«In bester Foucault’scher Tradition». Heinz-Jürgen Voß’ neues Buch über Biologie und Homosexualität

Zuletzt aktualisiert am 13. Mai 2014

«In bester Foucault’scher Tradition», urteilt Susanne Billig auf Deutschlandradio Kultur über das neue Buch von Heinz-Jürgen Voß. Fazit:  «Was Menschen tun und wer sie sind, im Bett und anderswo, kann auf so viele Weisen gedacht und interpretiert werden, wie es Kulturen auf der Erde gibt. Homo, hetero, bi – diese und andere starre Zuschreibungen werden eines Tages ebenso von kulturellen Wandlungsprozessen verschlungen werden, wie sie daraus hervorgegangen sind.» (externer Link zur Textfassung der Rezension)

«Voß liefert ein anschauliches Buch, in dem er schildert, wie manche BiologInnen unter dem Deckmantel der Neutralität homo- und transphobe Forschungspraktiken vorangetrieben haben. Dabei zeigt er auf, wie Menschenversuche über die NS-Zeit hinaus weitergeführt wurden. Das Schreckensbild, das er zeichnet, reicht bis in die Gegenwart, wo Forschende immer noch nach dem ‹schwulen Gen› suchen – und nach der Möglichkeit, es auszumerzen.» Siegessäule, Ausgabe August 2013

«Der Autor versteht es, wie schon in seinen bisher erschienenen Büchern […], komplexe naturwissenschaftliche Zusammenhänge gut verständlich und kompakt darzustellen. Er ist eine wichtige Stimme im ‹emanzipatorischen Streiten›.» aep-informationen, 2/2013

«Die Darstellung ist für Wissenschaftler_innen und Aktivist_innen besonders wertvoll, da sie zum Beispiel dazu anregt, darüber zu reflektieren, wie stark die Arbeiten nationalsozialistischer Forschender in die internationale Forschungswelt eingeflossenen sind und diese bis heute prägen», heißt es in der Rezension, die Diana Schellenberg unter dem Titel «Ist Heteronormativität denn nun heilbar?» auf querelles-net.de veröffentlichte (externer Link).

«Ein absolut lesenswertes Buch», lautet das das Fazit von Christian Ganske auf dem Blog der Jugendkulturen (externer Link).

Voß Biologie & Homosexualität• Heinz-Jürgen Voß: Biologie & Homosexualität – Theorie und Anwendung im gesellschaftlichen Kontext, Lektorat: Salih Alexander Wolter, Münster 2013: Unrast Verlag, 87 Seiten, broschiert, 7.80 €. ISBN 978-3-89771-122-8. Zur Verlagsseite für das Buch geht es hier (externer Link).

Ankündigungstext:

Das Konzept «Homosexualität» entstand im 19. Jahrhundert und ist eng mit Biologie und Medizin verwoben.

Vor dem Hintergrund der massiven staatlichen Verfolgung gleichgeschlechtlicher sexueller Handlungen in europäischen Ländern argumentierten Menschen, die für Straffreiheit stritten, mit der «Natürlichkeit» gleichgeschlechtlichen sexuellen Tuns. «Von Natur aus» gleichgeschlechtlich begehrend, dürften die so handelnden Menschen nicht bestraft werden. Auch die Gegenseite argumentierte biologisch-medizinisch. Beide Richtungen trugen damit dazu bei, dass «Homosexualität» als Konzept etabliert und Biologie und Medizin zu bestimmenden Instanzen über die Legitimität sexuellen Handelns wurden.

Ausgehend von der Genese des Homosexualitäts-Diskurses erläutert der Biologe Heinz-Jürgen Voß die damit verbundenen biologischen Theorien. Dabei stehen Theorien der Keimdrüsen- und Hormonforschung, der Genetik, Neurobiologie und Evolutionsbiologie sowie ihre jeweiligen Methoden im Fokus. Der Autor arbeitet heraus, dass die Forschung vielfach von dem Ziel geleitet war, gleichgeschlechtliches sexuelles Begehren auszulöschen. Die Grenzen zu Menschenexperimenten wurden dabei auch noch nach 1945 überschritten.

