr mit Blick auf Karl Marx – eine «performative Interpretation» genannt, «das heißt eine Interpretation, die das, was sie interpretiert, zugleich verändert».

Von hier aus wird verständlich, dass die AG im Lauf der Arbeit an dem Band – der sehr ausführlichen und streckenweise etwas selbstquälerisch anmutenden Einleitung zufolge – immer wieder auf das Problem zurückkam, wie sich die Beziehung von Theorie und Praxis «queer denken» lässt. Sind «unsere Ringvorlesung und dieses Buch auch eine politische Intervention in die heteronormative Ordnung von Universität und Wissenschaft, oder vereinnahmen wir damit politische Kämpfe durch die zugangsbeschränkte akademische Theorieproduktion?» (S. 12). Den meisten Beiträgen gelingt es aber gut, die gesellschaftskritische Relevanz von Theoremen aufzuzeigen, die auf Anhieb eher gesucht schwierig wirken könnten – haben Schlagworte wie «brüchige Identität» oder «nomadische Subjektivität» doch oft den leicht faden Beigeschmack von Befindlichkeitsstörungen höherer Töchter und Söhne. Aber im Gegensatz dazu wird hier – etwa, wenn sich eine Autorin auf das Netzwerk Kanak Attak und die AG 1-o-1 (one ´o one) intersex einlässt – deutlich, dass gerade solche Begrifflichkeit eine die Individuen prägende soziale Realität, für die rassistische Diskriminierung und Zwangs-Zweigeschlechtlichkeit ebenso bestimmend sind wie die Klassenverhältnisse, beschreiben kann, ohne dabei eine Ebene auf die andere zu reduzieren. Und umgekehrt bedienen sich die zitierten Aktivist_innen ihrerseits gern aus dem poststrukturalistischen Werkzeugkasten, wenn sich dort etwas für ihre «agency» – oder Handlungsfähigkeit – Brauchbares findet (s. den Text von Do. Gerbig, S. 151-164).

Wirklich verqueert wird das Theorie-Praxis-Verhältnis – und der Buchtitel vielleicht erst damit in seiner vollen Bedeutung erfasst – bei Jin Haritaworn. Hier bilden beide, vereint wie die gleichzeitig angeschlagenen Töne eines Akkords, ein Ineinander, statt nebeneinander herzulaufen. In diesem Sinn bezeugt seine Intervention Kiss-ins und Dragqueens. Sexuelle Spektakel von Kiez und Nation (S. 41-65) die Möglichkeit von «performativer Interpretation» auch gegen die offensichtlichen Aporien von Judith «Butlers Begriff der Performativität als Zitatförmigkeit» (S. 152). Jin ist, als queerer Aktivist in verschiedenen Ländern unterwegs, durchaus praktisch orientiert und aufmerksam für jedes lokale Detail – so habe ich ihn, passend zum Thema seines Textes, in diesem Sommer als Mitstreiter in Berlin erlebt, als GLADT gegen die Gewalt an migrantischen Trans*-Sexarbeiterinnen in Schöneberg mobilisierte (die äußerst brutalen Vorfälle hatten – und das passt leider ebenfalls – in der Community viel weniger Empörung ausgelöst als der Rausschmiss eines knutschenden Lesbenpaares aus einer Eisdiele ein paar Straßenecken weiter). Aber zugleich gehört Haritaworn, neben Jasbir K. Puar, zu den international meist diskutierten Queer-Theoretiker_innen: In Großbritannien gibt es gegenwärtig eine heftige öffentliche Kontroverse um seine Kritik am gay imperialism – dem Beitrag des schwulen weißen Establishments zum ansteigenden Rassismus in den westlichen Staaten und zur ideologischen Rechtfertigung ihrer Kriege gegen die sogenannte «islamische Welt». An eine frühere Studie von Jennifer Petzen – u. a. zur Rolle des LSVD im Islamophobie-Business – anknüpfend, sensibilisiert das vorliegende Stück für den auch in manchen intersektionalen Überlegungen festzustellenden «‹implizit vergegenständlichenden Effekt der Anrufung durch Kategorien›» (S. 16).

Letzterem wird es geschuldet sein, dass sich die Kultur, die dem Kapitalismus «Stütze und Widerspruch» in einem bietet, wie Fernand Braudel einmal bemerkte, nach Protestbekundungen «doch fast immer erneut schützend vor die herrschende Ordnung» stellt, «ein Vorgang, aus dem der Kapitalismus einen Teil seiner Sicherheit zieht». Fragwürdig erscheint mir aber der Versuch, nun die Ökonomie durch «kulturwissenschaftliche Analysen» zu begreifen, wie es Antke Engel – quasi in Umkehrung der zurückgewiesenen ökonomistischen Verkürzung eines vergangenen Traditionsmarxismus (vgl. S. 24) – vorschlägt, und hier, in Anlehnung an Thesen von Butler, vorzugsweise «ein Interventionsfeld kultureller Politiken» zu sehen (S. 106). Mir jedenfalls wollen «Umarbeitungen neoliberaler Macht- und Herrschaftseffekte», wie sie beispielsweise «im SM-Rollenspiel […] erfolgen» können (S. 105), keineswegs genügen. Darum möchte ich zum Abschluss daran erinnern, dass für Derrida die «Dekonstruktion […] immer nur Sinn und Interesse gehabt» hat «als eine Radikalisierung des Marxismus».

Bleibt noch nachzutragen, dass eine in der Einleitung beklagte «Leerstelle» demnächst geschlossen wird: Heinz-Jürgen Voß leistet mit seinem Buch Making Sex Revisited, das Anfang 2010 bei Transcript veröffentlicht wird, die ausstehende «Zusammenführung queer-theoretischer Ansätze mit naturwissenschaftskritischen Zugängen» (S. 30).

Rosige Zeiten, Ausgabe 125 (Dezember 2009/Januar 2010)

  1. Verqueerte Verhältnisse. Intersektionale, ökonomiekritische und strategische Interventionen, hg. von der AG Queer Studies, Hamburg 2009: Männerschwarm Verlag. [zurück]