Da Homosexualität 1991 aus der internationalen Klassifikation der Krankheiten (ICD) gestrichen wurde, bietet sich aktuell das Potenzial, auch die Forschung neu – ohne diskriminierende Vorannahmen – auszurichten.

Freitext 20: überschreiten …

In der neuen Ausgabe des Kultur- und Gesellschaftsmagazins Freitext finden sich wieder literarische Übersetzungen von Koray Yılmaz-Günay (externer Link). Die Kurzgeschichten aus dem Türkischen sind von Arzu Alkan Ateş (Das Spiel), Ahmet Büke (Sie lebten von Hund in Knochenbrühe und von Träumen), Yavuz Ekinci (Nennt mich İsmail) und Aykut Ertuğrul (Das Keyfekader-Café). Salih Alexander Wolter hat drübergelesen. Das Magazin aus Berlin-Schöneberg macht es sich seit jetzt zehn Jahren zur Aufgabe, mit Aufsätzen, Gedichten, Theaterstücken und Romanauszügen, mit Bildern und Gesprächen eine transkulturelle Perspektive auf die Kulturproduktion in Deutschland zu etablieren. Im Jubiläumsheft finden sich Herausgeber Deniz Utlu, die Redaktionsmitglieder Marianna Salzmann und Mutlu Ergün (a.k.a. Sesperado Lyrical Guerilla Berlin) sowie als Gastautor_innen Jin Haritaworn, Zülfukar Çetin u. v. a.

Heinz-Jürgen Voß: «Intersexualität – Intersex: Eine Intervention»

Zuletzt aktualisiert am 22. August 2013

«Voß ist einer der leider raren Geschlechterforscher, bei dem die inhaltliche Kritik an der vereinnahmenden Ausblendung der Menschenrechtsverletzungen an Zwittern offensichtlich nicht nur zum einen Ohr rein und zum andern flugs wieder raus ging, sondern der die Argumente und Quellen auch zur Kenntnis nahm und seither immer mal wieder beweist, dass er seine Hausaufgaben gemacht hat und die Anliegen der Überlebenden von kosmetischen Genitaloperationen ernst nimmt», schreibt die Selbstorganisation von Inters* zwischengeschlecht.org (externer Link).

Eine «Streitschrift, die sich unbedingt eignet, die Auseinandersetzung um die Menschenrechte auch für intergeschlechtliche Menschen zu bereichern. […] Es bleibt die Hoffnung, dass das Bändchen auch von betreffenden Politiker_innen entscheidender Ausschüsse gesehen wird.» Mädchenblog (externer Link)

«Eine Ethik nämlich, die ihrem Namen gerecht würde, müsste sich radikal für das Selbstbestimmungsrecht der Intersexe einsetzen und deren Maximalforderungen bedingungslos umsetzen. Sie sind es schließlich, die die eigentliche Expertise besitzen […] Die von Voß vorgelegte Intervention […] stützt wissenschaftlich diesen Expert_innenstatus.» kritisch-lesen.de (externer Link)

«Mit der ebenso seltenen wie fruchtbaren Kombination aus biologischer und sozialwissenschaftlicher Perspektive entlarvt Voß das Konstrukt  der Zweigeschlechtlichkeit vielmehr als gesellschaftliches Produkt denn als medizinischen Fakt.» Missy Magazine (externer Link)

«Dieses Buch enthält alles, was mensch für den Kampf gegen die halbherzige ‹Empfehlung des Ethikrates› benötigt. […] kompakt und für alle leicht verständlich und nachvollziehbar. […] Das liest sich spannend!» queer.de (externer Link)

«Ein sehr gut lesbares Buch, das die neue Entwicklung der Intersex-Diskussion nicht nur darstellt, sondern auch konkrete Hilfestellungen gibt, den Kampf gegen die Empfehlung des Ethikrates wieder anzufachen.» Rosige Zeiten.

«Die Intervention zu Intersexualität – Intersex erweist sich als ein kleines, aber feines Buch, das einen gelungenen Einstieg in die aktuelle politische Debatte gibt. […] Das Buch ist flüssig und leicht verständlich geschrieben und macht Lust, sich weiter in das noch immer sehr konfliktbeladene und emotionale Thema um den Kampf auf Selbstbestimmung sowie um Respekt, Toleranz und Anerkennung von Vielfalt und Verschiedenheit einzulesen.» querelles-net (Direktlink zur Rezension)

• Heinz-Jürgen Voß: Intersexualität – Intersex: Eine Intervention, Lektorat: Salih Alexander Wolter, Münster 2012: Unrast Verlag, 80 Seiten, broschiert, 7.80 €. ISBN 978-3-89771-119-8.  Weitere Informationen zum Buch sowie Klappentext und Einleitung auf Das Ende des Sex: Biologisches Geschlecht ist gemacht (externer Link). «Das medizinische Einschneiden in den Körper sowie sein physisches und physiologisches Verändern erweisen sich […] als direkte Fortsetzung zweigeschlechtlicher gesellschaftlicher Norm.»

 

Freitext 19: Neue türkische Literatur

Das neue Heft des Kultur- und Gesellschaftsmagazins Freitext (externer Link) wird am Freitag, dem 20. April 2012, im Ballhaus Naunynstraße in Berlin-Kreuzberg gefeiert. Ab 21 Uhr tragen Mutlu Ergün (a.k.a. Sesperado Lyrical Guerilla Berlin), Moona Moon, die Angry Birds u. a. dort ihre «gesammelten Kopfschmerzen» vor. Die Veranstaltung findet im Rahmen der Literaturreihe «Vibrationshintergrund» statt, die von dem Schriftsteller Deniz Utlu kuratiert wird. Utlu, bekannt für seine «Minimals» und als Mitautor des Bestsellers Manifest der Vielen, ist zugleich Herausgeber der zweimal jährlich erscheinenden Zeitschrift, die versucht, «eine transkulturelle Perspektive auf die Kulturproduktion in Deutschland zu etablieren». Die aktuelle Ausgabe bietet u. a. einen Einblick in die Gegenwartsliteratur der Tükei: Die Erzählungen von Karin Karakaşlı, Menekşe Toprak, Serkan Türk und Güray Süngü wurden von Koray Yılmaz-Günay übersetzt. Salih Alexander Wolter hat drübergelesen.

Ralf Buchterkirchen: «‹… und wenn sie mich an die Wand stellen›»

Zuletzt aktualisiert am 26. Oktober 2013:

+++Unter dem Titel «Menschen leben lieber bunt als soldatisch» gibt es auf queer.de ein ausführliches Interview mit Ralf Bucherkirchen über Männlichkeiten und Militarismus (externer Link). Sehr lesenswert!

«Nicht nur Angst, wie die einen sagen, oder politischer Widerstand, wie die anderen meinen, waren die Gründe für die Entscheidung zu desertieren, sondern die Sehnsucht nach Leben, die Erkenntnis, das Töten nicht mehr ertragen zu können […] Überraschend deutlich wird aber auch, wie Männlichkeitsnormen und Verständnisse von Heldentum – genannt sei hier nur der Begriff der Manneszucht – normierend und disziplinierend auf Soldaten wirken sollen und auch effektiv wirken.» Zülfukar Çetin auf kritisch-lesen.de (externer Link)

Inhaltsverzeichnis und Einleitung zum Buch sowie Links zu weiteren Rezensionen gibt es hier (externer Link).

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•Ralf Buchterkirchen: «… und wenn sie mich an die Wand stellen». Desertion, Wehrkraftzersetzung und «Kriegsverrat» von Soldaten in und aus Hannover 1933-1945, Lektorat: Salih Alexander Wolter, Neustadt 2011: Edition Region + Geschichte (Verlag Arbeitskreis Regionalgeschichte e. V.), 178 Seiten, Paperback, 13,90 €. ISBN: 978-3-930726-16-5. Zum Buch gibt es die sehr empfehlenswerte Website www.deserteure-hannover.de.

Heinz-Jürgen Voß: «Making Sex Revisited» + «Geschlecht – Wider die Natürlichkeit»

Zuletzt aktualisiert am 13. Oktober 2016

Vorab ein Zitat aus Nils Wilkinsons Essay Ordering Darwin: Evolution and Normativity, veröffentlicht in dem empfehlenswerten Sammelband Reflecting on Darwin, hg. von Eckart Voigts, Barbara Schaff & Monika Pietrzak-Franger bei Ashgate, Farnham/England & Burlington/Vermont 2014, S. 165:

«The complexity of specializations within science leads to unbridgeable gaps between scientists who then resort to simplifications so as to be able to at least communicate some of the dense knowledge acquired over a long period of time. This problem appears even more striking when we consider the distortions of scientific insights in the arts and science pages of the popular press. Here, an uncritical reader with only surface knowledge of biological science may be led to think that biology actually holds the answer to the question of what human nature is (look out for sentences that start with ‹scientists now have found the key to…›), rather than showing that nature is a malleable, ongoing process of becoming. For example, if we look into Heinz-Jürgen Voß’s work on the history of not only medical theories of sex, we see that constructivist notions have long been part of such inquiries and that they are not a symptom of the two cultures of hard vs. soft science.»

Making Sex RevisitedHeinz-Jürgen Voß: Making Sex Revisited. Dekonstruktion des Geschlechts aus biologisch-medizinischer Perspektive, Bielefeld 2010 (3., unveränderte Auflage 2011): [transcript] Verlag für Kultur, Kommunikation und soziale Praxis. Lektorat: Salih Alexander Wolter. Für weitere Informationen zum Buch und zur wissenschaftlichen und sexualpolitischen Arbeit von Heinz-Jürgen Voß wärmstens zu empfehlen: sein Blog Das Ende des Sex: Biologisches Geschlecht ist gemacht. Hinweis: Seit Oktober 2016 ist das Werk auch als OPEN-ACCESS verfügbar, z. B. hier (Volltext-PDF auf dem Blog des Autors externer Link) und hier (DOI bei DeGruyter externer Link).

«Salih Alexander Wolter danke ich für seine Freundschaft, für Anregungen zu philosophischen Problemen und die gründliche Durchsicht des Manuskripts. Die lebhaften Diskussionen mit ihm brachten mich zu vielen neuen Gedanken, sein Widerspruch regte mich zur Lektüre zahlreicher schöner Bücher an, sein Zuspruch half mir über schwierige Phasen der Dissertation hinweg.» (Heinz-Jürgen Voß)

Geschlecht - Wider die Natürlichkeit

Heinz-Jürgen Voß: Geschlecht – Wider die Natürlichkeit, Stuttgart 2011 (3., unveränderte Auflage 2013): Schmetterling Verlag/Reihe theorie.org. Lektorat: Salih Alexander Wolter.

S. a. die Rezension von Salih Alexander Wolter: Weder Gott noch Gen. Heinz-Jürgen Voß᾽ «Geschlecht – Wider die Natürlichkeit».

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Zur Einführung empfohlen:

«Beträchtlicher Mehrwert an Erkenntnis». Professor Rüdiger Lautmann im Juli 2012 in der Zeitschrift für Sexualforschung über Heinz-Jürgen Voß‘ «Making Sex Revisited«» und «Geschlecht – Wider die Natürlichkeit«  (externer Link).

Interview im evangelischen Monatsmagazin Chrismon: «Weder Mann noch Frau. Damenbart und Männerbusen: Heinz-Jürgen Voß erklärt, warum die Einteilung in zwei Geschlechter Schaden anrichtet», Ausgabe September 2013 (externer Link).

Interview «Über die scheinbare Eindeutigkeit von Geschlecht» vom November 2013, veröffentlicht auf queer.de und sopos.org (externe Links).

Heinz-Jürgen Voß am 31. März 2016 im Berliner Tagesspiegel: «Geschlecht in der Biologie: Es gibt mehr als zwei Geschlechter» (externer Link).

Heinz-Jürgen Voß am 25. April 2016 auf dem Queerspiegel-Blog: «Geschlecht machen: Gender-Ideologie in Deutschland» (externer Link).

Heinz-Jürgen Voßʾ «Geschlecht – Wider die Natürlichkeit»

Aktualisiert am 3. September 2013: Das Buch erscheint jetzt in der 3., unveränderten Auflage. Herzlichen Glückwunsch! S. W.

Salih Alexander Wolter:
Weder Gott noch Gen. Heinz-Jürgen Voßʾ Geschlecht – Wider die Natürlichkeit

Vorweg: Unvoreingenommen kann ich dieses Buch1 nicht besprechen. Ich bin mit seinem Autor (Foto links) seit langem eng befreundet, habe ihn darin bestärkt, es zu schreiben, und selbst gern das Lektorat übernommen – honorarfrei, versteht sich. Denn ich hoffe, dass es zu einer fruchtbaren Diskussion über das Verhältnis von Queer Theory und Marxismus beitragen wird. Mögliche Anschlüsse bietet eine Einsicht, die Robert Steigerwald bereits 1987 im «Blauen Heft» formulierte, das auf www.dkp-queer.de verfügbar ist: «Im Menschen wirkt kein Dualismus von biologisch angeborenen Verhaltensweisen einerseits und gesellschaftlichen andererseits, sondern Gesellschaftlichkeit wurde zu unserer Natur und bestimmt sämtliche unserer Verhaltensweisen.»

Heinz-Jürgen Voß, eben 31 geworden, gebürtiger Thüringer, aufgewachsen in Sachsen und in der queer-politischen Szene seit Jahren als quirliger linker Aktivist bundesweit bekannt, ist Diplom-Biologe und promovierte im vorletzten Dezember summa cum laude bei dem Sexualwissenschaftler Rüdiger Lautmann in Bremen. Diese Dissertation – unter dem Titel Making Sex Revisited. Dekonstruktion des Geschlechts aus biologisch-medizinischer Perspektive vor Jahresfrist veröffentlicht – wird seither ungewöhnlich breit und kontrovers rezipiert und geht demnächst in die dritte Auflage. Geschlecht – Wider die Natürlichkeit stellt einerseits eine auch für Nicht-Fachleute gut verständliche Zusammenfassung der Studie dar und nimmt andererseits die laufende Debatte auf, in der sich Voß gegen die verbreitete Tendenz stellt, «subversives» queeres Denken mit der kapitalistischen Ordnung zu versöhnen. Dabei ist seine inzwischen deutlich marxistische Positionierung seinem wissenschaftlichen Anspruch geschuldet: Statt sich mit den gängigen «Eindeutschungen angloamerikanischer Herrschaftskritiken, die zu praxisfreien Denkmodellen umgemodelt wurden», zu begnügen, zeigt er – wie ein Fach-Rezensent des Erstlings lobte – «klar und deutlich, wie Wege der Erkenntnis in Zukunft zu beschreiten sind: nicht vereinfachend, sondern komplex, multikausale Ursachen erwägen, materielle Aspekte nicht vergessen, stets die Frage ‹Cui bono?›».

Entsprechend erkundet Voß – der dazu ohne Scheu auf die «abgewickelte» DDR-Sozialforschung zurückgreift, wo der heute akzeptierte akademische Kanon Leerstellen aufweist – immer auch die ökonomischen Bedingungen, die das Geschlechtsleben ebenso mitbestimmen, wie sie das wechselnde Interesse beeinflussen, mit dem es betrachtet wird. So hat 1990 Judith Butlers Gender Trouble (deutsch Das Unbehagen der Geschlechter), ein Grundwerk der Queer Theory, die bis dahin gesichert geglaubte Erkenntnis, dass es eben Männer und Frauen gebe, nachhaltig erschüttert. Was unter aufgeklärten Menschen für das «gesellschaftliche Geschlecht» (englisch gender) – also die «Geschlechterrollen» – spätestens seit Simone de Beauvoir galt: dass es sich dabei nämlich um bloße Zuweisungen handelt, die zur Disposition gestellt werden können, behauptete Butler nun auch für den «vermeintlichen festen, ‹natürlichen› – vorgegebenen und unabänderlichen – Kern», das «biologische Geschlecht» (englisch sex). Ebenfalls 1990 erschien Making Sex von Thomas Laqueur, der zu zeigen suchte, dass es im Zeitalter der Aufklärung zum Bruch zwischen einem seit der Antike tradierten «Ein-Geschlechter-Modell» und der heute üblichen binären, das heißt auf Zweigeschlechtlichkeit fixierten, Sicht gekommen sei. Seither werden allenthalben postmoderne Diskurstheorien gegen die zeitgenössische Naturwissenschaft ausgespielt, die einer emanzipatorischen gesellschaftlichen Entwicklung angeblich entgegensteht. Dagegen belegt Voß durch ebenso sorgfältige wie umfangreiche Quellenarbeit, dass Laqueurs These historisch unhaltbar ist, und diskutiert zugleich den aktuellen Forschungsstand aus Systembiologie und Epigenetik, nach dem sowohl eine Vielzahl von Geschlechtern denkbar ist als auch – dass es «Geschlecht» letztlich gar nicht gibt. Die damit eröffnete Möglichkeit, «eine gesellschaftliche Utopie von Geschlecht zu entwickeln», verführt Voß aber nicht dazu, im bei bürgerlichen Jung-Intellektuellen so beliebten «Gender-Diskurs» einen Ersatz für den notwendigen Kampf um eine gerechte Gesellschaftsordnung zu sehen – weiß er doch, dass der gemachte Geschlechtsunterschied, etwa bei der hierzulande besonders krass ungleichen Entlohnung von Männern und Frauen, nur allzu real ist.

Die so plausibel erscheinende Vorannahme einer Geschlechter-Dichotomie – oder neuerdings auch wieder von «rassischen» Besonderheiten – verstärkt wiederum eine populärwissenschaftliche Interpretation genetischer Erkenntnisse, die der Biologie eine ähnliche Macht über das Schicksal des Menschen andichtet, wie sie in früheren Zeiten der göttliche Schöpfungsplan haben sollte: So reproduzieren sich in der Ideologie der Natürlichkeit die bestehenden Verhältnisse. Theorien, die sich angesichts dessen von der Naturwissenschaft abwenden und von einem auf wirkliche Veränderungen zielenden Engagement ablenken, unterstützen diese Entwicklung noch. Dagegen verweist Voß auf Marx, der uns lehrt, «zu verstehen, dass der Mensch stets ein gesellschaftliches Wesen ist – und warum uns das Verständnis für diese Gesellschaftlichkeit so schnell entgleitet».

Red & Queer 19, erschienen im Januar 2011
uz – Sozialistische Wochenzeitung, Ausgabe vom 18. Februar 2011

[PDF der Red & Queer 19 hier. Im online-Archiv der uz findet sich der Artikel hier.]

  1. Heinz-Jürgen Voß: Geschlecht – Wider die Natürlichkeit, Stuttgart 2011 (3. Auflage 2013): Schmetterling Verlag/Reihe theorie.org (s. auch hier). [zurück]